Kurzbeschreibung

Edward Cullen ist alleinerziehender Vater einer 16 jährigen Tochter. Sein Leben scheint perfekt, doch hinter der Fassade verbirgt sich eine Wahrheit, die er schon viel zu lange verheimlicht hat.
Und es gibt nur eine Frau, die ihn wieder auf den Boden der Tatsachen bringen kann.
All Human, Pairing ExB

Freitag, 12. August 2011

Kapitel 61 - Fester Freund


Bella POV

Es war kaum zu fassen, dass die Geburt meines Sohnes mittlerweile schon ein Jahr zurücklag. Ganze dreihundertfünfundsechzig Tage! Dabei kam es mir so vor, als wäre er erst gestern zur Welt gekommen.

Die Mädchen waren mittlerweile schon seit wenigen Monaten auf dem College.
Als ich Nessie am Flughafen verabschiedete, war es das schwerste, was ich in meinem ganzen Leben getan hatte.
Sie würde weiterziehen, doch da ich wusste, dass Jackson bei ihr war und auf sie Acht gab, machte ich mir weniger Sorgen.
Mein kleines Mädchen studierte nun tatsächlich in Dartmouth. Ich war tatsächlich Mutter einer Dartmouth Studentin und ich könnte nicht stolzer auf mein Mädchen sein.

Es tat weh, dass Nessie nun fast eintausend Meilen von mir entfernt lebte, doch ich verkraftete es besser, als ich es vermutet hatte.  

Nessie und ich telefonierten so oft es ging - beinahe täglich - und ich musste den Hörer sogar jedes Mal Chris ans Ohr halten, damit er den Klang ihrer Stimme, und somit auch sie, nicht vergaß.

Der Abschied am Flughafen war für jeden von uns schwer gewesen.

Emily und Nessie hatten in den letzten Tagen vor Nessies Abreise nur aneinander geklebt und besonders am Flughafen konnte man sehen, wie schwer es für beide war, sich von der besten Freundin zu verabschieden. Doch sie waren nicht mehr nur beste Freundinnen.
Sie waren Schwestern und das würden sie auch immer sein.  

Jake war an diesem Tag gar nicht er selbst gewesen. Er hatte kaum ein Wort herausgebracht, was überhaupt nicht seine Art war. Normalerweise fing er immer an herumzublödeln, sei es, weil er einfach Lust darauf hatte, oder weil er seine wahren Gefühle verbergen wollte. Doch an diesem Tag kam er mir irgendwie verloren vor und als der Abschied nahte und jeder von uns sich von Nessie verabschieden wollte, nahm er sie fest in seine Arme und ich erkannte die Tränen, welche an seinen Wangen herab liefen.  
In diesem Moment hatte er sich wie ein ganz normaler Vater benommen. Nicht wie ein guter Kumpel, der es liebte mit Nessie herumzualbern und ihr jeden Wunsch von den Augen ablas.
Nein, er hatte sie fest an sich gedrückt, versuchte aber dennoch stark zu bleiben und er hatte versucht ihr Mut zuzusprechen, dass sie es schaffen würde und er hatte ihr versichert, dass wir immer für sie da waren, ganz egal was passierte.

Als Nessie Christopher auf den Arm nahm und sie sich von ihrem kleinen Bruder verabschieden wollte, konnte auch sie sich nicht mehr halten und versuchte erst gar nicht, ihre Tränen wegzuwischen. Sie liebte ihren kleinen Bruder über alles und ich wusste, dass es ihr weh tat nicht dabei sein zu können, wenn er immer weiter wuchs.  
Aber wir waren ja nicht aus der Welt. Sie würde uns besuchen kommen oder wir sie und genau das hatte ich versucht ihr klarzumachen und so schwer es mir auch fiel, mein Mädchen allein in die große, weite Welt zu lassen, genauso sehr wollte ich nicht, dass sie so traurig war, also hatte ich versucht sie aufzumuntern.

Und heute war meine Tochter endlich wieder hier!

Das erste Mal, seitdem sie auf dem College angefangen hatte, war sie wieder Zuhause um zusammen mit uns und dem Rest der Familie Christophers ersten Geburtstag zu feiern.
Und sie sah wunderschön aus.
Das College tat ihr gut und ich konnte sofort sehen, wie sie allein schon innerhalb dieser kurzen Zeit ein Stück erwachsener geworden war.



Die komplette Familie würde heute hier sein.

Meine Eltern waren seit gestern in Chicago und obwohl sie sich geweigert hatten, in einem unserer Gästezimmer zu schlafen, konnten wir sie dennoch überreden. Eigentlich war es Edward gewesen, der es geschafft hatte sie davon zu überzeugen, dass wir genügend Platz zur Verfügung hatten und sie uns selbstverständlich nicht stören würden.
Ich hatte keine Ahnung, wie Edward das immer anstellte, aber er hatte diese Gabe, die Menschen mit seinem Charme so sehr zu bezirzen, dass sie ihm immer zustimmten.
Bei meinen Eltern kam jedoch noch hinzu, dass sie Edward sehr mochten und sie es als unhöflich empfanden, wenn sie solch ein nettes Angebot ablehnen würden.
Außerdem konnten sie so viel mehr Zeit mir ihrem Enkelsohn verbringen und das wollten sie sich natürlich nicht nehmen lassen.

Und vielleicht würden meine Eltern sogar miterleben, wie Christopher seine ersten Schritte machte.

Nessie und Emily konnten es sich nicht nehmen lassen, ihn immer mal an der Hand zu nehmen und ganz langsam mit ihm durch das Haus zu laufen und er liebte es, wenn seine Schwestern die ganze Zeit bei ihm waren.
Allerdings, immer wenn wir versuchten, dass er auf einen von uns zulaufen sollte, stand er einfach nur da, sah uns aus großen Augen an und ließ sich auf den Boden plumpsen, damit er auf uns zukrabbeln konnte.

Besonders heute war der kleine Mann ganz aufgeregt, was ihn von seinen Laufversuchen ablenkte. Aber er fand es toll, dass so viele um ihn herum waren, die ihm die ganze Aufmerksamkeit schenkten.

Einfach alle, die zur Familie gehörten oder uns nahe standen, waren da.
Nessie war natürlich mit Jackson angereist, denn auch er wollte mal wieder seine Familie und die seiner Freundin besuchen.
Dass Daniel zusammen mit Emily hier war, war zwar nichts außergewöhnliches, schließlich studierte er seit über einem Jahr an der Chicago State University, dennoch war es schön zu sehen, wie gut er sich mittlerweile mit allen gut verstand. Dasselbe galt für Jackson.

Esme und Carlisle kamen heute natürlich auch, schließlich wohnten sie nur wenige Minuten von hier und auch Rose und Emmett kamen mit den Zwillingen.
Andrew und Matthew fanden es ganz toll, dass sie innerhalb der Familie nun auch jemanden zum spielen hatten.

Jake würde auch vorbeikommen, schließlich war er Christophers Patenonkel und Chris liebte es, wenn Jake mit ihm herumblödelte. Allerdings würde Jake diesmal ohne Leah vorbeikommen, da sie auf Geschäftsreise war, doch ich fand es sehr lieb von ihr, dass sie Chris dennoch ein Geschenk gekauft hatte. Sie hatte sogar angerufen und sich dafür entschuldigt, nicht dabei sein zu können, doch ich versicherte ihr, dass es kein Problem war und dass wir ihr ein Stück Torte aufheben würden.


„Hey, wo bleibst du denn so lange?“, hörte ich die liebliche Stimme meines Freundes direkt hinter mir fragen und erschrak, da ich ihn nicht hatte kommen hören.

Mein Freund… Nein, eher mein fester Freund.  
Es war komisch, ihn als solchen zu betiteln. Fester Freund klang mehr nach High School und nicht so, dass er der Vater meines Kindes war und wir als Familie zusammenlebten.
Ihn als festen Freund zu betiteln klang irgendwie… unbedeutend.
Dabei war das, was wir hatten, alles andere als bedeutungslos.
Was wir hatten war etwas fürs Leben und da passte diese fester Freund Sache nun mal nicht rein.

Er war mein… Lebenspartner. Mein Seelenverwandter. Die Liebe meines Lebens.

„Entschuldige, ich war nur in Gedanken“, seufzte ich und drehte mich zu Edward herum.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte er mich besorgt und strich mit seinen Finger sanft meine Wange entlang.

„Ja, natürlich. Es ist nur… Ich kann es nicht fassen, dass es schon ein Jahr her ist, dass Chris geboren wurde.“

Na gut… Ich log ein bisschen, aber man musste seinem Partner ja nicht immer die Wahrheit sagen über das, was man dachte. Denn in den letzen Tagen war ich oft mit meinen Gedanken ganz woanders. Überall, nur nicht in der Gegenwart.
Ich wusste ja selbst nicht, woher all diese Gedanken auf einmal kamen, aber Tatsache war, sie waren da.
Dabei hatte es nur nebensächlich mit Christopher und unseren Töchtern zu tun.
Es ging mehr um uns. Um Edward und mich. Unsere Beziehung.

Natürlich war ich glücklich, das stand überhaupt nicht zur Debatte.
Jeden Abend neben Edward einzuschlafen und jeden Morgen neben ihm aufzuwachen war für mich immer noch ein wunderschönes Gefühl.
Aber irgendetwas fehlte mir, doch ich hatte Angst, es in Edwards Gegenwart zu erwähnen.
Ich wollte nicht, dass er das Gefühl bekam, er würde irgendetwas falsch machen, denn obwohl Edward eine äußerst harte Schale hatte, saß ein weicher Kern in ihm und dieser Kern war sehr verletzlich.

Edward litt immer noch an Verlustängsten.
Jedes Mal, wenn wir uns stritten oder ich mich überfordert fühlte, konnte ich diese gewisse Angst in seinen Augen erkennen.  
Eine Angst, die ich vorher nie wirklich wahrgenommen hatte, doch mittlerweile kannte ich ihn gut genug um zu wissen, was in ihm vorging. Denn obwohl er wusste, dass ich ihn und unsere Familie niemals verlassen würde, nagte es an ihm. Es war ein Teil seiner Persönlichkeit und würde es vermutlich immer sein.

Und genau deshalb konnte ich es ihm eigentlich nicht übel nehmen, dass er sich so um mich sorgte, wenn ich tief in Gedanken versunken war, aber solange ich nicht selber wusste, was genau in mir vorging, konnte ich mich ihm auch nicht anvertrauen.

„Ja, und bald wird er schon richtig laufen können und uns durch das ganze Haus jagen“, grinste er bei der Vorstellung und gab mir einen Kuss.

„Oh ja, das wird er“, erwiderte ich darauf und dachte daran, dass er beim Krabbeln schon so schnell war, dass ich da noch kaum mithalten konnte, aber dem kleinen Racker machte es immer wieder Spaß, wenn man ihm hinterher rannte und sein Lachen war für mich einfach der schönste Klang auf der ganzen Welt.

„Ist der Kaffee fertig?“, fragte mich Edward und deutete auf die Kaffeekanne, schließlich war der Kaffee ja auch der Grund gewesen, weswegen ich in die Küche gegangen war, doch die Warterei, bis der Kaffee endlich fertig war, hatte mich wieder in meine Gedankenwelt befördert. In dieser Zeit hätte ich wahrscheinlich noch zehn Kannen kochen können.

„Ja, natürlich“, beantwortete ich seine Frage, nahm die Kanne in die Hand und lief mit ihm zurück ins Wohnzimmer.

Emily war gerade dabei, Chris die Kunst des Laufens beizubringen.
Sie stand hinter ihm und hielt ihn an beiden Händen fest, während Christopher ganz langsam einen Schritt nach dem nächsten machte.
Allerdings ließ er sich ganz leicht durch die vielen Menschen um ihn herum ablenken, denn jeder schenkte ihm seine Aufmerksamkeit und er vernachlässigte dadurch das Laufen.
Nessie hingegen versuchte immer wieder, dass Chris auf sie zulief, doch wie so oft ließ er sich einfach auf dem Boden plumpsen und kicherte stattdessen ganz entzückt, als seine Schwester daraufhin einen gespielten Schmollmund zog.

Es war schön zu sehen, wie sorglos alle waren.
So glücklich und zufrieden, einfach nur weil die ganze Familie zusammen war.

Und wir waren wirklich zu einer richtigen Familie zusammengewachsen.

Meine Eltern mochten Carlisle und Esme sehr. Zwischen ihnen hatte sich eine Freundschaft entwickelt und wie ich erst kürzlich erfahren hatte, telefonierte meine Mom öfter mal mit Esme.
Und Edward vergötterten meine Eltern ja ohnehin und das schon von dem Moment an, als sie ihn zum ersten Mal trafen und ich in Edward zu der Zeit eigentlich nur einen Freund sehen wollte. Sie waren ganz vernarrt in ihn.

Es war wirklich erstaunlich, wie perfekt wir alle harmonierten.
Aber natürlich waren wir nicht perfekt. Jede Familie hatte ihre Tücken und Macken, doch an Tagen wie diesen schien es so, als ob alle Probleme von einem abfallen würden.
Man fühlte sich einfach nur glücklich und man bekam leicht das Gefühl, dass nichts und niemand dieses Glück zerstören könnte.

Ich konnte mich glücklich schätzen, ein Teil dieser Familie zu sein.
Nicht nur jetzt, wo die Cullens, Blacks und Swans vereint waren, sondern auch früher, zu meiner Teenagerzeit.
Damals hatten meine Eltern viel Geduld mit mir gehabt. Viel zu oft hatte ich irgendeine Scheiße gebaut und sie waren sehr oft sauer auf mich gewesen, doch ich hatte nie das Gefühl gehabt, dass sie mich, durch meine eigene Dummheit, nicht mehr lieben würden.
Besonders als ich erfahren hatte, dass ich mit Nessie schwanger war, hätte ich für ihre Unterstützung nicht dankbarer sein können.
Dass sie damals mit dieser Situation unzufrieden waren, war nur logisch. Wer wollte schon, dass die eigene Tochter mit siebzehn Jahren Mutter wurde?

Die High School musste ich abbrechen und ich konnte nicht aufs College gehen.
All die Zukunftsträume waren dahin, denn obwohl ich so viel Mist in der Schule baute, war ich stets eine gute Schülerin gewesen.
Meine Noten waren gut und auch wenn ich es mit meiner Schulakte auf kein Elitecollege geschafft hätte, hätte ich dennoch an einer guten Universität studieren können.

Als meine Mom damals schwanger wurde, hatte sie gerade erst die High School abgeschlossen. Sie hatte sich erhofft, dass ihre Tochter es einmal weiterbringen würde.
Dass sie eine Karriere anstreben konnte und erst dann eine Familie gründete, wenn sie soweit war.
Und dennoch, obwohl all ihre Träume für mich in den Sand gesetzt wurden, hatten sie nie aufgehört mich zu lieben. Sie hatten uns unterstützt. Jacob, Nessie und mich und ohne ihre Hilfe wüsste ich nicht, wo ich jetzt stünde.

Ohne ihre Hilfe würde ich jetzt nicht dieses wunderbare Glück empfinden und doch empfand ich etwas, was ich nicht empfinden wollte… Unvollkommenheit.

„Hey, träumst du schon wieder?“, hörte ich Edward fragen und richtete meinen Blick auf.

„Hm? Oh… ja. Entschuldige“, gab ich nur von mir als ich bemerkte, dass ich immer noch am Durchgang zum Wohnzimmer stand, die Kaffeekanne immer noch in meinen Händen haltend. Es grenzte schon an ein Wunder, dass sie mir nicht aus der Hand geglitten war, während ich in meinen Gedanken mehr Aufmerksamkeit schenkte, als der Gegenwart.

„Ich würde zu gern wissen, was in deinem hübschen Kopf vor sich geht“, sagte er, nahm eine meiner Haarsträhnen zwischen seine Finger und steckte sie mir hinters Ohr.

„Es ist nichts“, lächelte ich ihn beruhigend an.
„Außerdem muss ein Mann ja nicht alles wissen“, neckte ich ihn und lief an ihm vorbei zu den anderen.

Christopher bemerkte mich sofort und streckte seine kurzen Ärmchen in meine Richtung.
Sofort nahm ich ihn in meine Arme, nachdem ich die Kaffeekanne auf den Tisch abgestellt hatte und drückte ihm einen kleinen Kuss auf deine Wange, was ihn so stark grinsen ließ, dass ihm der Schnuller heraus fiel.

„Na, mein Kleiner? Keine Lust zu laufen?“, fragte ich ihn und strich zart über seine bronzefarbenen Haare. Seine unglaublich grünen Augen strahlten mich an und das Grinsen auf seinem kleinen Gesicht nahm einen frechen Ausdruck an.

Er sah seinem Vater so unglaublich ähnlich, dass es schon beinahe unheimlich war.
Selbst Esme hatte gesagt, dass Christopher genauso aussah, wie Edward, als er noch ein kleines Kind war und als sie mir mal ein paar Bilder aus Edwards Kindheit gezeigt hatte, konnte ich mich selbst davon überzeugen. Es war verblüffend.

„Er ist nicht lustlos, sondern einfach nur faul“, kommentierte Emily, kam zu uns herüber und schnitt irgendwelche Grimassen, die Chris zum lachen brachten. Er war so ein fröhliches Kind und es war nur noch wenig von dem kleinen Schreihals in ihm zu erkennen, der er am Anfang noch gewesen war. Allerdings blieben seine Schreiattacken immer noch nicht völlig aus.

„Liebes, du hast auch erst mir vierzehn Monaten das Laufen gelernt“, warf Esme ein, sah ihre Enkelin dabei jedoch liebevoll an.

„Jaja, das ist doch schon eine alte Leier. Hier geht es aber nicht um mich, sondern um meinen kleinen, faulen Bruder“, erwiderte sie und kitzelte ihn am Bauch, was ihn so sehr zum Lachen brachte, dass er in meinen Armen wild herumzappelte.

„Okay, wie wäre es, wenn ihr noch etwas mit ihm spielt, während ich noch mal in die Küche gehe und die Torte hole?“, schlug ich meinen beiden Töchtern vor und setze Chris wieder auf den Boden ab, der sofort zu seinen Bausteinen krabbelte.

„Klar, zum Krabbeln bist du nicht zu faul“, kommentierte Emily und setzte sich, zusammen mit Nessie, zu Chris um mit ihm zu spielen.

Während unsere Gäste sich weiterhin unterhielten, ging ich wieder in die Küche um die Torte aus dem Kühlschrank zu holen. Für Chris hatte ich extra eine Kerze, in Form einer Eins gekauft und gerade, als ich diese aus der Schublade holen wollte, damit ich sie auf die Mitte der Schokoladentorte platzieren konnte, betrat Edward wieder die Küche.

„Es kommt mir fast so vor, als würdest du mich verfolgen“, bemerkte ich und drehte mich zu ihm um.

„Nun, vielleicht ist es ja auch so“, erwiderte Edward, kam auf mich zu und legte seine Arme um meinen Körper.
„Ich bin gerne in deiner Nähe“, hauchte er in mein Ohr und lehnte seine Wange an meine.

Das liebte ich so an Edward.
Es gab keinen einzigen Tag, an dem er mir nicht zeigte, dass er mich liebte.
Viele Leute sprachen die Worte ‚Ich liebe dich’ viel zu leichtsinnig aus.
Andere hatten diese Wörter vielleicht einmal ernst gemeint, doch in vielen Beziehungen entwickelte sich die Bedeutung dieser drei Wörter zu einer Routine.

Jedoch nicht bei Edward und mir.
Die Art, wie er mich immer in den Arm nahm und mich küsste oder auch einfach nur die Art, wie er mich ansah, zeigte mir immer, wie sehr er mich liebte.

Als ich meinen Kopf gegen seine Brust lehnen wollte, einfach nur, um seine Wärme noch etwas länger um mich herum zu spüren, drückte sich etwas gegen meine Wange.
Verwirrt lehnte ich meinen Kopf zurück und griff mit einer Hand nach dem Gegenstand unter seinem Hemd.

Der Ring.

Die Kette mit dem Verlobungsring, welchen Edward mir vor fast zwei Jahren geben wollte.
Erst ein paar Tage nach Christophers Geburt hatte ich diese Kette an ihm entdeckt. Vorher war sie mir nie aufgefallen.

Noch zu gut konnte ich mich an den Moment erinnern, als ich ihn darauf ansprach.
Zuerst hatte er etwas gezögert, doch dann hatte er nach meinen Händen gegriffen, mir tief in die Augen gesehen und gesagt: „Diese Kette, viel eher dieser Anhänger, soll mich immer daran erinnern, dass ich um dich Kämpfen muss und dass ich dich nicht als Selbstverständlich ansehen darf. Denn ich will nie wieder einen Fehler begehen, bei dem ich riskieren könnte, dich zu verlieren. Wenn ich diesen Ring bei mir trage, fühle ich mich stark und ich weiß, dass wir zusammengehören. Selbst wenn er nicht da ist, wo ich ihn am liebsten an dir sehen würde, aber ich trage ihn stets bei mir. Direkt in der Nähe meines Herzens, denn dort bist auch du.

Zugegeben, es klang etwas kitschig, doch in diesem Moment hatten mir damals einfach die Worte gefehlt. Ich hatte niemals daran gedacht, dass er den Ring immer noch hatte. Nach unserer Trennung hatte ich vermutet, dass er ihn weggeschmissen oder zurückgegeben hatte, aber dass er ihn immer noch besaß, war für mich einfach… unbeschreiblich.

Und er trug ihn heute noch.

Selbst beim schlafen nahm er ihn nicht ab. Der Ring war ein Teil von ihm geworden, genauso wie ich ein Teil von ihm war. Und er war ein Teil von mir.
Wir gehörten einfach zueinander und es hatte viel zu lange gebraucht, bis ich das eingesehen hatte. Wohl eher, bis ich es einsehen wollte. Denn aus Angst, verletzt zu werden, hatte ich mit meiner Einstellung auch andere verletzt.
Doch ich wollte Edward nicht verletzen.

Und genau in diesem Moment erschien alles einen Sinn zu ergeben.
Der Grund, wieso ich mich so unvollständig fühlte. Warum ich das Gefühl hatte, dass mir irgendetwas fehlte.

Es missfiel mir, Edward einfach nur als meinen Freund oder Lebenspartner zu bezeichnen.
Ich wollte mehr. Und er war mehr. Und ich wollte es offiziell.

Der Zeitpunkt dafür schien mir perfekt und allein bei dem Gedanken daran bereitete sich eine Wärme in mir aus, die ich so vorher noch nie gespürt hatte.

Ja, ich war bereit.

Doch wie sollte ich es Edward verständlich machen?
Nach dem, was ich ihm immer gesagt hatte, was ich von der Ehe hielt und nachdem ich beim letzten Mal seinen Antrag abgelehnt hatte, war es nur verständlich, dass er mich nicht mehr fragen würde. Jedenfalls vermutete ich das.
Doch ich wollte nicht warten, bis er genügend Mut hatte, mich erneut zu fragen.

Ich war bereit!

„Edward…“, fing ich an und hoffte, dass der Mut mich nicht in letzter Sekunde verlassen würde.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen