Kurzbeschreibung

Edward Cullen ist alleinerziehender Vater einer 16 jährigen Tochter. Sein Leben scheint perfekt, doch hinter der Fassade verbirgt sich eine Wahrheit, die er schon viel zu lange verheimlicht hat.
Und es gibt nur eine Frau, die ihn wieder auf den Boden der Tatsachen bringen kann.
All Human, Pairing ExB

Freitag, 4. Februar 2011

Kapitel 34 - Das Geständnis

Edward POV

Die Stimmung zwischen Bella und mir hatte sich in den letzten Tagen nicht gerade verbessert.
Sie sprach zwar wieder mit mir, aber jetzt herrschte da eine gewisse Distanz zwischen uns, die mir ganz und gar nicht gefiel.
Jetzt wünschte ich mir einfach nur, dass Tanya an diesem Wochenende nicht aufgetaucht wäre, denn dann hätten Bella und ich unser gemeinsames Wochenende genießen können.

Ich machte mir Vorwürfe wegen den Dingen, die ich zu ihr gesagt hatte. Für einen kurzen Moment hatte ich rot gesehen und einfach geredet, ohne nachzudenken.
Jetzt verstand ich auch, dass Bella nicht mit mir reden wollte, denn unser ‚Gespräch’ hatte eindeutig bewiesen, dass schnell Dinge gesagt werden konnten, die man später bereuen würde und genau das war jetzt der Fall.

Am liebsten wollte ich alles wieder zurücknehmen.

Ich hatte mir doch geschworen, sie nicht noch einmal zu verletzen und was tat ich?
Ja, ich hatte es schon wieder getan, und dafür hasste ich mich.

Natürlich war es einerseits eine Sache zwischen Emily, Tanya und mir, aber trotzdem gehörte Bella doch zu meiner Familie.
Bella kümmerte sich um Emily und war ihr eine sehr gute Freundin und vielleicht würde Emily sie auch eines Tages als ihre Mutter ansehen, aber das lag ganz alleine an meiner Tochter.
Bella würde sich ihr niemals aufdrängen, so wie Tanya es tat. So war meine Bella einfach nicht.
Sie war ein guter Mensch, sie war neben Emily das Beste, was mir jemals hätte passieren können und ich trat das Glück mit beiden Füßen weit von mir weg.

Ich machte mir Sorgen, dass ich jetzt vielleicht alles zerstört hatte.
Bellas Verschwiegenheit und die Funkstille, die derzeit zwischen uns herrschte, trieb mich fast in den Wahnsinn.

Was zum Teufel hatte ich mir nur dabei gedacht?
Wieso ließ ich es zu, dass Tanya noch immer so eine Kontrolle über mich hatte?
Doch als sie nach 16 Jahren einfach so vor mir stand, hatte es mich regelrecht umgehauen.

In mir hatten die verschiedensten Gefühle getobt, ich wusste ja nicht einmal, was ich in diesem Moment denken sollte.
Ich war einfach überfordert gewesen und hasste mich dafür, dass ich Bella in diesen wenigen Minuten beinahe verdrängt hatte.
Nicht ein einziges Mal hatte ich zu ihr herüber gesehen und doch war mir bewusst, dass sie dort an der Tür stand und ALLES sah und auch hörte.

Was hätte ich nur dafür gegeben, alles wieder ungeschehen zu machen, doch es ging nicht...  

Jetzt war es an der Zeit, in die Zukunft zu blicken.
Eine Zukunft, die mir Angst machte, denn heute musste ich etwas tun, was ich schon vor langer Zeit hätte tun sollen.

Ich wollte meiner Tochter die ganze Wahrheit sagen.

Emily würde erfahren, dass alles, was ich ihr über ihre Mutter erzählt hatte nur eine Lüge gewesen war.
Eine Lüge, die ich immer für das Beste gehalten hatte, doch manchmal und gerade jetzt kamen mir noch immer Zweifel.

Bella hatte mir jedoch versichert, dass sie meine Entscheidung, die ich damals getroffen hatte als richtig empfand und ich konnte ihr vertrauen, denn sie sagte mir die Wahrheit.

Gerade wenn es um unsere Töchter ging nahm sie kein Blatt vor den Mund, egal wie ‚grausam’ diese Wahrheit auch aussehen mochte.

Seufzend griff ich nach dem Hörer meines Telefons und wählte ihre Nummer.
Ich wusste, dass sie meine Nummer auf dem Display sah, also wunderte es mich auch nicht, dass es so lange dauerte, bis sie das Gespräch endlich annahm.

„Hallo?“ Es war noch nicht lange her, seitdem ich das letzte Mal mit ihr gesprochen hatte, aber dennoch vermisste ich sie schon jetzt und ich atmete einmal tief ein, bevor ich sprach.
„Hallo Bella…“, sagte ich mit einer gewissen Vorsicht in der Stimme, denn ich wusste nicht, wie sie auf diesen Anruf reagieren würde.

Bei den anderen hatte sie eher kühl und abweisend gewirkt und hatte das Gespräch so kurz wie möglich gehalten.
Jetzt hoffte ich, dass sie zumindest bereit war mir zu helfen, denn alleine würde ich es nicht schaffen.

„Hallo Edward…“ Ihre Stimme war ruhig und klar, doch ich konnte deutlich das Misstrauen und die Wut heraushören.  
Am liebsten wollte ich ihr sagen, dass wir alles vergessen und genau da weitermachen sollten, wo wir aufgehört hatten, aber im wahren Leben war es nicht immer so einfach wie man es sich vielleicht wünschte.

„Wie geht es dir?“, wollte ich als erstes von ihr wissen.

Ich wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, aber es interessierte mich wirklich, wie es ihr ging.

„Es geht mir gut. Was willst du?“

Gut, eindeutig war sie immer noch sauer auf mich, das hörte man deutlich aus ihren Worten heraus, auch wenn ihre Stimme dabei ruhig blieb.
Ein leises Seufzen entwich meinen Lippen und ich fuhr mir beinahe schon frustriert mit einer Hand durch meine Haare.
Ich war offiziell der größte Idiot, den es auf dieser Welt gab…

„Ich… Ich habe vor…es Emily heute zu sagen und wenn ich ehrlich bin, dann möchte ich gerne, dass du dabei bist“, erklärte ich ihr und wartete ungeduldig auf ihre Antwort.
Einige Zeit lang herrschte Stille zwischen uns.
Nur ihr leises und regelmäßiges Atmen verriet mir, dass sie noch am anderen Ende der Leitung war.

„Du willst ihr wirklich die Wahrheit sagen…“

Das war eindeutig eine Feststellung und ich hatte nicht die geringste Ahnung, was Bella darüber dachte, denn ihre Stimme verriet absolut nichts.
Ich hasste es, wenn sie manchmal so undurchdringlich war und man einfach nicht schlau daraus wurde, was sie dachte.

„Ja, das ist das, was ich vorhabe.“

„Und du denkst wirklich, dass es eine gute Idee ist?“ Bella klang ein wenig besorgt und ein Lächeln huschte über meine Lippen.
Ich wusste, wie sie zu diesem Thema stand. Sie wollte, dass ich Emily die Wahrheit aus freien Stücken erzählte, nicht wenn ich dazu gezwungen wurde.

„Ehrlich gesagt weiß ich es nicht, aber es muss sein… Du weißt warum…“

Dass Bella keine Antwort darauf gab, bestätigte mir meine Vermutung und ich wollte das Thema gar nicht wieder auf Tanya lenken, also sprach ich meine Bitte laut aus.
„Könntest du… Würdest du mir bitte dabei helfen? Ich meine, es würde mir schon reichen, wenn du dabei wärst, denn ich glaube nicht, dass ich es alleine schaffen werde…“, erklärte ich ihr und meinte, Bella leise am anderen Ende seufzen zu hören.

„Edward… Findest du nicht, dass es eine Sache zwischen Emily und dir ist? Wenn ich dich daran erinnern darf, warst du derjenige, der gesagt hat, dass es mich gar nichts angeht.“

Sie hatte ihre Stimme nicht erhoben und doch konnte ich hören, dass sie von Sekunde zu Sekunde wütender wurde, aber bevor ich ihr antworten konnte, sprach sie weiter.

„Nun… Du bist derjenige, der es ihr sagen muss, Edward. Sie ist deine Tochter…“ Ich war ein wenig erschrocken über den Umschwung in ihrer Stimme.
Sie klang plötzlich so furchtbar traurig, dass ich sie am liebsten gleich in den Arm genommen hätte.
Ich wollte den Grund für ihre plötzliche Traurigkeit wissen, wollte ihr die Gedanken, die sie traurig machten nehmen und ich wollte für sie da sein.

„Bella…?“, fragte ich besorgt und hörte, wie sie sich leise am anderen Ende räusperte und dann noch einmal tief einatmete, so als ob sie versuchte, sich zu kontrollieren.

Mir kam in den Sinn, wie sie sich wohl nach unserem Streit gefühlt haben musste.
Natürlich ging es mir schlecht, aber schließlich hatte ich nicht irgendwelche unwahren Dinge von ihr an den Kopf geworfen bekommen.
Nein. ICH war derjenige gewesen, der sie angeschrieen hatte und dann auch noch mit einer Sache, die nicht einmal stimmte.
Mir war klar, warum ich so aufbrausend reagiert hatte.

Ich konnte die Wahrheit noch immer nicht vertragen.

Bella hatte genau den wunden Punkt getroffen, indem sie Tanyas Verschwinden angesprochen hatte.
Der Moment, an dem sich mein ganzes Leben für immer veränderte und diese eine Frau mir mein Herz gebrochen hatte.

Verletzt zu werden war niemals einfach.
Es dauerte immer eine gewisse Zeit, bis man sich wieder davon erholt hatte, nur war das Problem bei mir, dass ich es nie wirklich überwunden hatte.

Ich hatte mich von einer Beziehung in die nächste gestürzt, hatte versucht diese Dinge zu verdrängen und genau jetzt bekam ich die Quittung dafür.
Erst durch Bellas Hilfe hatte ich gelernt, diese Sache hinter mir zu lassen, nur das Schlimme war, dass ich erst am Anfang war.
Tanya hätte sich wirklich keinen besseren Moment aussuchen können, als diesen…

Wieso nur wollte sie unbedingt mein Glück zerstören?

„Es ist nichts…“, hörte ich Bellas Stimme sagen, die mich sofort wieder aus meinen Gedanken riss und mich in die knallharte Gegenwart beförderte.

„Bist du dir sicher, dass du mich dabeihaben willst?“

Obwohl ihre Worte sicherlich nicht böse gemeint waren, trafen sie mich dennoch hart.
Sie dachte tatsächlich, dass ich sie nicht bei mir haben wollte.
Dass ich sie nicht dabei haben wollte, wenn ich Emily die Wahrheit sagen würde, aber wen wunderte das schon?
Schließlich war ich ja auch derjenige gewesen, der gesagt hatte, dass es sie nichts angeht.

„Bella… diese Dinge, die ich gesagt habe, das war… das war einfach nicht richtig und außerdem sind sie auch gar nicht wahr. Natürlich geht es dich etwas an. Du gehörst doch zu unserer Familie… Bitte.. Ich weiß, ich kann sehr oft ein riesengroßes Arschloch sein, aber ohne dich werde ich es sicherlich nicht schaffen und ich hoffe, dass du mir verzeihen kannst…“, sagte ich und wartete auf ihre Antwort.

Da sie keinen einzigen Laut von sich gab, redete ich einfach weiter.

„Ohne dich wäre es nicht dasselbe… Ich werde sicherlich nicht den Mut haben es ihr zu sagen, wenn du nicht dabei bist. Ich weiß, dass es erbärmlich ist, dass ich so feige bin, was das angeht, aber…“

„Das ist nicht feige Edward… Mir würde es in deiner Situation doch genauso gehen. Ich verstehe das schon…“

Sie machte eine kurze Pause und ich wartete geduldig darauf, dass sie weiter sprach, weil ich sie nicht unterbrechen wollte.

„Okay.. Ich komme vorbei.“

„Wirklich?“ Dieses Wort kam mir so plötzlich über meine Lippen, dass Bella leise lachte und dann seufzte.

„Natürlich. Denkst du denn, ich lasse dich einfach so im Stich? Auch wenn ich vielleicht immer noch wütend auf dich bin so heißt das nicht, dass ich dir nicht zur Seite stehe, wenn du meine Hilfe brauchst.“

„Danke“, sagte ich mit so viel Überzeugung, wie es mir nur möglich war und hätte sie jetzt gleich am liebsten umarmt, aber das war schlecht möglich, wenn ich gerade mit ihr telefonierte, also musste ich das auf später verschieben.
„Keine Ursache. Du würdest dasselbe für mich tun. Ich mache mich gleich auf den Weg, wenn es dir recht ist…“, schlug sie vor und ich sagte sofort zu.

Emily war zwar noch nicht zu Hause, aber so konnte ich die bis dahin verbleibende Zeit nutzen und mit Bella reden, wenn sie es zuließ.

Nachdem wir das Telefonat beendet hatten, erhob ich mich von dem Platz in meinem Arbeitszimmer und warf einen Blick zu dem Schrank herüber, in dem sich der gute Whisky befand, beschloss aber im nächsten Moment gleich wieder, es sein zu lassen, denn ich wusste ganz genau, was Bella dazu sagen würde und ich wollte sie nicht noch mehr verärgern.

Ungeduldig tigerte ich in dem Zimmer auf und ab und stürmte fast zur Tür, als es klingelte.

Bellas Blick nach zu urteilen hatte ich sie erschreckt, als ich die Tür aufgerissen hatte und ich warf ihr einen entschuldigenden Blick zu.
Instinktiv streckte ich meine Hände nach ihr aus und wollte sie küssen, doch sie wandte ihr Gesicht von meinem ab und ich erwischte nur ihre Wange.
Seufzend ließ ich wieder von ihr ab und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, dass sie ruhig rein kommen konnte.

„Emily ist noch nicht da, oder?“, fragte sie und sah sich in meinem Wohnzimmer um.

„Nein, noch nicht. Sie müsste aber jeden Moment kommen.“

Ich war noch immer ein wenig traurig über die Zurückweisung, versuchte mir aber möglichst nichts anmerken zu lassen, obwohl Bella es, ihrem Blick nach zu urteilen, bereits gemerkt hatte und anscheinend schien ihr ihre Reaktion von vorhin schon wieder leid zu tun.

„Geht das jetzt immer so?“, fragte ich sie gleich, ohne darüber nachgedacht zu haben, was ich da gerade gesagt und vor allem wie ich es gesagt hatte.

„Was meinst du?“ Bella sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
„Du weißt ganz genau, was ich meine, Bella… Ich weiß, dass wir uns bei der Sache mit Tanya nicht wirklich einig sind, aber willst du jetzt für immer auf mich wütend sein? Ich kann es nicht ertragen, wenn du mich so strafend ansiehst, wenn du mir ausweichst… du mich zurückweist…“ Meine Stimme wurde mit jedem weiteren Wort trauriger und ich ging näher zu ihr.

Sie gab ihre abwehrende Haltung auf und senkte ihren Blick.
War es wohl möglich, dass auch sie es so langsam leid war, dass wir uns fast nur anschwiegen?

„Ich vermisse dich…“, murmelte ich leise und legte meine Hände an ihre Arme, als ich direkt vor ihr stand.
„Ich weiß, ich bin nicht perfekt… Ich bin ein Arschloch und ein Idiot und ich mache Fehler, aber ich weiß, dass ich dich liebe…“
„Ich liebe dich auch Edward… Das weißt du auch… Daran wird auch Nichts und Niemand etwas ändern können…“, murmelte sie leise, legte ihre Hand an meine Brust und spielte gedankenverloren mit den Knöpfen meines Hemdes.

Ohne groß darüber nachzudenken, legte ich meine Hand an ihr Kinn und hob ihr Gesicht leicht in meine Richtung, damit ich sie endlich küssen konnte.
Unsere Lippen bewegten sich im Einklang und von Sekunde zu Sekunde gewann dieser Kuss an Intensität.

Erst jetzt wurde mir klar, wie sehr ich sie wirklich vermisst hatte.

„Lass uns gleich darüber reden…“, murmelte Bella leise, nachdem ich unseren Kuss unterbrochen hatte, damit wir Luft holen konnten.
„Mhmm…“, stimmte ich ihr murmelnd zu und wollte gerade wieder meine Lippen auf ihre legen, als ich hörte, wie die Haustür aufgeschlossen wurde.

„Oh man.. Ähm.. Ich wollte nicht stören, bin schon weg!“, murmelte Emily, als sie Bella und mich entdeckte und wollte sich schon an uns vorbeischlängeln.

„Warte Emily…“, sagte ich sofort und sie warf mir einen fragenden Blick zu.
„Was ist los?“ Emilys Blick wurde kritisch und sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
„Was hast du wieder ausgefressen, Dad?“
„Nichts.. Ich meine... nun ja... Wir sollten erst einmal ins Wohnzimmer gehen“, stotterte ich ein wenig vor mich hin und hätte mir am liebsten selbst in den Hintern getreten, da es mir so verdammt schwer fallen würde, Emily die Wahrheit zu sagen.

„Gut, ich werde dann woanders warten“, hörte ich Bella neben mir sagen und sofort warf ich ihr einen panischen Blick zu.
Hatte sie mir nicht gesagt, dass sie bei mir bleiben würde?
Dass sie mich unterstützen würde?
Ich wusste nicht, wie ich es ohne sie schaffen sollte überhaupt auch nur ein vernünftiges Wort zustande zu kriegen.

Schon jetzt stammelte ich mir die Worte nur so zusammen, wie sollte es dann erst werden, wenn sie nicht mehr bei mir war?
„Du schaffst das schon, Edward“, flüsterte sie mir zu, drückte einmal kurz meine Hand, die sie wenige Sekunden zuvor ergriffen hatte und küsste meine Wange.

Ehrlich gesagt half mir das auch schon ein wenig weiter.

Sie war diejenige, die mich auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht hatte und sie war auch diejenige, die mich immer wieder aufbaute.

Ohne sie wäre mein Leben nicht so, wie es jetzt der Fall war.
Ich war glücklich und dennoch hatte ich jetzt eine riesengroße Hürde zu überwinden, die schon seit langem überfällig war.

Nachdem ich mich jahrelang immer wieder vor der Wahrheit gedrückt hatte, musste ich es Emily jetzt sagen und daran führte auch kein Weg mehr vorbei.

„Okay…“, sagte ich an Bella gewandt, sah einen kurzen Moment auf unsere verschränkten Hände, was mir sogleich ein Lächeln auf die Lippen zauberte und beobachtete, wie sie den Raum verließ.
Ich wusste, dass sie in der Nähe war, also würde es schon nicht zu schlimm werden.
Das hoffte ich zumindest...

„Jetzt mal im ernst Dad, wieso macht ihr alle so panische und mitfühlende Gesichter, als wären wir hier in einer billigen Telenovela?“

„Du solltest dich vielleicht lieber setzen…“, murmelte ich unsicher, und fuhr mir beinahe schon frustriert mit einer Hand durch meine Haare.

„Einen Scheiß werd ich mich hinsetzen. Ich will nicht sitzen, ich will nur wissen, was hier los ist!“

Zum Glück war sie nicht allzu wütend, na ja zumindest war sie es noch nicht, denn schon bald würde sie es sicherlich sein.

„Schatz, du brauchst dich nicht aufzuregen…“, versuchte ich es ihr zu erklären, doch sie seufzte nur und schüttelte den Kopf.

„Irgendetwas muss ja passiert sein, sonst würden hier nicht alle so geheimnisvoll tun“, entgegnete sie, setzte sich dann doch schließlich auf die Couch und schlug ein Bein über das andere.

Mit verschränkten Armen und einem verdammt kritischen Blick beobachtete mich meine Tochter, während sie ungeduldig mit einem Bein hin und her wippte.
Sie wusste, dass ich etwas ausgefressen hatte, nur wusste sie nicht, wie schlimm es wirklich war.

Genau in diesem Moment bereute ich es, sie angelogen zu haben.
Ich bereute es, die ganzen Jahre über meiner Tochter eine Welt vorgespielt zu haben, die so eigentlich gar nicht existierte.

Als kleines Mädchen hatte sie oft nach ihrer Mutter gefragt und schon damals hatte es mir immer wieder fast das Herz gebrochen, ihre traurigen grünen Augen zu sehen, wenn ich sie wieder enttäuschen musste.
War es wirklich richtig gewesen, was ich da getan hatte oder wollte ich mich insgeheim einfach nur vor einer Erklärung drücken?

Wie hätte ich meinem Kind auch erklären sollen, dass seine Mutter sie gar nicht liebt?
Dass sie dieses Kind nicht einmal haben wollte und auch an eine Abtreibung gedacht hatte, weil ihr ihre zukünftige Karriere wichtiger war?

Wie zum Teufel erklärte man so etwas einem Kind?

Ich hätte es nicht geschafft und wahrscheinlich wäre das Verhältnis zwischen Emily und mir um einiges schlechter gewesen.
Wir hätten niemals diese ganzen schönen Momente gehabt, weil sie anders gewesen wäre.
Emily war eine starke Persönlichkeit, aber sie war auch immer noch meine Tochter und ich wollte sie von allem Bösen dieser Welt fernhalten, doch ich konnte es nicht.
Sie war nicht mehr mein kleines Mädchen, sie war fast schon erwachsen und das hieß auch, dass sie selbst eine Entscheidung treffen konnte und auch sollte.

„Dad, ich schlage hier gleich Wurzeln, also was?“

„Emily… Es gibt etwas, was ich dir sagen muss… Die Wahrheit um genauer zu sein… Denn ehrlich gesagt… habe ich Mist gebaut. Ich weiß nicht einmal, ob du mich dafür hassen wirst, aber du hast es verdient die Wahrheit zu erfahren… Du bist meine Tochter und ich liebe dich… Ich hoffe, das weißt du… Ich wollte doch für dich nur das Beste…“

Meine Stimme klang von Sekunde zu Sekunde verzweifelter und ich sah, wie Emily plötzlich ganz ruhig wurde.
Ihr kritischer Blick verschwand, stattdessen sah sie mich sogar mitfühlend an, was mein schlechtes Gewissen nur noch mehr verstärkte.

„Dad…?“ Ihr mitfühlender Blick strafte mich mehr als alles andere.

Sie war eine so gute Tochter und was hatte ich getan?
Jetzt würde ich alles Gute wieder zerstören und ich hasste mich schon jetzt dafür.
Verzweifelt vergrub ich mein Gesicht in meinen Händen und versuchte meine Gedanken zu ordnen.
Es gab jetzt kein zurück mehr – ich musste es hinter mich bringen.

„Deine Mutter… Du weißt... dass ich immer zu dir gesagt habe, dass sie tot wäre…“ Meine Stimme stockte, ich konnte fast nicht mehr reden, doch ich zwang mich dazu, das jetzt zu Ende zu bringen.

„Emily… Sie ist gar nicht tot… Das habe ich dir nur gesagt, weil ich dich beschützen wollte. Ich weiß, dass man diesen Satz verdammt oft hört, aber es ist wirklich so. Ich wollte nicht, dass du dich im Stich gelassen fühlst, ich wollte, dass du eine schöne Kindheit hast... Ich…“

Weiter kam ich nicht.

Emilys Blick brachte mich aus dem Konzept.
Ich konnte nicht erkennen, ob sie traurig, wütend, verzweifelt oder einfach nur verwirrt war.

In unserem Wohnzimmer herrschte Totenstille.
Das Einzige, was zu hören war, war das Ticken der Uhr an der gegenüberliegenden Wand.

„Was?“, hörte ich meine Tochter nach einer gefühlten Ewigkeit sagen und ich zuckte zusammen.
Nicht etwa, weil sie so laut gesprochen hatte, sondern weil mich immer noch mein schlechtes Gewissen plagte.

„Ja.. Also.. Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt, was deine Mutter angeht…“

„Was ist passiert?“, war das Einzige, was sie wissen wollte und ich starrte sie ein wenig verdattert an.
Ihre Stimme klang ruhig, doch in ihren Augen konnte ich sehen, dass es unter der Oberfläche eindeutig brodelte.

„Was passiert ist… nun ja…“
„Sag schon“, forderte Emily nun und ich atmete einmal tief ein, bevor ich ihr die ganze Wahrheit erzählte.
Es war jetzt eh zu spät, irgendetwas zu beschönigen.

„Damals… Als du noch ein Baby warst, haben deine Mutter und ich zusammen in einer winzigen Wohnung in der Nähe des Campus’ gewohnt. Ich bin zur Uni gegangen, während sie auf dich aufgepasst hat. Ja, wir haben zusammen gewohnt, aber es war wirklich nicht von langer Dauer… Ich habe deine Mutter geliebt, daran bestand kein Zweifel, aber wir haben uns nur noch gestritten. Ich habe ständig versucht, es wieder hinzubiegen, ich wollte euch Beiden eine schöne Zukunft bieten, in der wir glücklich als eine Familie leben können, aber ich habe wohl versagt…“

Ich schwieg einen Moment und ließ mir diesen einen bestimmten Abend noch einmal durch den Kopf gehen, auch wenn es so sehr wehtat.

„Tanya war an diesem Abend die ganze Zeit schon so… seltsam… Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht… Doch als ich dann in der Nacht aufgewacht bin, weil du geschrieen hast, lag niemand mehr neben mir. Ich bin zu dir gegangen, habe dir dein Fläschchen gegeben und als ich dich dann wieder in dein Bett gebracht habe… da habe ich im Flur diesen Zettel gesehen… Dort stand, dass sie es einfach nicht mehr kann… Ja, Tanya ist einfach über Nacht abgehauen und hat mich alleine gelassen. Ich hatte nur noch dich und... nun ja…“

Das Gespräch, welches ich mit ihrer ‚Großmutter’ geführt hatte, ersparte ich ihr erst einmal.
Jetzt musste sie zuerst diese ganzen Informationen verdauen.

„Wieso musstest du mir das alles jetzt erzählen?“ Emily sah mich einfach nur an, mit verschränkten Armen und einem Blick, den ich einfach nicht deuten konnte.

„Was?“

„WIESO musstest du es mir ausgerechnet JETZT erzählen, verdammt noch mal!? Jetzt, wo gerade alles so gut läuft! Jetzt, wo wir beide uns wieder super verstehen und dann so eine verdammte Scheiße!!“ Ihre Stimme wurde mit jedem weiteren Wort immer lauter und ich wollte sie irgendwie beruhigen, doch was das anging, hatte sie einfach viel zu viel von mir geerbt.
„Emily bitte… Ich…“
„Nein, hör auf damit!“
„Emily… Hör mir doch zu… Ich erzähle dir das alles jetzt, weil deine Mutter letztens in St. Louis war…“

„Sie war WAS?“ Emily klappte beinahe wirklich die Kinnlade herunter und sie war wie ein brodelnder Vulkan, sodass ich wirklich befürchten musste, sie würde jeden Moment hochgehen…

„Diese… Sie war echt in St. Louis?? An dem Wochenende, welches du eigentlich mit Bella verbringen wolltest?? ZUM TEUFEL MIT IHR! Und deswegen habt ihr euch auch gestritten! Weil sie einfach so auftaucht und verdammt noch mal alles kaputt macht! Gott, ICH HASSE SIE!!“

„Emily, beruhige dich bitte…“, versuchte ich es weiter und machte mir ein wenig Sorgen um meine Tochter.

Ich hatte mit vielem gerechnet, aber sicherlich nicht mit dieser Reaktion…

„NEIN! ICH WERDE MICH VERDAMMT NOCH MAL NICHT BERUHIGEN! ICH HABE KEINE LUST MEHR AUF DIESEN SCHEIß HIER!“, brüllte sie mich an und ich sah, wie die Tränen in ihren Augen standen und ich hätte mich am liebsten selbst dafür ermordet.
Meine Tochter stand vor mir und war verletzt.
Natürlich versuchte Emily wie immer alle ihre Gefühle zu überspielen, aber ich konnte es in ihren Augen sehen.

Nur wenige Sekunden später wandte sie sich von mir ab und lief den Flur entlang.
In mir stieg augenblicklich Panik auf und ich erinnerte mich an ihre Worte, die sie damals zu mir gesagt hatte.

„Und ich kann dir nicht sagen, ob ich dann noch einmal bereit wäre, zu dir zurück zu kommen…“

Sie würde gehen…

Emily würde einfach ihre Sachen packen und verschwinden… weg von mir…
Doch das konnte und wollte ich einfach nicht zulassen…
Sie war doch meine Tochter! Ich hatte es doch nur gut gemeint…

„Emily, bitte!“
„NEIN, NICHTS EMILY BITTE! LASS.MICH.IN.RUHE!!“, schrie sie mir entgegen, warf mir noch einen finsteren Blick zu und lief dann die Treppe hinauf.

Das laute Knallen ihrer Zimmertür ließ mich zusammenzucken und geschockt stand ich dort und starrte auf die Treppenstufen.

Was hatte ich denn auch erwartet?
Dass sie einfach sagen würde, es wäre schon okay und ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen?
Dass sie deswegen nicht wütend wäre?

Ich war schon ein verzweifelter und leichtgläubiger Idiot und mit jeder weiteren Sekunde die verstrich hasste ich mich selbst für das, was ich getan hatte…

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