Kurzbeschreibung

Edward Cullen ist alleinerziehender Vater einer 16 jährigen Tochter. Sein Leben scheint perfekt, doch hinter der Fassade verbirgt sich eine Wahrheit, die er schon viel zu lange verheimlicht hat.
Und es gibt nur eine Frau, die ihn wieder auf den Boden der Tatsachen bringen kann.
All Human, Pairing ExB

Freitag, 11. Februar 2011

Kapitel 35 - Gefühlssache

Bella POV

„NEIN, NICHTS ‚EMILY BITTE’! LASS.MICH.IN.RUHE!!“

Dies und das Zuknallen einer Tür war das Letzte, was ich hörte, bevor das Haus in völlige Stille getaucht wurde.  

Es war beinahe schon unheimlich, wie still es hier geworden war, nachdem Edward Emily die ganze Wahrheit erzählt hatte.

Ich hatte nicht viel von dem mitbekommen, was gesagt wurde, doch Emilys laute Stimme konnte ich ganz genau vernehmen.

Natürlich war sie aufgebracht.

Welches Mädchen würde es nicht sein, wenn sie erfuhr, dass die eigene Mutter noch lebte?
Es war schwer, doch genau jetzt war es wichtig, die Ruhe zu bewahren und ich war froh darüber, dass Edward ihr gegenüber die Stimme nicht erhoben hatte.
Emily musste schon viel zu viel für ihr junges Alter durchmachen, da wäre es nicht von Vorteil gewesen, wenn ihr Vater bei solch einem wichtigen Gespräch auch noch laut wurde.

Langsam und vorsichtig, fast schon schleichend, lief ich ins Wohnzimmer zurück, wo ich einen verzweifelten Edward vorfand.

Er saß auf der Couch, die Ellbogen auf seine Knie abgestützt, und raufte sich mit beiden Händen seine bronzenen Haare.

Ich zweifelte daran, dass er mich überhaupt bemerkt hatte, doch ich konnte es ihm nicht verübeln.

Nur zu gut konnte ich mir vorstellen, was gerade in seinen Kopf vor sich ging.
Nichts könnte schlimmer sein als die Befürchtung, das eigene Kind zu verlieren, dass es sich abwandte, weil man vor Jahren eine Entscheidung getroffen hatte, die nur das Beste für das Kind sein sollte.

Doch Emily brauchte nur etwas Zeit, da war ich mir sicher.

„Hey“, flüsterte ich, kniete mich vor ihm hin und strich mit meiner Hand durch seine verwuschelten Haare.

„Ich habe alles kaputt gemacht“, flüsterte er und zog so stark an seinen Haaren, dass ich schon fast befürchtete, dass er sie sich herausreißen würde.

„Nein, das hast du nicht. Gib ihr Zeit“, versuchte ich ihn zu beruhigen, doch das Gegenteil war der Fall.

Von einem Moment auf den anderen sprang er von der Couch auf und lief durch das Wohnzimmer.

„Zeit? Verdammt, da wird keine Zeit der Welt helfen! Sie hasst mich! Verstehst du das? Meine eigene Tochter verabscheut mich für das, was ich getan habe!“
Seine Stimme wurde mit jedem Wort lauter und er lief immer hektischer hin und her, als ob er so eine Lösung für das Ganze finden würde.  

Ich musste an die Situation zurückdenken, als Edward das erste Mal an einer Schulveranstaltung aufgetaucht war und wie sehr es ihm zu schaffen machte, dass Emily sich ihm nicht sofort um den Hals warf.

Diesmal war die Situation jedoch verzwickter.

Emily hatte gerade erfahren, dass ihre Mutter noch am Leben war und da war es doch natürlich, dass sie… ausrasten würde.

Oft hatte ich versucht, Edward irgendwie auf diesen Moment vorzubereiten, ihm klar zu machen, dass Emily natürlich erst geschockt sein würde.
Dass sie alles erst einmal verkraften müsste, bevor er vernünftig mit ihr reden konnte, doch anscheinend waren all meine Versuche zwecklos gewesen.

„Sie hasst dich nicht, Edward“, versuchte ich ihm deutlich zu machen, doch auch das schien an ihm abzuprallen.

„Woher willst du das denn wissen? Du kennst sie nicht so gut wie ich! Du hast nicht in ihre Augen gesehen! Verdammt, wärst du hier geblieben, wäre es nicht so gekommen!“, sagte er wieder lauter und tigerte weiter durch das Zimmer.

Wollte er mir jetzt etwa die Schuld dafür geben?

Der Grund dafür, warum ich den Raum verlassen hatte war, weil ich ihm die nötige Privatsphäre für das Gespräch geben wollte.
Es war ein Gespräch, auf das er schon zu lange gewartet hatte, doch er musste es alleine schaffen, dennoch wollte ich in der Nähe sein, falls es hart auf hart kommen sollte.

„Edward, jetzt beruhige dich doch“, sprach ich leise auf ihn ein.
Ich wollte nicht streiten, nicht schon wieder und es würde nichts bringen, wenn wir beide uns nur gegenseitig anschreien würden, denn seine Worte verletzten mich.

„Beruhigen? Ich soll mich beruhigen?! Meine Tochter ist gerade dabei ihre Sachen zusammenzupacken und du sagst mir, dass ich mich verdammt noch mal beruhigen soll?! Wenn sie jetzt geht, ist es deine Schuld! Du hättest sie dazu bringen können, mir zuzuhören, aber NEIN, du musstest ja gehen und mich mit der Situation alleine lassen!“

Er wirkte so verzweifelt, so verletzt und aufgewühlt, dass es mir schmerzte, ihn so zu sehen, aber ich verstand nicht, warum er mir dafür die Schuld geben musste.

Wieso tat er das?
Wusste er nicht, dass mir seine Worte weh taten?
Wie konnte er nur sagen, ich sei an der Situation schuld?

Wahrscheinlich brauchte er nur einen Sündenbock für das Ganze, aber wieso ich?!
Wieso nicht Tanya, schließlich war sie doch Schuld, dass Edward seine Tochter jahrelang belügen musste.
War es etwa nur, weil ich zur falschen Zeit am falschen Ort war?
Wieso konnte er sich von mir einfach nicht helfen lassen, statt dass er mich wieder einmal anschrie?
Ich hatte es so satt… so stellte ich mir eine Beziehung nicht vor, besonders nicht am Anfang.

„Edward, hör mir zu“, begann ich in einer ruhigen Tonlage und hoffte, dass er sich schneller wieder beruhigen würde, wenn ich nicht auch noch anfing loszubrüllen.

Alles in mir schrie danach ihm zu sagen, wie sehr seine Worte mich verletzten, wie sehr es schmerzte, dass er mich immer anbrüllen musste.

„Hab ein bisschen vertrauen zu Emily. Sie ist noch sehr jung, aber sie ist klug und sie wird dich verstehen. Sie wird verstehen können, warum du das getan hast, aber das alles braucht seine Zeit. Ich weiß, es ist schwer, aber…“ Ich stockte als ich seinen Gesichtsausdruck sah.

Wütend und zornig sah er mich aus seinen grünen Augen an.
Wie an dem Tag, als ich unangemeldet hier aufgekreuzt war und wie im Ferienhaus, als wir uns gestritten hatten.

„Du weißt, wie schwer es ist? Du sagst mir, dass du es VERDAMMT NOCH MAL WEIßT? WOHER ZUR HÖLLE SOLLST DU DAS SCHON WISSEN? DEINE TOCHTER HASST DICH NICHT, ALSO KANNST DU DIR NICHT IM GERINGSTEN VORSTELLEN WIE SCHWER ES IST, ALSO HÖR AUF SO ZU REDEN, ALS OB DU ES WÜSSTEST!!“

Da war er wieder… der böse Edward Cullen.

Die Seite an Edward, die ich abgrundtief hasste, dabei war es in den letzten Monaten doch so viel besser geworden.
Edward hatte gelernt, mit dieser Seite umzugehen, hatte gelernt seine Wut zu kontrollieren, doch seitdem Tanya aufgetaucht war, war alles anders.
Der gute Edward kam nur noch selten zum Vorschein, dafür war der böse Edward umso präsenter.

„Ich denke, ich sollte lieber mal nach Emily sehen“, sagte ich nur und sah noch einmal in seine lodernden grünen Augen.

Ich wollte sowieso noch einmal zu Emily und nachsehen, wie es ihr wirklich ging.

Bestimmt brauchte sie jemanden zum Reden, jemand dem sie sich anvertrauen konnte und ich hoffte, dass sie mir auch diesbezüglich vertraute.

Die Gelegenheit schien mir am Geeignetsten.
Ich konnte nicht noch länger hier bleiben und mich anschreien lassen, ohne dass es einen Grund dafür gab und ich wollte nicht wieder die Kontrolle über mich verlieren.

Aus Fehlern lernen, das war eine Sache, die eigentlich immer gut funktionierte, doch Edward schien da die Ausnahme zu sein… leider.

„Ja, bieg es wieder gerade“, murmelte er vor sich hin, doch darauf ging ich nicht ein.

Ich war wütend.

Wütend, weil er nicht einmal bemerkte, was er mir an den Kopf warf.
Wütend, weil er mich wieder angebrüllt hatte.
Wütend, weil er nicht bemerkte, wie sehr mich seine Worte verletzten.
Wütend, weil es nicht den Anschein machte, als würde er auch nur ein Wort davon bereuen.

Also ging ich, ohne ein weiteres Wort zu sagen und ohne mich noch einmal umzusehen, nach oben.

Emilys Zimmer lag im hinteren Bereich des ersten Stockwerks.
Je näher ich ihrem Zimmer kam, desto mehr konnte ich die Musik wahrnehmen, die daraus ertönte.
Eine aggressive Musik, doch ich konnte mir vorstellen, dass es bei ihrer Gefühlslage half.

Vorsichtig, jedoch laut genug, dass sie mich auch durch die Musik hindurch hören konnte, klopfte ich an ihre Zimmertür.

„HAU AB!“, hörte ich sie nur schreien, woraufhin sie die Musik etwas lauter drehte.

„Ich bin’s, Bella“, erklärte ich und hoffte, dass sie wenigstens mit mir reden würde, schließlich konnte sie sich bestimmt denken, dass ich von diesem Geheimnis wusste und ich könnte es sogar verstehen, wenn sie auch auf mich wütend war.

Ich konnte mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie ich an ihrer Stelle reagieren würde, wie sehr mich alles verletzten würde und wie enttäuscht ich von allen wäre, die mir etwas bedeuteten und mich jahrelang angelogen hätten.

Die Musik aus Emilys Zimmer verstummte und ich fragte mich, ob sie vielleicht doch dazu bereit war, mit mir zu reden.
Eine Weile hörte ich nichts, doch dann konnte ich Schritte vernehmen und hörte, wie das Schloss ihrer Tür im nächsten Moment knackte, ehe Emily sie für mich öffnete.

„Komm rein“, sagte sie und öffnete die Tür noch ein Stückchen weiter, damit ich in ihr Zimmer gelangen konnte und schloss sie wieder ab, sobald ich es betreten hatte.

Es war das erste Mal, dass ich in Emilys Zimmer war.

Es war etwa genauso groß wie Edwards Schlafzimmer, doch völlig anders aufgebaut.
Zwei der Wände waren in einem dunklen Lila gestrichen, die anderen zwei in einem zarten rosa.
Ihr Bett stand direkt gegenüber der Tür und an der Wand rechts davon stand ein großer Schreibtisch.
An der Wand, die gegenüber vom Schreibtisch lag, entdeckte ich eine Fotocollage, voll mit Bildern von Emily und Nessie, Emily und Daniel, Nessie und Jackson… es waren unzählige.

„Wie fühlst du dich, Kleines?“, fragte ich besorgt, sobald Emily sich auf ihr Bett gelegt hatte und ihr Kopfkissen umarmte, als ob es ihr den nötigen Halt geben konnte.

„Beschissen“, murmelte sie nur und drückte das Kissen fester an ihre Brust.

Ich war froh, dass es nirgendwo Anzeichen dafür gab, dass sie ihre Sachen zusammenpackte, so wie Edward es befürchtete, schließlich hatte Emily ihm gesagt, dass sie weg wäre, wenn erneut Probleme auftauchen sollten.  

„Weißt du, ich kann es einfach nicht fassen!“, rief sie nach einigen Sekunden der Stille energisch und setzte sich abrupt auf.
Ich ging auf ihr Bett zu und setzte mich zu ihr, sagte kein Wort sondern wartete, dass sie sich ihre Gefühle von der Seele redete.

Ich wollte einfach für sie da sein, wenn sie mich brauchte.
Emily war mir in den letzten paar Monaten so wichtig geworden, dass ich sie schon gar nicht mehr aus meinem Leben wegdenken konnte.
Sie war ein Teil der Familie, selbst wenn es mit Edward und mir nicht klappen sollte.

Erst seit Tanyas plötzlichem Auftauchen in St. Louis war mir richtig bewusst geworden, wie sehr mir Emily schon ans Herz gewachsen war.
Sie war für mich wie eine zweite Tochter und ich hatte oft das Gefühl, dass auch sie solch eine Verbindung zwischen uns sah.

Emily vertraute mir viele Sachen an, über die auch Nessie mit mir sprach.
Sie hatte mir von Daniel erzählt, woraufhin ich mit ihr und Nessie ein Gespräch über Sex geführt hatte.
Sie hatte mir auch oft von sich und Edward erzählt.
Wie es für sie war, wenn er seinen Ärger an ihr ausließ.
Ich hatte immer ein offenes Ohr für Emily, und das wusste sie.

Tanyas Auftauchen hatte bei mir viele Sachen ausgelöst.
Zum einen war da die Angst, Edward zu verlieren.
Das zu verlieren, was wir uns in den letzten Wochen aufgebaut hatten.

Doch das war nicht die Einzige Angst, die ich hatte.

Jetzt, da Emily wusste, dass ihre Mutter noch am Leben war, würde sie eine Beziehung zu ihr aufbauen wollen und ich hatte Angst, dass ich dadurch meine gute Verbindung zu Emily verlieren könnte.

„Ich… ich verstehe es einfach nicht!“

Emily warf ihr Kissen wütend auf das Bett, sprang auf und tigerte aufgebracht durch ihr Zimmer, so wie Edward es vorhin noch im Wohnzimmer getan hatte, doch daran wollte ich jetzt nicht denken.
Ich wollte einfach nur für Emily da sein.
Über die Situation mit Edward konnte ich auch später noch gründlich nachdenken.

„Wieso musste Dad es mir ausgerechnet JETZT sagen? JETZT, wo doch alles so gut läuft?“, redete sie einfach weiter, doch ich runzelte nur die Stirn.
Das waren nicht unbedingt die Worte, die ich von ihr erwartet hatte.

„Dad und ich haben uns so gut verstanden, wie schon lange nicht mehr und ich bin so froh darüber, dass ihr beiden endlich zusammen seid. Mit Daniel läuft es auch super und dann muss er alles zerstören! Ich…ich kapiere es einfach nicht! So lange habe ich darauf gewartet, aber wieso jetzt? Er hat nicht das Recht, mir ausgerechnet jetzt davon zu erzählen!“

Emily wurde immer aufgebrachter und ließ sich nach dem Ende ihrer langen Rede wieder auf ihr Bett plumpsen.

Ihre Reaktion war eindeutig nicht normal, jedenfalls nicht wenn…

„Wusstest du davon?“, fragte ich sie direkt und sah sie dabei an.
Es gab keine andere Erklärung für ihr Verhalten und ich fragte mich, wie sie das herausbekommen hatte.  

„Ja, vor etwa über einem Jahr habe ich es erfahren. Das war kurz bevor ihr nach Chicago gezogen seid, oder wie Dad es nennen würde: Als meine ‚rebellische Phase’ begonnen hat!“, äffte sie Edward nach und verzog dabei ihr hübsches Gesicht.

„Aber…wie?“, hakte ich verwirrt nach, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass Edward  so unvorsichtig mit dem Thema umging und irgendeinen Hinweis hätte liegenlassen können.

„Naja… es ist eine etwas längere Geschichte. Dad hatte Geburtstag und die ganze Familie war bei uns zu Besuch, doch da ich der einzige Teenager war, und ich am nächsten Morgen Schule hatte, musste ich mich vorzeitig von der ‚Party’ verabschieden. Irgendwann hatte ich Durst und wollte mich gerade in die Küche schleichen, als ich Grandma hörte, wie sie auf Dad einredete. Ihre genauen Worte waren, dass ich mittlerweile doch alt genug wäre um die Wahrheit zu erfahren. Du kannst dir bestimmt vorstellen, wie verwirrt ich in dem Moment war, bis Grandpa dann letztendlich derjenige war, der mir meine unausgesprochene Frage beantwortete, nämlich dass meine ‚Mutter’ gar nicht tot ist.“

Emilys Augen formten sich zu Schlitzen, ihre Hände hatte sie zur Faust geballt, als ob sie jeden Moment auf etwas einschlagen wollte.

„Natürlich war das im ersten Moment ein Schock für mich“, fuhr sie fort.
„Ich hatte absolut keine Ahnung, wie ich reagieren sollte. Ich war so… wütend. Wütend auf Dad, Onkel Emmett und auf meine Großeltern, weil sie mich angelogen hatten. Weißt du wie oft ich mir gewünscht habe, dass meine Mutter da wäre? Und dann musste ich erfahren, dass sie gar nicht tot ist, aber ich wusste nicht, warum Dad es immer behauptet hatte. Naja, jedenfalls bis heute nicht“, schnaufte sie.

„Später habe ich dann versucht irgendetwas über sie herauszufinden, aber ich konnte nichts entdecken. Ich habe viel öfter angefangen zu lauschen, besonders als ich vorerst bei Grandma und Grandpa eingezogen bin“, erklärte sie weiterhin.

Ihr Blick war in die weite Ferne gerichtet, als ob sie im Geiste ihre Erzählungen noch einmal Revue passieren ließ.

„Was hast du alles rausbekommen?“, fragte ich sie und wartete gespannt auf ihre Antwort.

„Nicht viel. Nur die Tatsache, dass Grandma sie wohl nie leiden konnte und wenn Grandma jemanden nicht leiden kann, will das schon etwas heißen. Weißt du, ich habe oft mit Nessie darüber gesprochen, ob ich dieses Thema nicht einfach ansprechen soll, damit ich so meine Antworten kriege, aber ich wollte, dass Dad derjenige ist, der es mir erzählt.“

„Nessie wusste davon?“, redete ich ihr dazwischen, dabei hätte ich es mir gleich denken können, dass sie in allem eingeweiht war, schließlich waren sie beste Freundinnen und diese erzählten sich nun einmal alles.

„Jap. Sogar schon vom ersten Tag an, auch wenn ich sie da noch nicht so gut kannte, aber irgendwie hatte ich es ihm Gefühl, dass ich ihr vertrauen und mit ihr reden kann“, bestätigte sie mir und lächelte sogar leicht.

„Ich hatte viel Zeit über alles nachzudenken. Anfangs wollte ich meine Mutter kennenlernen, da ich ja wusste, dass sie irgendwo da draußen sein musste. Ich wollte wissen, woher ich komme und wie viel Ähnlichkeit ich mit ihr habe, aber mittlerweile… Eine gewisse Neugier ist natürlich immer noch da, aber ich schätze, Dad ist nicht ohne Grund der Mensch geworden, der er war. Er war unglücklich und hat seine Wut an Anderen ausgelassen, jedenfalls bis er dich getroffen hat“, lächelte sie wieder leicht und ich versuchte ihr Lächeln so gut es ging zu erwidern.

Sie sollte lieber nicht wissen, dass diese Seite an Edward wieder zum Vorschein kam.

„Dads Worte haben mir nur noch mal bestätigt, dass ich diese Person lieber nicht kennenlernen soll. Sie hat uns damals allein gelassen, also braucht sie jetzt auch nicht wieder zurückzukehren. Ich will diesen Menschen nicht treffen, der uns im Stich gelassen hat.“

Mir fiel auf, dass sie Tanya niemals als ihre Mom betitelte.
Sie sagte immer nur ihre Mutter, dieser Mensch oder diese Person und das auf eine distanzierte Art und Weise.

„Was hat dir dein Dad alles erzählt?“, wollte ich wissen.

„Dass sie bei euch in St. Louis war und sie der Grund ist, warum ihr euch gestritten habt“, sagte sie und sah mich mit einem solch intensiven Blick an, dass ich dem einfach nicht standhalten konnte, doch hier ging es nicht um Edward und mich.
Jedenfalls nicht jetzt.

„Hat er dir erzählt, was damals vorgefallen war?“, hakte ich deshalb weiter nach, damit sie nicht weiter auf Edward und mich eingehen konnte.
Ja, wir hatten momentan Probleme, aber die waren jetzt erst einmal irrelevant.

„Das war das Erste, was ich von ihm wissen wollte. Früher dachte ich, dass sie sich einfach nur getrennt haben und Dad auf das Sorgerecht bestanden und mich von ihr ferngehalten hatte. Das war auch der Grund, warum ich so… wütend auf ihn war, aber jetzt kann ich ihn verstehen“, erklärte sie mir und flüsterte schon fast am Ende.

„Seitdem die Sache mit dir und Dad angefangen hat, habe ich angefangen zu verstehen. Ich bin jetzt auch nicht wütend auf ihn, sondern auf sie“, sprach sie verächtlich über ihre Mutter und ich hob meine Augenbraue.  

Verwundert und neugierig betrachtete ich sie und wartete darauf, dass sie mit ihrer Erzählung fortfuhr.

„Naja… vorhin war ich schon etwas wütend auf Dad, aber nur, weil er mir ausgerechnet jetzt die Wahrheit erzählt hat. Ich bin wütend, weil sie plötzlich aufgetaucht ist. Weil sie alles kaputt macht. Ich verstehe das einfach nicht. Wieso jetzt? Wieso sollte sie ausgerechnet jetzt wiederkommen wollen? Auch wenn ich sie nicht kenne und ich sie noch niemals gesehen habe, vertraue ich ihr nicht. Es… Nein, es ist einfach nicht logisch, egal wie ich es drehe und wende“, sagte sie aufgebracht und es überraschte mich, dass Emily und ich in dieser Hinsicht gleich zu denken schienen, schließlich sprachen wir hier über ihre biologische Mutter.

„Dauernd muss ich an diese geldgeilen Schlampen denken, die Dad vor dir hatte und irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie genauso ist. Ich weiß nicht, woher dieses Gefühl kommt, oder warum, aber was ich weiß ist, dass ich mich bisher immer auf mein Gefühl verlassen konnte. Ich traue dieser ganzen Sache einfach nicht. Würde sie mich kennenlernen wollen, hätte sie doch schon viel früher etwas unternommen, oder? Sie hätte doch einfach auch direkt auf mich zukommen können, anstatt zu Dad zu gehen. Ausgerechnet in St. Louis! Das kann doch kein Zufall sein, oder?“, fragte sie mich, doch ich wusste nicht, wie ich darauf antworten sollte.

Genau dieselben Fragen hatte ich mir auch gestellt.
Zwar hätte ich es nicht für gut befunden, wenn Tanya direkt auf Emily zugegangen wäre, aber dennoch fragte ich mich, warum sie Edward so oft bombardiert hatte und sie einfach nicht verstand, dass Emilys ein glückliches Leben führte, auch ohne sie.

Oft versuchte ich mich in Tanyas Situation zu versetzen, doch es gelang mir nicht.
Ich verstand ihre Denkweise einfach nicht, wie man ein kleines Kind, das eigene Fleisch und Blut, im Stich lassen konnte.

Es wollte nicht in meinen Kopf!  

„Was sagst du dazu, Bella? Du denkst doch auch so, oder?“, stellte sie mir eine Frage, die ich unmöglich beantworten konnte, auch wenn Emily ihre Meinung dazu klar und deutlich geäußert hatte.

Wie sollte ich ihr erklären, dass nicht nur sie so dachte?

Dass sich meine Vermutung bezüglich Tanya bestätigt hatte, als ich sie in St. Louis gesehen hatte?

Dass sie anfing die schlechten Seiten an Edward hervorzurufen und ich nicht wusste, wie unsere Beziehung das überleben sollte?

„Dachte ich es mir doch“, hörte ich Emilys Stimme und spürte im nächsten Moment, wie sie ihren Kopf an meine Schulter lehnte.

Liebevoll, wie eine Mutter es bei ihrem Kind tun würde, strich ich mit meiner Hand über ihre rotblonden Haare und dachte über die gesamte Situation nach.

Ich hatte Angst vor dem, was kommen würde.
Angst vor dem, was die Zukunft für uns alles bereithielt, doch eins wusste ich: Emily war für mich wie ein Tochter und genau dieser Moment nahm mir die Angst, dass ich sie irgendwann verlieren könnte.

Die Frage war nur, wie lange ich bei Edward noch diese Angst verspüren musste.

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