Kurzbeschreibung

Edward Cullen ist alleinerziehender Vater einer 16 jährigen Tochter. Sein Leben scheint perfekt, doch hinter der Fassade verbirgt sich eine Wahrheit, die er schon viel zu lange verheimlicht hat.
Und es gibt nur eine Frau, die ihn wieder auf den Boden der Tatsachen bringen kann.
All Human, Pairing ExB

Freitag, 28. Januar 2011

Kapitel 33 - Reden ist Silber, Schweigen ist Gold


Bella POV


Ich zuckte zusammen, als ich hörte, wie laut ich die Tür hinter mir hatte ins Schloss fallen lassen.  
Zu flüchten, mich im Schlafzimmer zu verbarrikadieren war das Einzige, was ich in diesem Moment tun wollte.
Ich wollte kein Gespräch mit Edward, wollte nicht, dass er sah, wie ich mich fühlte.

Tanyas Auftreten hatte alles zerstört!  

Sobald diese Frau die Türschwelle betreten hatte, würdigte Edward mich keines Blickes mehr.
Das Einzige, wofür er noch Augen hatte, war Tanya.
Die Frau, die sich vor über 16 Jahren ihrer Verantwortung entzogen und ihn und Emily einfach im Stich gelassen hatte.

Nicht einmal ansatzweise konnte ich mir vorstellen, wie er sich gefühlt haben musste, sie nach so langer Zeit wieder zu sehen, doch es schmerzte, dass er mir nicht einmal einen kurzen Blick zugeworfen hatte.
Erst als sie weg war, kam er wieder zu mir.

Vielleicht benahm ich mich kindisch und höchstwahrscheinlich reagierte ich sogar etwas über, aber ich konnte nicht anders.
Zwar hatte ich gehört, was er zu ihr gesagt hatte, doch ich hatte auch gesehen, wie der Ausdruck auf seinem Gesicht sekündlich wechselte.

Eigentlich wollte ich einfach nur in der Nähe sein, falls Edward mich brauchen sollte, doch das tat er nicht, stattdessen beobachtete ich ihn und die Mutter seiner Tochter wie eine Verrückte und ich hatte schon etwas Angst gehabt, erwischt zu werden, doch so sehr wie die zwei in ihrem Gespräch vertieft waren, waren meine Sorgen unbegründet.

Die Momente, in denen er einfach nur sprachlos war, waren für mich die schlimmsten.
Er war so… unbeholfen.
Als ob er selber nicht wusste, was er denken sollte und was mich am meisten aufregte war die Tatsache, dass er Tanya sogar Glauben zu schenken schien.

Erkannte er denn nicht ihre falschen Tränen?
Oder war ich diejenige, die alles nur negativ sah?
Nein, das bezweifelte ich.

Tanya hätte 16 Jahre Zeit gehabt sich um ihr Kind zu kümmern, doch ihr war Emily egal und jetzt bedrohte sie Edward sogar, dass sie vor seiner Haustür aufkreuzen würde, wenn er Emily nicht bald von Tanya erzählte.

War denn erst eine Drohung notwendig, damit er Emily endlich die Wahrheit erzählte?
War mein Wort denn gar nichts wert?

Eine Frage brannte mir immer wieder auf der Seele. Was empfand er für Tanya?
Er hatte sie damals geliebt, das stand vollkommen außer Frage, und er wollte sie heiraten.
Edward würde sie immer lieben, allein schon aus dem Grund, weil sie Emilys Mutter war und dies war die einzige Tatsache, die ich sogar verstehen konnte, schließlich würde ich Jake in dieser Hinsicht auch immer lieben.

Doch Jake und Tanya waren nicht miteinander zu vergleichen!  

Jake hatte sich nicht vor seiner Verantwortung gedrückt, selbst nach unserer Scheidung nicht.
Für Nessie war er immer da und wir wurden die besten Freunde, was wirklich eine Seltenheit bei Scheidungen war.
Keiner von uns hätte jemals daran gedacht unseren kleinen Sonnenschein einfach im Stich zu lassen.

Nein, das war etwas, was ich niemals tun würde.

Tanya hatte Edward an ihrer Seite gehabt und ich war mir sicher, dass auch Esme und Carlisle ihr geholfen hätten. Doch sie wollte das alles gar nicht.

Es gab Menschen, die es viel schlimmer traf, als sie.
Mädchen, die mit 16 Jahren schwanger und von Zuhause rausgeschmissen wurden schafften es trotzdem, sich ein Leben mit dem Kind aufzubauen.

Natürlich erforderte es harte Arbeit, aber es war machbar, wenn man nur alles daran setzte.

Ich war froh, dass damals unsere Eltern hinter uns standen.

Zwar wüsste ich nicht, wo ich heute stehen würde, wenn es nicht der Fall gewesen wäre, aber einer Sache war ich mir ganz sicher: Ich hätte Nessie niemals im Stich gelassen!

Ich wusste gar nicht mehr, was ich denken sollte.

Immer und immer wieder ließ ich mir das Gespräch zwischen Edward und Tanya durch den Kopf gehen.
Die Art und Weise, wie er etwas sagte entsprach niemals seinem Gesichtsausdruck.
Er war wütend, stinksauer, doch in seinen Augen konnte ich sehen, wie verletzt er doch war.

Zwar hatte Tanya schon mit ihm Kontakt aufgenommen, hatte mit ihm am Telefon geredet, doch sie jetzt zu sehen schien ihn völlig aus der Bahn zu werfen.

Ich hätte es ahnen müssen, dass seine Gefühlswelt durcheinander kommen würde, sobald er sie irgendwann wieder sah.

Als er mir von seinem letzten Telefonat mit ihr erzählt hatte, der Tag, an dem er mir seine Liebe gestand, bekam ich ein mulmiges Gefühl.
Er hatte sich vorgestellt, wie es wäre, ein Leben mit ihr zu führen… Hatte sich vorgestellt, wie ich nicht existent wäre.
Noch heute schmerzte mich dieser Gedanke, doch damals war ich fast schon dankbar gewesen, dass er wenigstens ehrlich zu mir war.

Und heute… da existierte ich tatsächlich nicht für ihn.
Sobald er Tanya erblickt hatte, fühlte ich mich, als hätte ich mich plötzlich in Luft aufgelöst.

Ich hatte ihn beobachtet, auch noch bevor er sie mit sich ins Wohnzimmer schleifte.
Irgendwie hatte ich gehofft, dass er den Blickkontakt mit mir suchen würde und ich darin sehen könnte, ob es ihm gut ging, doch so war es nicht.

Deswegen wollte ich unbedingt in seiner Nähe bleiben, auch wenn er mich nicht sehen konnte und war erst später in die Küche gegangen, nachdem er sich dazu bereit erklärt hatte, Emily von Tanya zu erzählen.

Manchmal sah er so wütend aus, genauso zornig wie an dem Tag, als ich spontan zu ihm gefahren war und er mich angeschrieen hatte.
Man konnte das Feuer in seinen Augen sehen, so wütend war er, doch da gab es noch diese anderen Momente.

Es waren Augenblicke, in denen das Feuer erlosch und etwas Anderes dafür seinen Platz einnahm, doch ich konnte nicht genau sagen, was es war.

Trauer? Verzweiflung? Mitgefühl? Etwa… sogar Verständnis?
Ich wusste es nicht.

So gut es ging versuchte ich mich in seine Situation hineinzuversetzen.
Ich versuchte es wirklich, doch es ging nicht.

Wie hätte ich an seiner Stelle reagiert?

Wie wäre ich mit dieser Situation umgegangen?

Was würde ich, nach jahrelangem Hass für die Person empfinden, die mir einst das Herz gebrochen und mich und mein Kind verlassen hatte?

Doch ich wusste es nicht…
Das Einzige was ich wusste war, dass mich diese Situation überforderte.  

Der gestrige Tag erschien mir ganz weit weg.

Es war beinahe so, als ob mein wunderschöner Traum durch einen grauenhaften Albtraum ersetzt wurde.

Dieses Wochenende sollte schließlich unser Wochenende werden… unsere gemeinsame Zeit, doch diese Pläne wurden zunichte gemacht.

Ich wusste, dass Edward nichts dafür konnte, dass sie hier aufgetaucht war, aber ich konnte jetzt auch nicht so tun, als ob nichts passiert wäre.

Vermutlich sollte ich jetzt auch für Edward da sein, aber ich konnte es nicht…
Zu sehr schmerzte das, was ich gesehen und gehört hatte und ich wollte einfach nur allein sein.
Nur für mich, damit ich in Ruhe über alles nachdenken konnte.
Damit ich mich beruhigen, mich wieder sammeln konnte und versuchen, das alles nicht so dramatisch zu sehen.

Ich wusste nicht, wie lange ich alleine in diesem Raum war, als ich das Klopfen an der Tür bemerkte, doch ich ignorierte es.
Edward klopfte auch weiterhin, sagte Irgendetwas, doch ich war so sehr in meinen Gedanken versunken, dass ich seine Worte nicht wahrnahm, doch für Edward schien das kein Hindernis zu sein.

Ohne mein Einverständnis abzuwarten, betrat er irgendwann das Zimmer.

Mein Blick war auf das Fenster gerichtet, vor dem ich mittlerweile stand, die Arme hatte ich vor meiner Brust verschränkt.
Ich konnte und wollte ihn jetzt noch nicht sehen.

„Bella?“, fragte er leise, als ob er Angst vor meiner Reaktion hätte.
Doch ich blieb still und blickte weiterhin aus dem Fenster, ohne wahrzunehmen, was sich hinter den durchsichtigen Scheiben befand.

Um ehrlich zu sein wusste ich nicht einmal, was ich ihm sagen sollte.
Die ganze Sache ging mich eigentlich auch nichts an.

Es war etwas zwischen ihm, Emily und… Tanya und ich hatte Angst, dass die jetzige Situation etwas zwischen uns ändern könnte, aber ich konnte es auch nicht ignorieren.

Ich konnte keine gute Mine zum bösen Spiel machen.

Tanya führte etwas im Schilde, anders konnte ich es mir nicht erklären.

Wieso wusste sie so viel über Edwards Leben?
Wieso war sie bis hierhin gekommen, um mit Edward zu reden?
In Chicago hätte sie auch ihre Möglichkeiten gehabt mit ihm zu reden, ohne dass Emily es mitbekommen hätte.
Und wenn sie wirklich Kontakt zu ihrer ‚Tochter’ wollte, wieso hatte sie diesen Schritt dann nicht schon früher gewagt?

Ich traute dieser Frau nicht.
Etwas an ihr war so verdammt falsch und ich fragte mich, ob Edward wirklich so blind war, dass er es nicht einmal bemerkte.

Aber vielleicht wollte er es auch gar nicht bemerken?!

So viele Jahre hatte er sich gewünscht, dass Emily eine Mutter hatte und wenn dann auch noch ihre biologische Mutter plötzlich auftauchte…
Ich wollte diese Möglichkeit nicht einmal zu ende denken.

„Bitte rede mit mir“, flehte Edward in meiner unmittelbaren Nähe, doch auch diesmal antwortete ich ihm nicht.
Er würde nicht hören wollen, was ich ihm zu sagen hatte und ich wollte nicht irgendetwas sagen, was ich im Nachhinein vielleicht sogar bereuen würde, deshalb ließ ich das Sprechen lieber ganz bleiben.

„Sag mir, was du denkst“, bat er mich, doch ich starrte weiterhin aus dem Fenster, ohne auch nur ein einziges Detail zu registrieren.
Alles was ich sah, waren verschwommene Umrisse.

„Du willst nicht wissen, was ich denke“, antwortete ich ihm dann irgendwann.
Meine Stimme klang anders.
Sie war ganz weit weg und klang so gar nicht nach… mir!

Wieso nahm mich das alles nur so sehr mit?
Hätte ich Edward und Tanya nicht bei ihrem Gespräch belauscht, sie nicht beobachtetet, wäre meine Reaktion bestimmt eine andere gewesen.
Doch mittlerweile wusste ich, wie Edward dachte und bei Tanya schien es, trotz jahrelanger Abwesenheit, genauso zu sein.
Sie wusste, welchen Schalter sie legen musste, damit Edward ihr zuhörte, damit er ihr die Dinge glaubte, die sie ihm weiszumachen schien.

Wie sollte nur alles weiter gehen?

„Doch! Natürlich will ich wissen, was du denkst“, sagte er, diesmal etwas lauter und berührte meinen Oberarm, nur ganz leicht, doch ich zuckte vor ihm zusammen.

Ich wollte nicht reden, wollte ihn auch nicht sehen oder berühren.
Das Einzige, was ich im Moment wollte war, allein zu sein, nachzudenken und vielleicht würde die Welt dann etwas anders aussehen.

Edward war der erste Mann seit elf langen Jahren, den ich nah genug an mich heran gelassen hatte.
Vielleicht tat es deswegen so weh.
Unsere Beziehung war noch nicht von langer Dauer und war trotzdem schon so intensiv, dass es sich wie Jahre anfühlte.
Ich fühlte mich ihm so verbunden, doch nun… nun bekam ich Angst.
Der Grund dafür, warum wir unsere Beziehung offiziell gemacht hatten war, dass ich mir unserer Liebe sicher war.
Ich war mir so sicher, dass nichts es ruinieren könnte, doch nun stand Tanya vor der Tür, mischte sich selbst 300 Meilen von Chicago entfernt in unser Leben ein und ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.

Ich fragte mich, ob es wirklich unser Leben war.
Sollte es so sein, wieso hatte er mich dann nicht irgendwie einbezogen oder mich zumindest beachtet?
Hatte er überhaupt nur einmal an mich gedacht, als er mit ihr sprach, oder hatte er mich vollkommen aus seinem Gehirn verbannt?
Doch anderseits… konnte ich es ihm verübeln, dass er so gehandelt hatte?

Mir schwirrte der Kopf, vom vielen Nachdenken.
Genau deswegen wollte ich alleine sein. Nur für mich.
Ich musste meine Gedanken ordnen, bevor ich dazu in der Lage war, ein vernünftiges Gespräch zu führen.

„Ich möchte einfach nur nach Hause“, sprach ich so leise, dass ich mir nicht einmal sicher war, ob er mich wirklich verstanden hatte.
Die Umrisse, die ich zuvor noch gesehen hatte, wurden dunkler.
Mein Blick richtete sich zum Himmel und ich sah die weißen Wolken, wie sie langsam den blauen Himmel bedeckten.
Es war so, als ob dieses Bild meine momentane Situation widerspiegeln würde.
Ein Tief, welches in mein Leben kam, in unser Leben kam und ich wusste nicht, ob wir es irgendwie verhindern konnten.

Konnte ich mit Edward über die ganze Sache reden und mit ihm genauso glücklich sein, wie wir es am gestrigen Abend noch waren?
Doch dieses Gespräch wollte einfach nicht aus meinem Kopf!
Ich konnte nicht wieder in den Alltag übergehen.
Ich wollte für Edward da sein, aber es ging einfach nicht und ich wusste nicht, wie ich das abschalten konnte.

Die Realität hatte viel schneller zugeschlagen, als ich es gedacht hätte.

„Du willst jetzt schon nach Hause? Aber wir wollten doch erst morgen…“

Auch er sprach leise und in seiner Stimme konnte ich einen traurigen Ton vernehmen.
Aber was sollten wir hier noch machen?
Das Wochenende war schon ruiniert, Tanya hatte dafür gesorgt und ich… ich ließ es zu, dass sie es ruinierte.  

„Was sollen wir denn noch hier, Edward?“, fragte ich ihn und meine Stimme wurde lauter, doch noch immer drehte ich mich nicht zu ihm um.

Edward sagte nichts.

Er schien zu verstehen, dass ich im Moment nicht dazu in der Lage war, ein vernünftiges Gespräch mit ihm zu führen.
Konnte er mich vielleicht sogar ein wenig verstehen? Nur ein kleines bisschen?
Würde überhaupt irgendjemand verstehen können, wie ich mich fühlte?
Wie sehr mich das verletzte?

„Können wir nicht einfach so tun, als ob Nichts gewesen wäre und das restliche Wochenende einfach genießen?“, brachte er dann doch irgendwann heraus, legte seine Hand auf meine Schulter und drehte mich zu sich um.
Seine Augen waren irgendwie anders.
Sie glänzten, aber es war ein anderer Glanz als der von gestern Abend.

„Und wie stellst du dir das vor? Könntest du das etwa? Würdest du hier bleiben wollen, wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre?“, fragte ich ihn und riss mich von ihm los.
Ich wollte ihm jetzt nicht so nah sein. Konnte es nicht…

„Bella, Tanya und ich haben nur geredet. Mehr nicht!“, versuchte er klarzustellen und suchte meinen Blick, doch ich wich ihm aus.

„Mehr nicht? Edward, hast du überhaupt gemerkt, wie du sie angesehen hast? Wie du dich verhalten hast? Ich habe es gesehen und ich weiß nicht, ob ich wissen will, was du gedacht hast, als du mit ihr geredet hast!“

Eigentlich wollte ich dieses Gespräch noch nicht jetzt führen.
Ich wusste ja nicht einmal, ob ich mit ihm überhaupt ein Gespräch darüber führen sollte, schließlich ging mich das Ganze nichts an.
Ich war nur eine Nebenfigur, die kein Recht dazu hatte sich in die Handlung einzumischen.

Doch ich machte mir Sorgen.

Zum einen war da Edward.
Ich wusste nicht, was in seinem Kopf vorging und wie er Tanyas Auftauchen auffasste.
Außerdem hatte ich Angst, dass er wieder in seine alte Rolle zurückfallen würde.
Nur wegen Tanya wurde Edward zu dem Menschen, den ich am Anfang so sehr verachtet hatte und ich wollte nicht, dass sie wieder diese Macht über ihn gewann.
Würde ich es verhindern können?
Würde er es überhaupt zulassen, dass Tanya wieder so viel Einfluss auf ihn ausüben konnte?
Nach dem, was ich heute gesehen hatte, war die Chance dafür groß…

Dann war da noch Emily.
Sie wusste bisher nicht, dass ihre Mutter noch lebte.
Sie wusste nicht, dass ihr Vater sie ihr ganzes Leben lang belogen hatte, doch ich hoffte, dass sie verstehen würde, dass er es nur zu ihrem Besten tat.

Würde sie es verkraften, die Wahrheit zu erfahren und ihrer Mutter gegenüberzutreten?
Emily war ein starkes Mädchen, das wusste ich, doch auch sie war nicht unverwundbar.
Wie viel würde sie aushalten?
Würde sie sich über Tanyas Auftauchen freuen? Schließlich war sie ja ihre Mutter.
War das für ein Kind nicht immer der größte Wunsch? Beide Eltern zusammen zu sehen?

„Du hast uns gesehen?“, fragte er mich nur und ging einen Schritt auf mich zu.
Ich ging einen zurück.

„Ja, denn ich wollte für dich da sein, falls du mich brauchen würdest. Ich wollte sehen, ob du zurecht kommst, aber anscheinend hattest du ja keine Probleme“, fing ich an zu reden und bereute es sofort.
Er sollte noch nicht wissen, wie ich fühlte, was ich dachte, was ich gesehen hatte.
Genau das war der Grund, warum ich noch nicht mit ihm reden wollte… nicht mit ihm reden konnte.

Dabei würden wir nur Sachen sagen, die wir später bereuen würden.
Sachen, die ich später bereuen würde und genau das wollte ich vermeiden.

Was hatte ich nicht? Hast du wirklich gesehen, was da passiert ist oder spielt sich das alles in deinem hübschen Köpfchen ab?“, sagte er nun, diesmal etwas aufgebrachter.

Wieder kam er einen Schritt auf mich zu, doch diesmal wich ich nicht zurück.
Nicht, weil ich seine Nähe spüren wollte, sondern weil ich in diesem Augenblick so wütend wurde, dass ich mich nicht vom Fleck weg bewegen konnte.

„Denkst du wirklich, ich bilde mir das alles nur ein? Willst du mir ernsthaft weismachen, dass dich ihr Auftreten völlig kalt gelassen hat?!“

Aufgebracht blickte ich in seine Augen.
Sie hatten denselben Ausdruck wie damals, als er mich so angeschrieen hatte.

„Du hast davon doch keine Ahnung! Du, mit deinem perfekten Ex-Mann und deinem perfekten Leben. Du hast keine Ahnung, wie ich mich fühle! Wir reden hier von Tanya, okay? Sie ist nicht irgendeine Frau, sondern Emilys Mutter. Was hätte ich denn deiner Meinung nach tun sollen? Sie einfach rauswerfen? Sie nicht einmal anhören, was sie zu sagen hatte? Bella, das war der Augenblick, auf den ich jahrelang gewartet habe. Am Telefon hätte ich das niemals tun können! 16 Jahre warte ich auf eine Erklärung und hier hatte ich die Möglichkeit in ihr Gesicht zu sehen. Sie weiß, sie hat einen Fehler gemacht, aber-“, redete er sich in Rage, doch ich unterbrach ihn, indem ich meine flache Hand hob und ihn somit ruhig stellte.

Ich wollte nicht wissen, was er mir noch sagen wollte.
Das, was er schon gesagt hatte, war genug.

„Du denkst, meine Leben ist perfekt? Denkst du das wirklich? Denn da muss ich dich enttäuschen. Mein Leben ist nicht perfekt. Kein Leben ist perfekt und es wird Zeit, dass du dir dessen auch endlich bewusst wirst!“, fing ich an und er wollte schon darauf antworten, doch ich redete einfach weiter.

Das war also der Moment, auf den du jahrelang gewartet hast? Und? Ist er genauso geworden, wie du ihn dir immer vorgestellt hast? Und weißt du was? Von mir aus kannst du ihr Gesicht auch den ganzen Tag lang anstarren und herausfinden, was sie vielleicht ernst meinen könnte und was NICHT!“

Der Moment, an dem ich das letzte Mal nachgedacht hatte, war schon lange vorüber.
Ich wusste, warum ich allein sein wollte.
Genau DAS wollte ich vermeiden doch jetzt war es zu spät um noch einen Rückzieher zu machen.

„Du hast keinen verdammten Grund eifersüchtig zu sein! Ich liebe dich, verdammt! Aber Tanya ist Emilys Mutter und ob du es glaubst oder nicht, sie hat ein Recht darauf ihre Tochter zu sehen!“

„Dieses Recht hat sie verwirkt, als sie dich und Emily im Stich gelassen hat! Als du mit einem kleinen Baby völlig auf dich allein gestellt warst, oder ist dir das etwa entfallen?“

Meine Stimme wurde mit jedem einzelnen Wort lauter.
Ich konnte noch nicht einmal mehr steuern, was ich sagte, sondern sprach einfach nur das aus, was in meinem Kopf herumspukte.

„HÖR AUF! Hör einfach auf, Bella! Das alles geht dich gar nichts an! NICHTS! Das ist einzig und allein eine Sache zwischen Tanya, Emily und mir!“

Das saß…

Ungläubig blickte ich in seine grünen Augen und konnte nicht fassen, was er eben gesagt hatte.
War nicht er derjenige, der gesagt hatte, dass es unser Leben wäre?
Hatte er nicht gesagt, er würde mich lieben?
Wieso schloss er mich dann jetzt aus?  

So oft hatten wir ein Gespräch über Tanya geführt, er hatte sogar geweint, als er mir das erste Mal von ihr erzählte und nun hatte ich kein Recht mehr darauf mich einzumischen?
Mich um Emilys und sein Wohl zu sorgen?

„Wenn das so ist, dann kann ich ja gehen“, brachte ich noch aus zusammengebissenen Zähnen hervor und ging an ihm vorbei.

Ich wusste nicht, ob ich lieber weinen oder vor lauter Wut schreien sollte.

„Bella, warte!“, hörte ich ihn sagen und spürte schon im nächsten Moment seine Hand, wie sie hart meinen Arm packte.

Die erste Reaktion die ich von mir geben konnte war die, dass ich mich schnell zu ihm umdrehte und ihm eine Ohrfeige verpasste.
Ich sollte es bereuen, doch ich konnte es nicht.

Ich hatte ihm gesagt, dass ich nicht reden wollte.
Dass er nicht wissen wollte, was ich dachte und nun war ich so sauer, dass ich mich einfach nicht kontrollieren konnte und ihm eine scheuerte.

„Lass. Mich. Los.“, quetschte ich hervor und sah ihn aus schmalen Augen an, ohne auch nur zu registrieren, was sein Gesichtsausdruck zu bedeuten hatte.

Ich lief herüber zu meiner Tasche und packte alles zusammen, achtete dabei nicht einmal auf die Ordnung, sondern warf alles einfach nur wahllos hinein.

Edward hatte sich nicht mehr vom Fleck bewegt.  
Ich sah nur seine Silhouette, doch ich beachtete ihn nicht.

Sobald ich meine Sachen zusammengepackt hatte, lief ich hinunter zum Wohnzimmer, griff nach meiner Tasche und sah mich noch einmal um, ob ich auch wirklich alles eingepackt hatte.

Das Wohnzimmer… es schien mir Jahre her zu sein, als wir diese wunderschönen Stunden miteinander verbracht hatten.
Wie wir uns geliebt hatten und ich glaubte, dass nichts und niemand dieses Band je zerstören konnte.

Doch ich hatte mich geirrt.

Dieses Band hatte einen kleinen Riss bekommen und ich wusste nicht, wie lange es dauern würde, bis es wieder heilen würde.

Eine Weile blieb ich noch im Wohnzimmer stehen und dachte an diese schönen Stunden zurück, an diese wundervolle Erinnerung, die ich niemals aus meinem Gedächtnis verbannen würde.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich dort stand, bis ich Schritte hörte, die die Treppe hinab stiegen.
Es war unnötig zu gucken, wer es war, schließlich war nur Edward mit mir in diesem Haus.

Meinen Blick hatte ich auf den Kamin gerichtet, als ich meine Worte aussprach.

„Ich warte am Wagen“, sagte ich, drehte mich um und verließ ohne ein weiteres Wort das Haus.


~*~*~


Die ganze Fahrt über sprachen wir kein Wort miteinander.

Edward schien verstanden zu haben, dass ich nicht reden wollte, doch leider hatte er es zu spät verstanden.

Ich wollte all diese Sachen nicht sagen, doch in dem Moment konnte mich nichts stoppen.
Außerdem taten mir seine Worte verdammt weh und ich wusste nicht, was ich von seinem Gesagten halten sollte.

Wut und Trauer waren nur zwei Sachen, die ich bei meinen momentanen Gefühlen definieren konnte.
Der Rest war unklar, doch was ich wusste war, dass ich jetzt Zeit brauchte.  

Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis wir wieder in Chicago waren.
Der Rückweg erschien mir sogar viel länger als unsere Hinfahrt, dabei hatten wir kein einziges Mal an einer Raststätte angehalten oder steckten im Stau.

Als wir ankamen blieb ich noch einen Moment im Auto sitzen.
Sollte ich noch irgendetwas sagen, nachdem wir fünf Stunden lang geschwiegen hatten?

„Bella…“, konnte ich Edwards Stimme vernehmen, doch ich entschloss mich, dass ich nicht hören wollte, was er mir zu sagen hatte.

Nicht heute und ganz besonders nicht jetzt!

„Bis dann“, sagte ich nur, stieg aus dem Wagen aus und ging zum Kofferraum, um meine Sachen zu holen.

So schnell ich konnte lief ich herüber zu der Haustür meiner Wohnung, ohne auch nur einen letzten Blick zurück zu werfen.
Alles in mir schrie danach, wieder zu ihm zu gehen und alles in Ordnung zu bringen, aber ich konnte nicht.
Es ging einfach nicht.

Sobald ich meine Wohnung betrat, die Taschen einfach im Flur abstellte und die Tür schnell hinter mich schloss, fühlte ich mich wohler.
Hier war ich Zuhause und hatte Zeit, über alles nachzudenken.

Ich war froh darüber, dass Nessie das Wochenende über zu Jake gezogen war, denn ich wusste nicht, wie ich ihr erklären sollte, dass ich einen Tag früher als geplant wieder Zuhause war.

Genau vor solchen Momenten hatte ich mich gefürchtet.
Solche Sachen waren der Grund, warum ich gezögert hatte, meine Beziehung zu Edward bekannt zu machen, jedem davon zu erzählen, den wir liebten.
Denn sollte irgendetwas geschehen, würde ich das erklären müssen, dabei hätte ich niemals erwartet, dass es so schnell passieren würde.

Ich wollte nicht scheitern!
Ich wollte Edward nicht verlieren!
Genau deswegen wollte ich ja die Zeit für mich.
Deswegen wollte ich in Ruhe nachdenken.
Nicht um zu überlegen, ob unsere Beziehung noch einen Sinn ergab, sondern darum, wie ich meine Gefühle wieder unter Kontrolle bekommen und mit der Situation vernünftig umgehen konnte.

Doch das Einzige was ich jetzt tun konnte war, mich auf den Boden fallen zu lassen und zu weinen.   

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