Kurzbeschreibung

Edward Cullen ist alleinerziehender Vater einer 16 jährigen Tochter. Sein Leben scheint perfekt, doch hinter der Fassade verbirgt sich eine Wahrheit, die er schon viel zu lange verheimlicht hat.
Und es gibt nur eine Frau, die ihn wieder auf den Boden der Tatsachen bringen kann.
All Human, Pairing ExB

Freitag, 18. Februar 2011

Kapitel 36 - Konsequenzen

Edward POV  

Was hatte ich da nur angerichtet?

Bella war bereits vor einigen Stunden gegangen, Emily hingegen befand sich noch immer in ihrem Zimmer und ich saß alleine auf der riesigen Couch in unserem Wohnzimmer.
Bella hätte mich mit Sicherheit geschlagen und angebrüllt, wenn sie gesehen hätte, wie viel ich schon von dem guten Whisky getrunken hatte.
Immerhin hätte sie dann wieder mit mir geredet, also war es mir das wert.

Mir dröhnte der Kopf, was mit einer Wahrscheinlichkeit von 99% an dem Whisky lag, aber es war mir egal.

Ich war ein Idiot und hatte es verdient.

Bella war bei uns geblieben, obwohl ich sie wieder einmal angebrüllt hatte.
Einfach nur, weil ich überfordert war und weil ich befürchtete, dass Emily ihre Koffer packen und gehen würde.

Ich konnte mir immer noch nicht wirklich sicher sein, dass Emily hier bei mir bleiben würde, obwohl Bella mir gesagt hatte, dass es ihr soweit gut ging, ich sie aber vorerst in Ruhe lassen sollte.
Das war das Einzige, was Bella mir mitgeteilt hatte, bevor sie mit einem letzten Blick in meine Richtung das Haus verließ.

Das Zuschlagen der Tür war für mich wie ein Schlag ins Gesicht.

Mit zitterigen Händen schaffte ich es gerade noch so, mein Handy aus meiner Hosentasche zu fischen und Bellas Nummer zu wählen.
Ganze drei Mal klingelte es, bevor die Stimme der Mailboxansage ertönte.

Sie hatte mich weggedrückt… Aber sollte mich das wundern?

Wütend über mich selbst, warf ich mein Handy in die Richtung des Glastisches.
Mit einem lauten Knall landete es an der Kante und die Einzelteile des Elektrogerätes verstreuten sich auf dem Boden.

Ich fluchte und beschloss dann sofort, das Handy liegen zu lassen, weil ich es so oder so nicht fertig bringen würde, die ganzen Einzelteile wieder einzusammeln, geschweige denn das Handy wieder zusammen zu setzen.

Sie würde mich eh nicht zurückrufen und falls doch, hatte ich auch immer noch ein Haustelefon.

Mein Blick glitt zu der fast leeren Flasche in meinen Händen.

Bald würde ich wieder Nachschub brauchen, wusste aber nicht, wie ich das anstellen sollte, denn ich hatte es ja noch nicht einmal geschafft, mein Handy vernünftig auf dem Tisch abzulegen.
Autofahren war also nicht drin und Emily sprach nicht mit mir.
Außerdem würde ich meine Tochter sicherlich nicht bitten, mir eine Flasche Alkohol zu besorgen, denn das wäre das Letzte.

Als mein Blick zum Fernseher wanderte, seufzte ich leise.

Mein vorheriger Anflug, mich an bessere Zeiten zu erinnern, hatte dazu geführt, dass ich mir ein altes Video von Emilys fünftem Geburtstag angesehen hatte und so versank ich aufs Neue in meinen Erinnerungen an diesen wunderschönen Tag.

Ihre smaragdgrünen Augen sahen freudestrahlend in die Kamera und sie quiekte vergnügt auf, als ihr Onkel Emmett sie hochhob und dann im nächsten Moment durch die Gegend wirbelte.

„Komm schon, Bro! Leg deinen Uni-Kram zur Seite! Deine Tochter hat heute Geburtstag!“, rief er gegen Emilys glückliches Lachen an und lieferte sie direkt auf meinem Schoß ab.
Sie lachte noch immer, während sie sich an mir festklammerte und mich dann mit großen Augen ansah.

„Daddy? Wann krieg ich endlich meine Geschenke?“, wollte sie ungeduldig von mir wissen und sah mich mit großen Kulleraugen an, sodass ich ihr am liebsten gleich die ganze Welt geschenkt hätte, wenn sie sich das gewünscht hätte.

Sie war mein Ein und Alles.
Meine Tochter.

„Gleich, mein Schatz. Deine ganzen Gäste sind doch noch gar nicht da“, bemerkte ich und warf einen prüfenden Blick auf die Uhr.

Es war noch früh, die anderen würden erst in einer knappen Stunde eintreffen und dennoch wurde Emily immer ungeduldiger, doch ich konnte es ihr nicht verübeln.

„Ist mir egal. Auf dein Geschenk freue ich mich am meisten!“, sagte sie energisch und gab mir einen Kuss, bevor Emmett sie mir wieder wegschnappte.

Erschrocken schrie meine Kleine auf, doch ihr Schrei ging schon wenige Sekunden später in ein lautes Lachen über.

„Ach...! Fragst du kleiner Zwerg dich denn nicht, was für ein tolles Geschenk dir dein Onkel Emmett gekauft hat?“

Ich lachte über den wirklich leicht enttäuschten Blick meines Bruders und seufzte dann wenige Sekunden später leise.

So viele Gedanken tummelten sich in meinem Kopf, dabei wollte ich doch eigentlich nur den Geburtstag meiner Tochter genießen.
Es gab noch so viele Rechnungen zu bezahlen, so viele Dinge, die noch getan werden mussten und der Haufen an Büchern, mit denen ich lernen musste wurde auch immer größer und größer.

Wenn das so weiter ging, dann würde mein Kopf wahrscheinlich bald explodieren.

Ich kam eigentlich immer gut über die Runden, doch in letzter Zeit war es ziemlich schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen.

Ich war Student, Vater und hatte einen Job.

Selten hatte ich Mal einen Moment für mich, aber wenn ich in die strahlenden Augen meiner Tochter sah, vergaß ich alles.
Sie war die ganze Mühe und harte Arbeit wert, das wusste ich und ich war froh, dass sie bei mir war.

Ein Leben ohne sie konnte und wollte ich mir einfach nicht vorstellen.

„Hey Dad…“, hörte ich die Stimme meiner Tochter, sah aber nicht auf, sondern hielt meinen Blick weiterhin auf den Fernseher gerichtet.

„Gott... ist hier eine Bombe eingeschlagen?“

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Emily den Boden inspizierte und dann leise etwas vor sich hin murmelte, während sie die Überreste meines völlig außer Kontrolle geratenen Wutausbruches beseitigte.

„Was schaust du dir denn da an?“ Emilys Blick schnellte zum Fernseher, als sie ihre eigene Stimme hörte und stöhnte dann, während sie gekonnt die Augen verdrehte.

„Das ist ja grausam…“

„Das ist nicht grausam… Da war alles noch gut…“, murmelte ich frustriert und fragte mich insgeheim, warum Emily denn überhaupt mit mir sprach und warum sie immer noch hier bei mir war.

Ich hörte das Klimpern von Flaschen und Emilys leises Gemurmel, welches ich aber nicht so richtig verstehen konnte, also wandte ich den Blick meiner Tochter zu.

„Wieso bist du noch hier? Willst du, dass ich dich zu Grandma und Grandpa fahre?“, fragte ich sie leise mit einem trostlosen Blick.

Immerhin das konnte ich für sie tun.

Emily hielt in ihrer Bewegung inne und warf mir einen verständnislosen Blick zu.

„Was zum Henker redest du da? Ich gehe heute Abend nirgendwo hin, Dad. Du hast eindeutig zu viel getrunken, wenn ich mir hier die ganzen Flaschen ansehe. Du wirst in kein Auto mehr steigen.“ Sie schüttelte den Kopf und schnaubte leise, während ich ihre Worte erst einmal analysieren musste.

Sie ging heute Abend nirgendwo hin?
Was hatte das zu bedeuten?
Würde sie gar nicht gehen, sondern hier bei mir bleiben?

„Ich verstehe das nicht…“, gab ich leise murmelnd zu und legte die Stirn in Falten.

Emily stellte die Flaschen zur Seite, schaltete den Fernseher aus und ließ sich dann neben mir auf die Couch fallen.

„Dad, ich werde nirgendwohin hingehen, glaub mir. Du weißt, dass ich es dir im letzten Jahr nicht gerade leicht gemacht habe, aber ich hatte so meine Gründe. Vorhin war ich einfach nur wütend, dass du mir genau jetzt die Wahrheit gesagt hast. Ja, ich wusste es bereits….“, erklärte sie mir und mir klappte beinahe die Kinnlade herunter.

„Du… Du wusstest es? Aber wie…?“

„Du hast dich öfters mit Grandma und Grandpa über sie unterhalten. Beim ersten Mal, als ich mitbekommen habe, dass sie noch lebt, wäre ich am liebsten sofort abgehauen. Ich konnte und wollte es einfach nicht verstehen, dass mein eigener Vater mich anlügt, aus welchen Gründen auch immer. Ja, für eine gewisse Zeit habe ich dich für das, was du getan hast gehasst…“, erklärte sie mir und es tat weh, diese Worte zu hören.

Zu hören, dass die eigene Tochter einen hasste, war nicht gerade ein gutes Gefühl und ich starrte auf den Boden.

Mein schlechtes Gewissen brachte mich beinahe um und am liebsten wollte ich meine Tochter einfach nur in den Arm nehmen, doch ich wagte es in diesem Moment nicht sie anzusehen.

„Ich dachte wirklich, dass du mich hasst oder so etwas…“

Erschrocken schnellte mein Blick hoch und ich sah in die Augen meiner Tochter.
Wie konnte sie nur denken, dass ich sie hasste?

„Du brauchst mich gar nicht so geschockt anzusehen…! Überleg doch einmal! Ich erfahre, dass du mich die ganzen Jahre lang angelogen hast und dann hattest du ständig diese ganzen Frauen, mit denen du dich lieber beschäftigt hast, als mit mir… Du warst nicht mehr der Vater, den ich so sehr gemocht habe. Mit den Jahren bist du ein ganz anderer Mensch geworden, aber ich kann dich schon irgendwie verstehen… Du hast sie geliebt und sie hat dich einfach sitzen lassen. Für dich war es niemals leicht gewesen, mit dem was du alles um die Ohren hattest und ich war auch nicht gerade immer ein pflegeleichtes Kind… Und dann… dann kam Bella und du hast dich so sehr zum Guten verändert, dass ich endlich wieder den Vater vor mir hatte, den ich die ganzen Jahre über so sehr vermisst hatte… Du warst wieder da! Und jetzt… wo ich die wirklichen Gründe für das alles kenne… da kann ich dich schon verstehen…“, beendete Emily schließlich ihre kleine Rede mit einem Seufzer und sah dann zu mir herüber.

„Emily… Es tut mir wirklich so unaussprechlich leid… Ich weiß, dass ich einen Idiot war, ich wollte dich nicht vernachlässigen, aber das habe ich getan und dafür gibt es keine einzige Entschuldigung. Und mit dieser Lüge… Ich wollte nur das Beste für dich, glaub mir…“

„Ich weiß, Dad… Ich habe schon verstanden, warum du es getan hast.“

Meine Tochter war wirklich viel zu gut für diese Welt…

„Aber eine Sache gibt es, die ich nicht verstehe und die mich so unheimlich wütend macht. Du hast dich mit Bella gestritten. Ich weiß nicht den genauen Grund dafür, aber ich weiß genug, um zu wissen, dass du ein Idiot bist. Hast du nur einmal einen Moment darüber nachgedacht, warum meine ‚Mutter’ mich jetzt so plötzlich sehen will?“

Einen Moment dachte ich über Emilys Worte nach und verstand nicht so recht, worauf sie hinaus wollte.
Ich hatte ihr doch den Grund gesagt, warum Tanya wieder hier war.

Sie wollte ihre Tochter sehen, wollte, dass es vielleicht einen Neuanfang in der Beziehung mit ihrer Tochter gab.
Wenn Emily das zulassen würde, dann stünde dem sicherlich nichts im Wege.

„Nun… Sie ist wieder hier, weil sie dich…“
„Nein, nein und nochmals Nein!“, fiel Emily mir ins Wort und ich warf ihr einen verwirrten Blick zu.
„Das kann einfach nicht sein. Ich kann es einfach nicht verstehen, wieso diese Frau plötzlich nach sechzehn Jahren doch noch irgendwelche Muttergefühle entwickelt hat. Wenn sie mich wirklich hätte sehen wollen, wieso denn dann nicht schon vor zehn Jahren? Wieso ausgerechnet jetzt? Hast du dir darüber schon einmal Gedanken gemacht?!“, wollte sie von mir wissen und sah mich mit einem todernsten Blick an.

Viel zu oft hatte ich mir schon den Kopf darüber zerbrochen, aber zu einer vernünftigen Lösung war ich nie gekommen.

Tanyas plötzliches Auftauchen erklärte sich für mich so, dass sie jetzt wieder Mutter geworden war und dadurch wirkliche Muttergefühle entwickelt hatte und es ihr jetzt wirklich leid tat, dass sie damals einfach so abgehauen war.

Das war doch eine plausible Erklärung, oder etwa nicht?

„Nun… Du solltest da vielleicht noch eine Sache wissen. Sie ist noch einmal Mutter geworden und…“

„Was? Ich habe einen Bruder oder eine Schwester?!!“

Emilys Blick brachte mich für einen kurzen Moment aus dem Konzept und ich versuchte mich wieder zu fangen.

„Ähm… Ja… Ich habe auch erst vor kurzem davon erfahren und ich denke, dass sie aus diesem Grund bemerkt hat, dass sie damals einen Fehler gemacht hat.“

„Bullshit..! Ich denke der einzige Grund, weswegen sie ausgerechnet mit dir Kontakt aufgenommen hat bist du!“

„Emily.. Das ist doch...“, versuchte ich zu sagen, doch meine Tochter schüttelte nur energisch ihren Kopf.

„Ich weiß, du wirst mir das jetzt sicherlich nicht glauben, aber du solltest auch ihr nicht glauben. Ich vertraue ihr einfach nicht, auch wenn ich sie noch nicht gesehen habe und du weißt nur zu gut, dass ich bis jetzt mit meinen Vermutungen immer richtig lag. Außerdem… denk doch einmal an Bella...! Wie muss sie sich jetzt wohl fühlen?“

Ich konnte mir schon denken, wie sich Bella jetzt fühlen musste.

Traurigerweise war es nichts Neues, dass ich meine Freundin aus völlig banalen und unlogischen Gründen angebrüllt hatte.
Wieder hatte ich Bella für Dinge verantwortlich gemacht, für die sie gar nichts konnte und das lag ganz alleine daran, dass ich die Schuld bei jemand anderem suchte und nicht bei mir.

Tanyas plötzliches Auftauchen hatte mich vollkommen aus dem Konzept gebracht.
Jahrelang zurückgehaltene Gefühle waren an die Oberfläche getreten und hatten für einige Zeit sogar den Hass verdrängt, der sechzehn Jahre lang in mir getobt hatte.

Ich hasste mich dafür, dass ich Bella in diesem Moment aus dieser Situation ausgeschlossen hatte, was vollkommen falsch war.

Richtig wäre gewesen, zusammen mit ihr Tanya gegenüberzutreten und meiner Ex-Freundin klar zu machen, dass Bella jetzt die Frau an meiner Seite war.

Natürlich konnte ich nichts dagegen tun, wenn Tanya Emily sehen wollte und Emily dies zulassen würde, aber ich konnte Tanya trotzdem nicht einfach so mein Leben durcheinander bringen lassen.

Hatte Emily vielleicht recht?
Wollte Tanya in Wirklichkeit nur mich oder eher gesagt, wollte sie einfach nur mein Geld?

Dieser Gedanke war grausam aber es konnte sehr gut möglich sein.

„Ich denke, du kannst froh sein, dass Bella das hier nicht sieht, denn ansonsten würdest du wahrscheinlich schon gar nicht mehr leben. Du weißt ganz genau, dass sie es nicht haben kann, wenn du zu viel trinkst und heute Abend hast du ja wieder einmal den Vogel abgeschossen!“

Emily traf den Nagel auf den Kopf.

An diesem Abend hatte ich wirklich viel zu viel getrunken und ich wunderte mich, dass ich noch verhältnismäßig klar im Kopf war.
Bella hätte mir deswegen wirklich die Hölle heiß gemacht, aber ich dachte wirklich, dass Emily gehen würde und auch wenn ich eigentlich wusste, dass Alkohol den Schmerz nicht linderte, hatte ich trotzdem getrunken.
Meist machte das alles nur noch schlimmer.
Ich sollte wirklich aus meinen Fehlern lernen und nicht durch unüberlegte Handlungen alles nur noch schlimmer machen.

„Hey Dad, hör zu! Ich weiß nicht, was bei euch beiden genau los war, aber ich weiß, dass sie dich über alles liebt und du liebst sie auch. Ihr werdet schon wieder da herausfinden. Wenn du erst einmal geschlafen hast, sieht der Tag morgen gleich schon um einiges besser aus“, murmelte Emily und ließ ihren Kopf auf meine Schulter fallen.

„Ich hoffe es wirklich.“

„Jetzt hör auf im Selbstmitleid zu baden, das hilft niemandem weiter. Du solltest jetzt erst einmal ins Bett gehen, in Ruhe darüber schlafen und morgen kannst du dann mit ihr reden.“

„Ich will aber noch nicht ins Bett“, entgegnete ich schnaubend, da ich ganz genau wusste, dass mich die ganze Nacht über mein schlechtes Gewissen plagen würde, aber das hatte ich verdient.

Ich hatte mehr als nur das verdient.

„Du bist ja anstrengender als ein kleines Kind! Du gehst jetzt gefälligst ins Bett und wenn ich dich eigenhändig nach oben schleppen muss! Wenn du dich weigerst, rufe ich Bella an und erzähle ihr, was du hier getrieben hast, also überlege es dir gut!“, warnte Emily mich und sah mich abwartend an.

Leicht lächelnd schüttelte ich den Kopf.

Oh ja, wenn sich meine Tochter etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann bekam sie es auch – ohne Frage, also gab ich mich wohl oder übel geschlagen und machte mich auf den Weg in mein Bett.  


~*~*~


Nachdem ich am gestrigen Abend nicht einschlafen konnte, weil mich mein schlechtes Gewissen verfolgt hatte, wurde ich an diesem Morgen viel zu früh geweckt.

Emily schien bereits unterwegs zu sein, sonst hätte sie sicherlich die Tür geöffnet, aber da es nun das dritte Mal an der Tür klingelte, quälte ich mich leise fluchend aus meinem Bett und torkelte aus meinem Schlafzimmer den langen Flur entlang, die Treppe hinunter, bis ich schließlich vor der Haustür zum Stehen kam und sie schlaftrunken öffnete.

Schnell kniff ich die Augen zusammen, als die strahlende Sonne mich blendete und versuchte den aufkommenden Schmerz in meinem Kopf zu ignorieren.

Es dauerte einige Sekunden, bis sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten und das erste, was ich erblickte war Bella, die mir einen prüfenden Blick zuwarf.

„Hey“, sagte sie mit vorsichtiger Stimme und ich war ihr unaussprechlich dankbar dafür, dass sie mich nicht anbrüllte.

„Hey Bella… Hör zu, wegen gestern, das…“

Als ich sah, dass sie mit dem Kopf schüttelte, verstummte ich und warf ihr einen fragenden Blick zu.

„Wir sollten drinnen darüber reden, okay?“

Ihre Stimme klang ernst, doch sie hatte auch einen gewissen traurigen Unterton in der Stimme, der mir ganz und gar nicht gefiel.
Auch der Ausdruck in ihren Augen machte mir ein wenig Angst.

Irgendetwas war nicht in Ordnung und ich ahnte bereits schlimmes, als ich ihr die Tür öffnete, damit sie eintreten konnte.

Bella zog ihre Jacke aus und hängte sie schon routinemäßig an den Kleiderbügel im Flur.

Schweigend folgte ich ihr ins Wohnzimmer und wagte es nicht, den ersten Schritt zu machen und das Gespräch zu beginnen.

Ja, ich war manchmal ein verdammt feiges Arschloch.

Aufmerksam beobachtete ich, wie sich Bella auf meine Couch setzte und dann nach einigen Sekunden ihren Blick aufrichtete und mich ansah.

„Edward…?“

„Ja...?“

Meine Stimme hörte sich fremd an, so kratzig und rau, weil ich ganz genau wusste, dass ich Mist gebaut hatte und ich jetzt die Quittung dafür bekommen würde.

Ich räusperte mich schnell und blieb an Ort und Stelle stehen.
Hinsetzen wollte ich mich nicht, dafür war ich viel zu aufgekratzt.

„Ich habe gestern ziemlich viel Zeit gehabt, um über alles nachzudenken…“, fing sie an und am liebsten wollte ich sofort die Zeit zurückdrehen.

Ich wünschte mir, dass ich Bella besser behandelt hätte, aber ich hatte es nicht und ich hatte die Konsequenzen, die daraus folgten auch nicht anders verdient.

„Die Sache mit Tanya… Ich weiß, es geht mich nichts an. Es ist deine Vergangenheit und in der habe ich nichts zu suchen. In der Gegenwart spiele ich vielleicht eine Rolle für dich, aber Edward… Du hast mit deiner Vergangenheit noch nicht abgeschlossen… Immer wenn sie auftaucht, oder wenn es auch nur um sie geht, dann flippst du vollkommen aus. Ich weiß, es muss schwer für dich gewesen sein und ich stand immer hinter dir und habe versucht dich zu verstehen, aber… Ich kann es einfach nicht mehr ertragen, wenn du deine ganze Wut gegen mich richtest. Du hast mich gestern für all das verantwortlich gemacht und auch wenn du diese Worte jetzt bereust, so hast du sie doch gesagt….“

Schwer schluckend ließ ich ihre Worte auf mich wirken.

Sie hatte mit jeder einzelnen Silbe, die sie sagte, recht und ich wusste es.

Ich hatte das Kapitel ‚Tanya’ in meinem Leben noch nicht abgeschlossen, ich hatte nie die Gelegenheit dazu gehabt, da ich mich nur auf den Hass gegen sie konzentriert hatte.
Sie dann nach sechzehn Jahren wieder zu sehen, hatte mich vollkommen aus der Bahn geworfen. 

„Ich weiß… Es tut mir leid, Bella…“

„Wie oft willst du dich denn noch entschuldigen, Edward? Kannst du denn nicht verstehen, wie das für mich sein muss...?“, fragte sie mich mit einem traurigen Blick und ich senkte meinen Kopf.

„Was willst du damit sagen…? Wars das jetzt mit uns?“ Alleine diese Worte zu denken, brachte mich schon um und sie auszusprechen, war noch um einiges schlimmer.

Wieso verdammt noch mal wurde den Menschen denn erst immer bewusst, wie wirklich wichtig etwas einem war, wenn man es so gut wie verloren hatte?
Oder wenn man gerade kurz davor war, etwas zu verlieren..
Nie wussten wir etwas zu schätzen, nahmen einfach alles als selbstverständlich hin und jetzt…
Jetzt schien ich erst zu verstehen, was ich da wirklich getan hatte.  

„Nein… So will ich das nicht sagen. Ich will unsere Beziehung nicht einfach so beenden… Nicht wegen so etwas, aber ich möchte dennoch, dass du erst einmal dein Leben wirklich in den Griff kriegst… Du solltest die Sache mit Tanya klären, ihr klar machen, dass du nicht mehr mit ihr zusammen bist… sondern mit mir… Deswegen würde ich sagen, dass wir eine kleine… na ja wie soll ich sagen… dass wir eine kleine Pause einlegen. Dass wir uns erst einmal nicht mehr sehen, noch einmal in Ruhe über alles nachdenken und du versuchst, das mit Tanya zu klären.“

Obwohl sie unsere Beziehung nicht beendet hatte, fühlte ich mich dennoch so.

Eine ‚Pause’ war auch nicht gerade besser.

Sofort wollte ich ihr widersprechen, wollte ihr sagen, dass ich das nicht wollte.
Wollte ihr sagen, dass sie die Einzige Person auf dieser Welt war, die ich begehrte, die ich über alles liebte, aber stattdessen sagte ich nichts.

Ich sagte einfach gar nichts…

Noch immer war ich viel zu geschockt von ihren Worten.
Doch es war ganz alleine meine Schuld.

Ich hatte uns in diese Lage gebracht und war es denn da ein Wunder, dass so eine frische Beziehung letztendlich darunter leiden würde?

„Edward…?“ Bella sah mich abschätzend an und ich zuckte zusammen, als ich ihre Stimme hörte.

„Nein, du kannst jetzt nicht einfach so gehen und mich hier alleine lassen. Das geht einfach nicht!“, sagte ich etwas lauter, versuchte mich aber zu kontrollieren und es klappte sogar, worauf ich sicherlich stolz gewesen wäre, wenn nicht gerade andere Dinge in meinem Kopf herumspuken würden.

„Edward, beruhige dich… Ich verlasse dich nicht, ich will dir einfach nur die Chance geben, mit deiner Vergangenheit abzuschließen. Du wirst eine gewisse Zeit dafür brauchen und na ja… ich denke einfach, es wäre nicht sinnvoll, wenn ich dann immer bei dir wäre. Du würdest dich dann nicht darauf konzentrieren, diese ganze Sache hinter dir zu lassen. Das ist eine Tatsache, Edward und das weißt auch du. Ich liebe dich und das wird sich auch niemals ändern, aber das ist einfach eine Notwendigkeit.“

Notwendigkeit hin oder her, aber wenn ich ehrlich war, dann KONNTE ich nicht mehr ohne sie sein.
Auch wenn es nur für eine gewisse Zeit sein würde, eine Zeit ohne Bella war für mich… sinnlos.
Eine andere Bezeichnung dafür fiel mir einfach nicht mehr ein.

„Bella, ich brauche dich…“, war das Einzige, was ich sagen konnte.
Das Einzige, an was ich in diesem Moment auch nur denken konnte.

Mein Gehirn schien eine regelrechte Blockade erstellt zu haben, es gab nur noch diesen einzigen Gedanken und dieser trieb mich fast in den Wahnsinn.
Wieder war ich so kurz davor auszuflippen, doch ich schloss meine Augen, atmete einige Male tief ein und schaffte es aus irgendeinem Grund heraus, mich wieder zu beruhigen.

„Edward... Jetzt hör mir mal zu.“ Bella erhob sich von ihrem Platz und ging einige Schritte auf mich zu.

„Ich weiß, du machst es nicht extra und wahrscheinlich machst du es auch unbewusst, aber bitte vergleich mich nicht mit Tanya.“

„Wie kommst du darauf, dass ich dich mit Tan…“

„Gut, du bist dir dessen nicht bewusst. Nun, dass Tanya dich damals einfach so im Stich gelassen hat, hat wohl einiges bei dir hinterlassen. Unbewusst hast du Angst, dass ich jetzt einfach genauso abhauen werde, aber das werde ich nicht tun, okay? Ich werde nicht einfach so verschwinden“, erklärte sie mir mit einem leichten Lächeln auf den Lippen und es war erstaunlich, wie ruhig sie bei diesem Thema bleiben konnte.

„Okay…“, sagte ich leicht dümmlich und sah in ihre wunderschönen und ehrlichen Augen, die mich aufmerksam musterten.

„Mir fällt es auch schwer, aber es ist besser so, glaub mir.“

Ich nickte langsam mit dem Kopf und schaffte es nicht, ein lautes Seufzen zu unterdrücken.

Innerlich fühlte ich mich mies, ich wollte das alles nicht und hasste Tanya in diesem Moment nur noch mehr dafür, was sie mir und Emily angetan hatte.
Außerdem schaffte sie es auch jetzt noch, meine Beziehung zu zerstören.
Ich wollte mir gar nicht erst ausmalen wie es wäre, wenn Bella und ich das nicht mehr hinbekommen würden.

Leise vor mich hin fluchend ärgerte ich mich darüber, dass ich immer gleich vom Schlimmsten ausgehen musste und vergrub mein Gesicht in meinen Händen.

„Ich sollte jetzt gehen“, hörte ich ihre wundervolle Stimme sagen und ruckartig wandte ich meinen Blick zu ihr.

Einige Zeit lang sahen wir uns einfach nur an und sagten kein einziges Wort, bis Bella sich schließlich vom Fleck bewegte und auf mich zukam.

„Ich bin mir sicher, dass du es schaffen wirst“, flüsterte sie mir ins Ohr und küsste meine Wange.

Es gab noch so viele Dinge, die ich ihr sagen wollte, so viele Dinge, die wir bereden mussten, doch ich war wie gelähmt und schaffte es nicht, mich vom Fleck zu bewegen.

„Auf Wiedersehen, Edward.“

Und mit diesen Worten ließ sie mich alleine zurück.

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