Edward POV
Ich war unheimlich müde, als ich meine Augen öffnete, schloss sie aber sofort wieder, weil das Licht, welches durch das Fenster schien, einfach viel zu hell war.
Die letzte Nacht mit Bella war alles andere als kurz gewesen und dementsprechend fühlte ich mich auch.
Ich war glücklich, aber trotzdem war ich einfach nur vollkommen fertig und wollte mich umdrehen und weiter schlafen, als zwei Stimmen aus dem unteren Stockwerk meine Aufmerksamkeit erregten.
Stirnrunzelnd wandte ich meinen Kopf in Richtung Tür, stellte aber schnell fest, dass es einfach nichts brachte und ich genauso viel hören konnte, wie zuvor - nämlich so gut wie gar nichts.
Langsam quälte ich mich aus dem Bett, schnappte mir meine Sachen und nachdem ich sie angezogen hatte, öffnete ich die Tür des Schlafzimmers und ging den kleinen Flur entlang.
Die Stimmen wurden lauter und ich konnte eindeutig Bellas Stimme erkennen und die andere Stimme gehörte einer anderen Frau.
Zuerst konnte ich sie nicht einordnen, doch dann erstarrte ich als ich den leichten Akzent hörte, den ich niemals in meinem Leben wieder vergessen würde...
Ich konnte sie nicht vergessen.
„Ich will mit Edward sprechen!“, beharrte sie und klang alles andere als erfreut.
„DU hast ihm gar nichts zu sagen, Tanya. Verschwinde von hier! Du hast sie doch nicht mehr alle, dass du uns hierhin folgst!“ Diese Stimme gehörte eindeutig Bella und sie war wütend.
Wenn ich mich recht entsann, dann meinte ich sie noch nie so wütend erlebt zu haben wie in diesem Moment.
Mit langsamen Schritten stieg ich die letzten Stufen hinab und erblickte als erstes Bella, die ihre Hand an die Tür gelehnt hatte und mit Jemandem sprach.
Bellas Stimme hatte einen wütenden Unterton und ich erstarrte, als ich die Frau erblickte, die mir einst das Herz gebrochen hatte.
Tanya hatte sich nicht viel verändert.
Jetzt, wo sie hier in diesem Haus stand, kam es mir so vor als wäre es erst gestern gewesen, seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte.
Noch immer umrahmten rotblonde Locken ihr hübsches Gesicht und ihre blauen Augen schienen beinahe zu leuchten, während sie Bella anfunkelte.
Sie hatte ihre Arme vor der Brust verschränkt und sagte etwas, doch ich war viel zu geschockt um auch nur ein einziges Wort von dem, was sie sagte zu verstehen.
Ich konnte mich nicht einmal mehr bewegen, so sehr überraschte es mich, dass die Mutter meiner Tochter plötzlich, an diesem Morgen, vor unserer Tür stand.
Dabei hätte es mich eigentlich nicht verwundern sollen, schließlich hatte sie mich in den letzten Wochen mit Anrufen terrorisiert und niemals locker gelassen, bis ich mich letztendlich dazu entschieden hatte, meine Nummer zu ändern. Scheinbar war das vorerst der einzige Weg sie davon abzuhalten, uns hinterherzuspionieren.
War ich wirklich so leichtgläubig, dass ich dachte sie würde einfach aufgeben?
Dass sie sich noch immer nicht dafür interessierte, wie es Emily ging?
Doch vielleicht hatte ich mich getäuscht…
Vielleicht wollte sie es wirklich, hatte die ganzen Fehler eingesehen, die sie in den vergangenen Jahren getan hatte und wollte es jetzt wieder gut machen?
Ich wusste ganz genau, dass man die letzten Jahre nicht einfach so ungeschehen machen konnte, ich wusste nicht einmal, ob ich ihr jemals verzeihen konnte, doch was Emily anging, würde sie Tanya nicht um den Hals fallen, soviel stand fest.
„Edward!“ Tanyas Stimme riss mich augenblicklich aus den Gedanken an meine Tochter, und erschrocken zuckte ich zusammen.
Tatenlos sah ich zu, wie sich Tanya an Bella vorbei zwängte, sie sogar noch ein Stück zur Seite schubste, und in meine Richtung lief.
Ehe ich mich versah, hatte sie ihre Arme um mich geschlungen und jetzt wusste ich überhaupt nicht mehr, was ich tun, geschweige denn was ich überhaupt hätte denken sollen.
Hatte sie mich nicht auch noch vor kurzem beschimpft, mir die wildesten Sachen an den Kopf geworfen und mir sogar gedroht?
Oder war es einfach nur Unsicherheit und Angst gewesen, die sie zu diesen Sachen getrieben hatten?
Mir schwirrten so viele Fragen durch den Kopf, dass ich wohl fast schon befürchten musste, dass dieser bald platzte, wenn ich nicht einige Antworten erhalten würde.
„Es tut so gut dich zu sehen“, sagte sie mit leiser Stimme und ich starrte verwirrt zu ihr herunter, bis ich schließlich endlich dazu kam, mich zu rühren.
Ich streckte meine Arme aus und schob sie ein Stück von mir weg, was sie sogleich mit einem unverständlichen Blick quittierte.
„Was zum Teufel machst du hier?“
Meine Stimme hörte sich seltsam an.
Ich erkannte sie fast gar nicht wieder und ich fühlte mich so, als wäre ich nur ein stiller Zuhörer und nicht derjenige, der gerade sprach.
Als wäre ich gar nicht hier, sondern weit weg...
Mir kam das alles so irreal vor, dass ich mir wünschte, aus diesem kuriosen Traum aufzuwachen, aber es war die Wahrheit.
Die Frau, die mich vor über 16 Jahren einfach so mit einem kleinen Baby sitzen gelassen hatte, stand jetzt vor mir und benahm sich so, als wäre das alles gar nicht geschehen.
Als wären wir alte Freunde, die sich nach so langer Zeit endlich wieder sahen!
„Du kennst den Grund, weswegen ich hier bin, Edward…“ Ihre Stimme war leise, sanft und trug wieder diese Spur von Unschuld darin, die sie schon so oft benutzt hatte… und mit einem Schlag packte mich die blanke Wut.
Meine Hand legte sich an ihren Arm und ich führte sie ins Wohnzimmer.
Dieses Gespräch wollte ich sicherlich nicht mit ihr im Flur führen.
Es verwunderte mich ein wenig, dass Bella uns nicht folgte, aber ich hatte gerade in diesem Moment keine Zeit, um nachzufragen, also ließ ich es bleiben.
„Was fällt dir ein, hier einfach aufzutauchen?!“, wollte ich als erstes von Tanya wissen.
Es war schon schlimm genug, dass sie einfach das gemeinsame Wochenende von Bella und mir zunichte machte, aber wenn ich mir vorstellte, dass sie einfach so zu Hause vor meiner Tür gestanden hätte und Emily wohlmöglich auch noch da gewesen wäre, dann hätte das Ganze sicherlich in einer großen Tragödie geendet.
„Irgendwie muss ich dich ja dazu zu bringen mit mir zu reden, anders geht es ja nicht!“, entgegnete Tanya schnippisch.
Erst jetzt wurde mir wirklich bewusst, wie viel Emily von ihrer Mutter geerbt hatte.
Es waren nicht nur die äußerlichen Dinge, die wirklich offensichtlich waren, nein!
Sie hatte auch noch einige Eigenarten geerbt, was wirklich komisch war, wenn man bedachte, dass die beiden sich nicht kannten und doch waren sie sich so unheimlich ähnlich.
„Du kannst nicht einfach hier auftauchen, verdammt…“, murmelte ich mehr zu mir selbst, als zu ihr und hörte dann, wie sie leise lachte.
„Du siehst doch, dass ich das kann.“
Ich richtete meinen Blick vom Boden auf und sah sie an.
Ihre meeresblauen Augen musterten mich eindringlich und ich konnte wirklich nicht sagen, ob sie es ernst meinte, oder ob sie sich nur einen schlechten Scherz erlaubte.
„Wo ist dein Baby?“, wollte ich von ihr wissen und sie runzelte misstrauisch die Stirn.
„Wieso interessiert es dich, wo mein Baby ist?“
„Weil du eine Vorliebe dafür hast deine Kinder im Stich zu lassen, deswegen“, entgegnete ich barsch und ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen hatte das gesessen.
„Mein Kind ist in guten Händen, mach dir da mal keine Sorgen.“
„Na immerhin etwas, was du gut gemacht hast“, murmelte ich leise und ignorierte den wütenden Blick, den sie mir zuwarf.
Sie hatte verdammt noch mal keinen Grund wütend auf mich zu sein, ich hingegen hatte tausende davon auf Lager.
Ihr Blick fiel auf ihre Hände, während sie leise seufzte.
Tanya schien über viele Dinge nachzudenken und erst nach einigen Sekunden der Stille, richtete sie ihren Blick auf und sah mich mit ihren tiefblauen Augen an.
„Ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe… Nicht nur einen, dessen bin ich mir bewusst, aber eins kannst du mir glauben, Edward… Ich bin erwachsen geworden. Mir ist klar, dass ich das mit unserer Tochter nicht wieder gut machen kann, vielleicht will sie mich ja auch gar nicht sehen, aber…“ Ihre Stimme brach und ich warf ihr einen verwunderten Blick zu.
Es konnte doch nicht etwa sein, dass sie weinte…?
So schnell es ihr möglich war, wandte sie ihren Blick von mir ab und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.
Tanya war nie eine Person gewesen, die schnell weinte.
Sie hatte mir immer nur ihre starke Seite gezeigt, sie war kein Mädchen gewesen, welches man ständig beschützen musste und genau deswegen verwirrte mich die Reaktion, die sie jetzt zeigte.
Mit den Jahren hatte ich mir vor lauter Hass ein vollkommen eigenes Bild von Tanya in meinem Kopf erstellt und dabei verdrängt, wie sie wirklich war.
In meinen Gedanken und Erinnerungen war sie kaltherzig, da sie Emily und mich einfach so im Stich gelassen hatte, sodass sie es nicht verdiente, dass man auch nur an sie dachte, doch das war einfacher gesagt, als getan.
Ich hatte ständig an sie gedacht, in jeder freien Sekunde in der ich alleine gewesen war, bis Bella aufgetaucht war.
Mit der Zeit hatte ich es geschafft, Tanya weitgehend aus meinem Gedächtnis zu verbannen.
Die Erinnerungen an sie waren verblasst, in meinem Kopf waren sie wie ein dichter Nebel, in welchem man nicht einmal mehr die Hand vor Augen sehen konnte, doch jetzt, wo sie weinend vor mir stand, war auf einmal plötzlich alles wieder da und genau das brachte
mich so durcheinander.
Tanya war nicht immer kaltherzig und egoistisch gewesen, es gab durchaus auch schöne Momente zwischen uns und ich verfluchte mich dafür, dass ich gerade in diesem Moment daran dachte.
Wieso ausgerechnet jetzt und wieso gerade hier?
„Ich…“ Ihr Schluchzen wurde lauter, als sie versuchte einen vernünftigen Satz zu Stande zu bekommen und ich wusste wieder einmal nicht, was ich tun sollte.
Mit dieser Situation war ich vollkommen überfordert.
„Gott Edward, wenn ich könnte, dann würde ich das alles wieder ungeschehen machen, bitte glaub mir…“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme und sah mich wieder an.
„Du kannst es aber nicht rückgängig machen, Tanya“, erwiderte ich und war selbst überrascht, wie leise und brüchig meine Stimme nun klang.
Etwas in mir verhinderte es, zumindest in diesem kleinen Moment wütend auf sie zu sein.
„Ich weiß, verdammt… Ich weiß es… Ich war jung und dumm, verflucht und habe nur auf das gehört, was meine Mutter mir gesagt hat. Sie dachte immer, du wärst nicht gut genug für mich und sie wollte, dass ich eine schöne und perfekte Zukunft hatte. Ohne ein Baby und ohne dich“, erklärte sie mir und ich schüttelte seufzend den Kopf.
„Und… hat es etwas gebracht?“
Tanya sah mich fragend an. Anscheinend war sie genau so verwirrt, wie ich es war – kein Wunder wenn man bedachte, dass die verschiedensten Gefühle in uns beiden tobten.
„Deine Zukunft… Nun.. Ist sie so geworden, wie du es dir vorgestellt hast?“, wollte ich von ihr wissen und legte fragend den Kopf schief.
Tanyas Antwort war lediglich ein trauriges Kopfschütteln.
„Deine Mutter hatte schon immer einen großen Einfluss auf dich, aber sie hat diese Entscheidung nicht alleine getroffen. Natürlich warst du jung, aber ich war es auch und ich habe es trotzdem geschafft, mein Kind aufzuziehen. Allein. Und ich bin verdammt stolz darauf und ich bereue nicht eine einzige Sekunde mit meinem Kind!“
„Du sagst ständig dein Kind…“, murmelte Tanya und versuchte die Tränen zu trocknen, die von ihren Wangen herab tropften.
„Es ist auch mein Kind, Tanya. Du bist die Mutter, dass will ich nicht bestreiten, aber wo warst du, als sie ihren ersten Zahn bekommen hat? Wo warst du, als sie nachts Albträume hatte und weinend zu mir ans Bett gekommen ist? Wo warst du, als sie ihren ersten Schultag hatte? Richtig, du warst nicht da! Nicht an einem einzigen Moment hast du teilgenommen und mit der Zeit hat Emily auch aufgehört nach dir zu fragen!“ Nachdem ich meinen kleinen Redeschwall beendet hatte, holte ich tief Luft.
„Sie hat nach mir gefragt?“
„Natürlich, verdammt, was denkst du denn?! Denkst du ein kleines Mädchen will nicht wissen, wo ihre Mutter abgeblieben ist? WARUM SIE NICHT DA IST?“ Jetzt wurde meine Stimme eindeutig lauter und Tanya zuckte zusammen, doch ich ignorierte sie.
„Und… was hast du ihr gesagt…?“, wollte Tanya von mir wissen.
„Dass du tot bist.“
Diese Worte waren hart, aber sie wollte es ja schließlich wissen.
Das war das, was ich meiner Tochter erzählt hatte und an Tanyas Blick konnte ich erkennen, dass sie diese Worte schockten.
„Was? Denkst du ich erzähle meiner kleinen Tochter einfach so, dass ihre Mutter wie ein feiges Huhn abgehauen ist, weil sie mich und sie nicht liebt? Was meinst du wohl, wie Emily sich dann gefühlt hätte? Und glaube mir, sie wäre nicht die gleiche Person gewesen wie sie es heute ist. Dann wäre sie ein ganz anderer Mensch geworden.“
Es schien so, als wollte Tanya diese Worte erst einmal sacken lassen.
Ganz vorsichtig wandte sie sich von mir ab und steuerte auf den großen Sessel zu, der in der Nähe des Kamins stand und ließ sich darauf nieder.
Ich starrte sie einfach nur weiter an und spürte, wie so langsam wieder die Wut in mir aufkam.
Ich dachte an die Nachricht, die sie mir dagelassen hatte…
„Edward…
Ich kann das einfach nicht.
Ich habe noch mein ganzes Leben vor mir, ich will und kann mich nicht um ein Kind kümmern.
Du wirst es verstehen.
Tanya.“
Dachte an unser vorheriges Gespräch…
„Tanya… Wir werden nicht ewig hier bleiben… Das haben wir doch schon besprochen oder? Wenn ich erst einmal mit dem Studium fertig bin, dann…“
„Ja, genau! Wenn du erst einmal damit fertig bist, Edward! Du hast gerade erst mit dem Studium angefangen, bis du fertig bist dauert es noch ein paar Jahre! Und was habe ich? Gar nichts, verdammt! Ich hatte auch Träume!!“
„Ja, genau! Wenn du erst einmal damit fertig bist, Edward! Du hast gerade erst mit dem Studium angefangen, bis du fertig bist dauert es noch ein paar Jahre! Und was habe ich? Gar nichts, verdammt! Ich hatte auch Träume!!“
An das Telefonat mit ihrer Mutter und ich spürte, dass meine Hände bedrohlich zitterten.
„Auf dem Zettel stand doch alles drauf, was du wissen musst. Aber ich werde es dir noch einmal erklären, falls du es nicht verstehst oder es jetzt noch nicht verstehen willst. Tanya ist einfach noch nicht bereit für ein Kind. Sie hat noch ihr ganzes Leben vor sich und sie ist auch nicht bereit, für diesen Fehler ihr Leben umzukrempeln.“
„Nenn meine Tochter noch einmal einen FEHLER und du wirst es bereuen…“ Meine Stimme glich nur noch einem Knurren und am anderen Ende der Leitung wurde es für einen kurzen Moment still.
„Nenn meine Tochter noch einmal einen FEHLER und du wirst es bereuen…“ Meine Stimme glich nur noch einem Knurren und am anderen Ende der Leitung wurde es für einen kurzen Moment still.
„Jedenfalls…“, fuhr Sasha fort, als wäre nichts gewesen.
„Will Tanya jetzt ihr eigenes Leben leben, in dem du sicherlich nichts zu suchen hast. Und dieses Kind auch nicht.“
„Will Tanya jetzt ihr eigenes Leben leben, in dem du sicherlich nichts zu suchen hast. Und dieses Kind auch nicht.“
Ohne darüber nachzudenken, was ich tat, schleuderte ich die Flaschen, die auf dem kleinen Schrank standen herunter und sie gingen mit einem lauten Krachen zu Boden.
„WAS ZUM TEUFEL HAST DU DIR NUR DABEI GEDACHT??! WIE KONNTEST DU NUR? WIE KONNTEST DU NUR DEIN EIGENES KIND IM STICH LASSEN?!!“
Ich sah rot.
Wenn ich noch vor wenigen Sekunden klar im Kopf gewesen war, so konnte ich jetzt überhaupt nicht mehr denken.
Meine ganze Wut projizierte sich ganz alleine auf Tanya, die erschrocken von ihrem Platz aufgesprungen war und mich mit großen Augen ansah.
„Ich erkenne dich gar nicht mehr wieder…“, hörte ich sie sagen und fast wäre ich versucht gewesen, gegen den Schrank zu treten und ihn zu demolieren, nur damit ich ihr nicht weh tat, aber ich versuchte meine Wut zumindest ein bisschen herunter zu schlucken.
„DU ERKENNST MICH NICHT MEHR WIEDER? DEN EDWARD, DEN DU KANNTEST GIBT ES AUCH NICHT MEHR! DU HAST IHN VERTRIEBEN, TANYA! DAS IST ALLES GANZ ALLEINE DEINE SCHULD, DASS ICH IN DEN LETZTEN JAHREN SO VERDAMMT UNGLÜCKLICH WAR!!“
„Das was ich getan habe, tut mir Leid-“
„HÖR AUF DICH ZU ENTSCHULDIGEN, BEVOR ICH MICH NOCH VERGESSE!“, warnte ich sie und sie verstummte augenblicklich.
„Edward… Erinnerst du dich noch an das Gespräch am Telefon…?“, wollte Tanya nach einiger Zeit der Stille von mir wissen und ich warf ihr einen kurzen Blick zu.
„Natürlich. Was ist damit?“ Meine Stimme war wieder ein wenig leiser, aber ich war immer noch wütend.
„Ich weiß, dass du in den letzten Jahren nicht gerade glücklich warst und ich weiß auch, dass es daran liegt, dass ich dich verlassen habe… Ist es nicht so, dass du noch immer Gefühle für mich hast?“
Wieder stellte sie mir diese Frage und wieder brachte ich es nicht fertig, ihr sofort zu antworten.
Ich versuchte die Gedanken und Gefühle in meinem Kopf zu ordnen, versuchte zu verstehen, was da gerade in mir vorging und ich atmete tief ein, während ich für einen kurzen Moment meine Augen schloss.
„Ja… Da sind ganz viele Gefühle in mir, aber keines dieser Gefühle ist positiv. Das, was ich für dich empfinde ist unter anderem Mitleid. Du dachtest, du könntest es besser haben, wenn du einfach gehst und anscheinend hat das Schicksal zurückgeschlagen. Es wäre dir besser ergangen, wenn du nicht gegangen wärst, aber das lässt sich nicht mehr ändern“, erklärte ich ihr mit ruhigen und klaren Worten, während ich sie dabei ansah.
„Denkst du oft daran?“
„Woran?“ Ich runzelte die Stirn, weil ich nicht genau wusste, was sie meinte.
„Ich meine… Denkst du oft daran wie es gewesen wäre, wenn ich nicht gegangen wäre? Wenn wir jetzt eine Familie wären?“
Der Gedanke daran schmerzte ein wenig.
Natürlich hatte ich mir das für Emily immer gewünscht, dass sie ihre Mutter hatte und ich die Frau, die ich liebte, aber das war die Vergangenheit.
Jetzt war Bella die Frau, die ich an meiner Seite wollte und das würde sich auch nicht ändern, egal was kommen würde.
„Ja. Ich habe oft daran gedacht, aber jetzt nicht mehr. Leider wirst du immer irgendwie ein Teil meines Lebens sein. Du warst meine erste große Liebe und du bist die Mutter meiner Tochter, aber das war es auch schon, was uns verbindet“, erklärte ich ihr, doch an Tanyas Blick konnte ich erkennen, dass sie mir nicht glaubte.
Verwunderlicherweise lächelte sie leicht und atmete einmal tief aus.
Ich hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte, wollte aber nicht nachfragen und das Thema noch weiter vertiefen.
„Edward.. Ich weiß, es ist zu viel verlangt und ich weiß nicht einmal, ob du es tust, aber kann ich dich um einen Gefallen bitten?“, fragte sie mich und sah mich eindringlich an.
Ich zögerte einen Moment und dachte darüber nach, um was sie mich wohl bitten wollte, entschied mich dann aber dazu, dass ich es wissen wollte.
„Was?“
„Ich würde Emily wirklich gerne sehen“, erklärte sie mir und ich schüttelte schnaubend den Kopf.
Es war doch eigentlich klar gewesen, dass sie diesen Wunsch äußerte und wenn ich ehrlich war, dann wollte ich das nicht.
Tanya schien meine Reaktion genau richtig zu deuten.
„Edward, sie ist fast erwachsen. Sie kann selbst entscheiden, ob sie mich sehen will, oder nicht. Das hast du nicht mehr zu entscheiden.“
Zu meiner Schande musste ich gestehen, dass Tanya Recht hatte.
Emily konnte selbst entscheiden, ob sie ihre Mutter sehen wollte, oder nicht, aber dazu musste ich ihr erst einmal die Wahrheit sagen.
Ich musste meiner 16 jährigen Tochter erklären, dass ich sie all die Jahre angelogen hatte und ihre Mutter noch am Leben war.
Die verschiedensten Situationen gingen mir durch den Kopf, wie Emily wohl darauf reagieren würde und mir wurde bewusst, dass ich dieses Gespräch wirklich in nicht allzu ferner Zukunft führen musste.
Es wäre mir lieber gewesen, wenn alles so geblieben wäre, wie es jetzt war, denn Emily und ich verstanden uns super und das würde alles wieder zerstören, das war fast schon so sicher wie das Amen in der Kirche.
Frustriert fuhr ich mir durch meine Haare und suchte in meinem Kopf nach einer Lösung, die für alle das Beste wäre, aber ich fand einfach keine.
„Edward? Überlege es dir, bitte.. Entweder wir machen es so, oder ich werde irgendwann wirklich vor deiner Tür stehen und vielleicht wird ja dann sogar unsere Tochter die Tür öffnen. Wie willst du es ihr dann erklären? Du willst doch nicht, dass ich diejenige bin, die deiner Tochter die Wahrheit sagt, oder?“
Nein, das wollte ich wirklich nicht.
Das würde mir Emily niemals im Leben verzeihen, soviel stand fest, also musste ich wohl oder übel in den sauren Apfel beißen.
„Okay…“, sagte ich schließlich mit zusammengebissenen Zähnen und hätte mir am liebsten selbst eine dafür verpasst, doch was blieb mir denn noch für eine Wahl?
Tanya würde niemals aufgeben.
„Okay? Heißt das ja?“ Auf Tanyas Gesicht schlich sich ein Lächeln, sie strahlte beinahe schon und ich gab es nur ungern zu, aber irgendwie war es ein gutes Gefühl, sie so zu sehen.
So wie früher…
Schnell verbannte ich wieder diese Gedanken aus meinem Kopf und katapultierte mich zurück in die Gegenwart.
„Aber nicht sofort, okay? Es gibt da etwas, was ich zuvor noch mit Emily bereden möchte, also gib mir bitte etwas Zeit, ja? Du kannst nicht einfach so von heute auf morgen in unser Leben platzen, aber ich verspreche dir, dass ich mit ihr reden werde.“
Beinahe schon ungeduldig wartete ich Tanyas Antwort ab und ich atmete erleichtert aus, als sie nickte und mir somit zustimmte.
„Okay, ich gebe dir Zeit“, bestätigte sie ihr Nicken noch einmal mit Worten.
„Danke“, erwiderte ich schlicht und fuhr mir seufzend mit einer Hand durch meine Haare.
Einen Moment lang blieben wir einfach nur dort stehen und sahen uns an, bis Tanya schließlich diejenige war, die sich vom Fleck bewegte und direkt auf mich zukam.
„Nein. Ich muss dir danken, Edward. Ich habe das alles gar nicht verdient und trotzdem gibst du mir noch eine Chance…“, hörte ich sie sagen und ich wollte protestieren, doch mein Mund gab seinen Dienst auf, als sich ihre Hand an meine Wange legte und sie mich traurig lächelnd ansah.
„Ich weiß, du hasst mich und damit muss ich leben, aber trotzdem solltest du wissen, dass auch wenn ich gegangen bin, ich dich niemals vergessen habe… Du warst immer in meinem Herzen und wirst es auch immer sein. Ich habe nie aufgehört dich zu lieben.“
Ich verkrampfte mich bei ihren Worten und war im wahrsten Sinne des Wortes geschockt.
Konnte es tatsächlich sein, dass sie mich nicht vergessen hatte?
Aber wieso war sie dann gegangen…?
War das alles vielleicht auch geschehen, weil sie sich damals noch nicht so gut gegen ihre Mutter durchsetzen konnte?
Ich wusste nur zu gut, wie Sasha sein konnte und damals war Tanya ja noch nicht erwachsen gewesen.
Tanyas Fingerspitzen strichen behutsam an meiner Wange entlang, als wäre sie etwas Wertvolles und Kostbares und langsam stellte sie sich auf Zehenspitzen und küsste mich auf die Wange.
Ich bewegte mich nicht, wagte es noch nicht einmal zu atmen und blieb einfach nur an Ort und Stelle stehen, während sie sich wieder von mir löste und an mir vorbei ging.
„Und denk an meine Bitte…“, hörte ich sie noch sagen, bevor sie sich mit leisen Schritten von mir entfernte und ich die Tür ins Schloss fallen hörte.
Im Haus herrschte Totenstille.
Nicht ein einziger Laut war zu hören und ich erinnerte mich daran, dass ich atmen musste und holte tief Luft.
Ich brauchte einige Sekunden bis ich das eben erlebte verdaut hatte, und rührte mich dann sofort.
Das Einzige, woran ich jetzt nur noch denken konnte, war Bella.
Ich wollte zu ihr, wollte wissen, ob sie alles gehört hatte und was sie jetzt dachte.
Als ich ein leises Klirren in der Küche hörte, machte ich mich sofort auf den Weg dorthin und als ich die Küche betrat, sah ich Bella an der Spüle stehen.
Auf der Theke stand eine Tasse Kaffee, doch sie würdigte diese keines Blickes und hatte ihre Hände an die Spüle gelehnt.
„Bella…?“
Sie reagierte nicht, bewegte sich genauso wenig, wie ich es zuvor getan hatte und ehrlich gesagt machte mir das Angst.
Ich fragte mich, was wohl gerade in ihrem Kopf vorging und vorsichtig machte ich einige Schritte auf sie zu.
Mir war bewusst, dass ich Tanya lieber sofort aus dem Haus hätte schmeißen sollen, aber dann wäre es wohl passiert, dass sie eines Tages wirklich vor meiner Tür gestanden hätte, also war mir letztendlich doch keine Wahl geblieben.
„Bella… sag doch etwas…“, sagte ich leise und streckte meine Hand nach ihr aus, doch sie entzog mir sogleich wieder ihren Arm und das tat noch mehr weh als alles andere.
„Du hast alles gehört, oder?“, wollte ich von ihr wissen und Bella drehte sich so schnell zu mir um, dass ich erschrocken zusammen zuckte.
Ihr Blick war wütend und zugleich gekränkt. Es schmerzte, sie so zu sehen, doch ich wusste nicht, was genau sie so wütend machte.
„Ich habe jedes verdammte Wort gehört.“
Mit diesen Worten warf sie mir noch einen bösen Blick zu, bevor sie schließlich mit schnellen Schritten an mir vorbei lief.
Das letzte was ich hörte war eine Tür, die mit einem lauten Knall zugeschlagen wurde.
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