Emily POV
Mit meiner Reisetasche im Gepäck, stand ich seufzend vor meiner Haustür.
Eigentlich wäre das nichts ungewöhnliches, aber da ich die letzten Wochen bei meinen Großeltern verbracht hatte, war es das schon.
Gestern Abend noch hatte ich ein Gespräch mit meiner Grandma geführt.
Sie hatte mit meinem Dad telefoniert und sie war sich beinahe schon sicher, dass er sich wirklich gebessert hatte und es auch weiterhin versuchte.
Recht hatte sie ja schon, denn immerhin war dieses aufgetakelte Püppchen endlich über alle Berge.
Ich konnte sie bis in den Tod nicht ausstehen, sie war einfach so künstlich und so verdammt falsch.
Mich störte nicht nur die Tatsache, dass sie mich immer so behandelt hatte, als wäre sie meine Mutter, sondern auch dass sie meinen Vater ausnutzte.
So wie es viele Frauen vorher auch schon getan hatten, nur anscheinend hatte mein Dad was das anging Tomaten auf den Augen.
Da hatte sogar ein Mülleimer einen besseren Geschmack als er, zumindest was seine bisherigen Frauen anging.
Jetzt sah die Sache aber schon ganz anders aus.
Er hatte Bella - Nessies Mutter - kennen gelernt, die ich schon seit längerem kannte und wirklich sehr gerne mochte.
Genauso wie ich, ließ sie sich von ihm nichts sagen und schon gar nicht befehlen und das war auch gut so.
Es reichte ja schon, wenn sonst alle Frauen nach seiner Pfeife tanzten.
Meine Grandma hatte mir nahe gelegt, dass ich es doch einfach noch einmal probieren sollte, denn immerhin war er mein Vater, egal was er auch getan hatte und er würde es auch immer sein.
Das wusste ich selbst und dennoch war es mir in dem letzten Jahr unheimlich schwer gefallen, mich mit ihm in einem Raum aufzuhalten, ohne ihn nicht irgendwie anzubrüllen.
Auch bei ihm war das nicht anders gewesen.
Doch dieser Abstand hatte uns gut getan, da war ich mir sicher auch wenn ich ihm diese Lüge nicht verzeihen konnte.
Eines Tages vielleicht, ja, aber noch nicht jetzt.
Trotzdem war ich bereit, es dennoch zu probieren, denn er war nun einmal mein Vater, auch wenn er mich in den letzten Jahren so sehr vernachlässigt hatte.
Früher war es einmal anders gewesen, aber da hatten ihn seine Arbeit und die ganzen Frauen auch nicht beschäftigt.
Ich hatte zwar einen Schlüssel, betätigte aber dennoch die Klingel, weil ich ehrlich gesagt zu gerne sein Gesicht sehen wollte, wenn ich wieder hier vor seiner Tür stand.
Es dauerte ziemlich lange, bis ich eilige Schritte im Flur hörte und dann seine Stimme.
Den Worten nach zu folgen schien er gerade zu telefonieren, aber als es still wurde vermutete ich, dass er das Gespräch bereits beendet hatte.
Ich seufzte leise, als sich endlich die Tür öffnete und ich direkt in die verwirrten Augen meines Vaters blickte.
„Hallöchen!“, sagte ich gespielt locker und lächelte.
Er blinzelte einige Male und stammelte irgendetwas vor sich her, was ich nicht so recht verstand.
„Emily…“ Das war das erste vernünftige Wort, welches er jetzt gesagt hatte und ich legte meinen Kopf leicht schief, während ich ihn stirnrunzelnd musterte.
„Gut, du weißt anscheinend noch wer ich bin. Kann ich reinkommen?“ Ich war mir gerade in diesem einen kurzen Moment nicht einmal mehr sicher, ob er überhaupt noch wollte, dass ich wieder zu ihm zurückkam.
Sein verwirrter Blick verunsicherte mich ein wenig, auch wenn ich versuchte mir möglichst nichts anmerken zu lassen.
„Ähm… Na klar, Kleines….“ Er machte einen Schritt zur Seite und ließ mich eintreten.
Als ich an ihm vorbeilief fiel sein Blick auf meine Tasche und ich meinte zu sehen, wie sich ein kleines Lächeln auf seinen Lippen abzeichnete.
„Ich habe mich gefragt…“, fing ich an, nachdem ich meine Tasche im Wohnzimmer abgestellt hatte und mich wieder zu ihm umdrehte.
„Ob wir es nicht vielleicht noch einmal probieren sollten… Naja, ich weiß ja nicht ob du mich längst satt hast und hier ständig Party machst, so viel wie du manchmal trinkst, was ich nebenbei bemerkt gar nicht gut finde, aber wer hört denn schon auf die Tochter? Naja egal… Also, wenn du nichts dagegen hast, dann würde ich wieder hier wohnen…“
Ich beobachtete aufmerksam jede noch so kleinste Bewegung in seinem Gesicht.
Es dauerte ziemlich lange, bis er sich letztendlich rührte und ehe ich mich versah, hatte er seine Arme um mich gelegt und umarmte mich.
Ich wusste überhaupt nicht, wie ich darauf reagieren sollte, denn wann er mich das letzte Mal umarmt hatte, konnte ich nicht einmal mehr sagen…
„Es tut mir so leid…“, hörte ich ihn leise sagen und seine Stimme klang irgendwie rau, gerührt, was mich wohl vollkommen zu überfordern schien.
In den letzten Jahren hatte er doch so gut wie keine Emotionen gezeigt, mal ganz abgesehen von der Wut, die er immer nur all zu gerne an mir ausgelassen hatte.
„Sag mal heulst du?“, fragte ich vollkommen verwirrt und versuchte einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen, was sich aber als ziemlich schwierig herausstellte, denn er schien erst einmal nicht daran zu denken mich wieder los zu lassen.
„Was ich? Nein…“, entgegnete er, doch seiner Stimme nach zu urteilen, hörte sich das ganz anders an.
Ich tätschelte ein wenig verblüfft und immer noch recht hilflos seinen Rücken.
„Hey.. Es gibt aber auch ein paar Bedingungen.. und jetzt lass mich doch mal wieder los, du erdrückst mich ja….“
Edward schien zu gehorchen, denn er ließ mich wieder los und ich atmete einmal tief ein.
Okay, irgendwelche Rippen waren also nicht gebrochen, na immerhin.
Es war selten, dass ich nicht so recht wusste, was ich sagen oder tun sollte, denn ich hatte mit allem gerechnet aber ganz sicherlich nicht mit solch einer Begrüßung.
„Entschuldige, aber ich freue mich einfach nur, dich endlich wieder zu sehen“, gestand er schulterzuckend und strahlte über das ganze Gesicht.
Wann hatte ich ihn das letzte Mal so glücklich gesehen?
Das musste wirklich Jahre her sein.
„Bist du wirklich mein Vater?“, fragte ich ungläubig und verschränkte die Arme vor meiner Brust.
Irgendetwas lief doch hier falsch, oder ich hatte etwas verpasst?
„Natürlich, wie kommst du denn zu so einer Frage?“ Jetzt war er es, der die Stirn runzelte und mich fragend ansah, während er seinen Kopf leicht schief legte.
„Du bist nur so anders. Als wärst du ein Alien, oder so was…“
„Ich bin immer noch derselbe“, antwortete er und beobachtete, wie ich mich auf unser Sofa im Wohnzimmer fallen ließ.
Ehrlich gesagt hatte ich mein Zuhause ja doch schon irgendwie vermisst.
Keine Frage, bei Grandma und Grandpa war es sehr schön, aber Zuhause war es doch immer noch am besten.
Vor allem ohne Püppi natürlich.
„Du bist fast wie ausgewechselt.. Aber ist ja jetzt erst einmal nebensächlich… Die Bedingungen…“, fing ich wieder an und schlug ein Bein über das andere.
Er fuhr sich mit seiner Hand durch sein Haar und wartete geduldig darauf, dass ich fort fuhr.
Von Nessie wusste ich ja, dass er sich in letzter Zeit oft mit Bella getroffen hatte.
War es wirklich möglich, dass sie irgendwie wieder den wahren Edward zum Vorschein brachte?
Meinen Vater, den ich damals als Kind so sehr verehrt hatte?
„Okay… Also… Du hörst auf mit deinem ständigen Gebrüll. Ich weiß, schon klar, ich bin ein Teenager, ich mache ständig nur Scheiße, bla bla. Aber bitte lass nicht immer alles an mir aus egal was es auch sein mag. Natürlich du bist mein Vater, aber wenn es nach einer gewissen Zeit wieder so wird wie früher, dann bin ich weg und ich kann dir nicht sagen, ob ich dann noch einmal bereit wäre, zurück zu dir zu kommen.“
Ich musterte ihn prüfend, während ich auf eine Antwort von ihm wartete.
Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, als seine Mundwinkel sich hoben und er ohne zu murren nickte.
Nicht einmal ein Protest?
Ich erkannte ihn wirklich beinahe nicht wieder…
Und entweder ich litt an Halluzinationen, oder er sah wirklich ein wenig jünger aus.
Nicht mehr so gestresst, wie es sonst immer der Fall gewesen war.
„Ich habe versprochen, mich zu bessern und das werde ich auch tun.“
„Oookaaay… Ähm…Danke…“, sagte ich, noch immer ein wenig misstrauisch, ob er nicht im nächsten Moment doch noch ausrasten würde.
Doch er sah mich einfach nur vollkommen ruhig an und wartete darauf, dass ich fortfuhr.
„Das andere… Naja.. Du solltest mir auch mal zuhören und dich vielleicht ein wenig mehr für mich interessieren…“ Ich seufzte leise und starrte auf einen imaginären Fleck auf unserem Teppich.
Es war kein schönes Gefühl wenn man dachte, dass man seinen Eltern irgendwie egal war.
Vielleicht war es nicht so gewesen, aber so hatte es sich angefühlt.
„Wir sollten uns noch einmal neu kennenlernen, denke ich“, fügte ich hinzu und wagte es nach einiger Zeit der Stille meinen Blick wieder aufzurichten.
Sein Gesichtausdruck war schuldbewusst und ehrlich gesagt konnte ich ihn nicht lange ansehen, wenn seine Augen so viel Schuld widerspiegelten.
„Das fände ich wirklich großartig…“, hörte ich ihn schließlich leise sagen und ein Lächeln zeigte sich auf meinen Lippen.
„Und du musst mir Zeit geben… Ich meine… Irgendwie bin ich immer noch nicht bereit, dir zu verzeihen für das was du getan hast… Also bitte lass mir diese Zeit, ja?“
Ich befürchtete schon, dass er wieder nachhaken würde, doch er nickte einfach nur und in seinen Augen konnte ich sehen, dass er es wirklich ernst meinte und das machte mich sogar ein wenig glücklich.
Er lernte dazu, dass war doch schon einmal ein riesengroßer Fortschritt.
„Sag mal…“
Mein Dad beobachtete mich aufmerksam und legte fragend seinen Kopf schief.
„Du hast die Sache mit Bella doch wieder hinbekommen, oder?“
Ich sah, wie mein Vater plötzlich auf dem Sofa herum rutschte und wie immer fuhr er sich mit einer Hand durch seine Haare.
Ein deutliches Zeichen dafür, dass er nervös war.
Skeptisch zog ich eine Augenbraue hoch und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ähm ja klar.. Alles wieder gut, wir haben darüber… gesprochen. Wir sind jetzt Freunde…“
„Achso? Deswegen hörst du dich also an wie ein pubertierender 14 Jähriger.. Jaaa, weil ihr Freunde seid, ist klar..“ Ich kicherte leise über sein merkwürdiges Verhalten, denn soweit ich zurückdenken konnte, hatte er sich noch nie so benommen.
Außerdem war ich nicht blöd.
Es war mir schon klar, dass er in Bella verliebt war, dass sah doch jeder, auch wenn die beiden das vermutlich abstreiten würden.
Die beiden würden sicherlich ein gutes Paar abgeben, so stur wie sie waren.
„Was? So benehme ich mich gar nicht!“, versuchte er sich schnell zu verteidigen.
Doch alleine seine Körperhaltung und sein verwirrter Blick brachten mich schon wieder zum Lachen.
Wenn ich ehrlich war, dann gefiel mir mein Vater doch so um einiges besser.
Bella tat ihm gut, dass hatte man sofort gemerkt, nachdem er sie kennen gelernt hatte.
„Du verhältst dich genauso psycho, wie dieser Michael aus der Achten. Der läuft mir ständig den ganzen Tag lang hinterher und will meine Tasche tragen und all so ein Scheiß. Glaub mir, wärst du in der High School, würdest du Bella genauso hinterher dackeln..“
Ich lachte über seinen verdutzten Gesichtsausdruck, den er mir zuwarf nachdem ich zu Ende gesprochen hatte.
Er verteidigte sich schnell und sagte mir, dass ich vollkommenen Schwachsinn redete, doch das brachte mich nur noch mehr zum Lachen, aber einerseits war es ziemlich schön, denn nach einiger Zeit schüttelte er nur den Kopf und stimmte in mein Lachen mit ein.
Das Handy in meiner Hosentasche vibrierte und noch immer lachend zog ich das Handy hervor und warf einen Blick auf das Display.
Es war eine SMS von Daniel wie ich schnell feststellte und zufrieden lächelnd öffnete ich die Nachricht.
„Hey Süße! Wie ist es bei deinem Dad gelaufen? ;) Hast du heute Abend noch Lust zu mir zu kommen?“
Er war wirklich toll, ein klasse Typ, der Gott sei Dank nur eine Klassenstufe über mir war.
Mein Dad wusste nichts von ihm und ich war mir nicht sicher, ob ich ihm überhaupt davon erzählen sollte.
Jacob war schon ein ziemlich cooler Dad und sogar er war beinahe vollkommen ausgeflippt, als er Nessie und Jackson zusammen gesehen hatte, wie würde es dann wohl mein Vater aufnehmen?
„Wer war das?“
Ich zuckte erschrocken zusammen, fühlte mich ein wenig ertappt und sah kurz zu meinem Vater herüber.
Natürlich war er neugierig, schließlich schien er mir davon ja eine gehörige Portion vererbt zu haben, aber ich schüttelte nur lächelnd mit dem Kopf.
„Ist nur Nessie“, erwiderte ich schlicht und diese kleine Notlüge würde er schon noch verkraften können.
Er würde sicherlich ausflippen, denn wahrscheinlich befürchtete er dann, dass er in 9 Monaten Großvater werden würde oder so etwas in der Art.
„Achso…Und… Was schreibt sie so… Ist heute Abend nicht der Fernsehabend mit ihr und.. ihrer Mom?“
Schon wieder druckste er so herum und fuhr sich mit einer Hand durch seine Haare.
Meine Güte, meinen Vater schien es ja wirklich erwischt zu haben!
„Ja, aber Bella ist mit Jacob durchgebrannt“, bemerkte ich und sah, wie sich mein Vater an einem Glas Wasser verschluckte.
Oh ja, er war eindeutig verknallt.
Ich war ja nicht blöd und mit seinen Fragen servierte er es einem doch regelrecht auf einem Silbertablett.
Okay, das was ich da gerade gesagt hatte war wohl schon ein wenig fies, aber sein Gesichtsausdruck war einfach gold wert und ich widerstand dem Drang ein Foto mit meinem Handy zu schießen.
Immerhin bestätigte das nur meine Vermutung, was ihn und Bella anging.
„Was..wie bitte?“, krächzte er, nachdem er sich wieder von seinem Hustkrampf beruhigt hatte und starrte mich mit weit aufgerissen Augen an.
„War doch nur ein Scherz! Komm mal wieder runter!“ Ich verdrehte grinsend die Augen und war froh, dass er nicht einfach umgekippt war, denn seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hätte das sehr gut passieren können.
Ich tippte eine schnelle Antwort an Daniel zurück, dass bei mir alles okay sei und ich den Abend mit meinem Dad verbringen wollte, da es ja jetzt schon einige Zeit her war, dass ich wirklich Zeit mit ihm verbracht hatte.
„Darüber macht man keine Scherze, Emily“, brummte er nach einigen Sekunden der Stille und sah zu mir herüber.
„Ist ja schon gut, Dad. Keine Sorge, ich mache nicht noch einmal einen Scherz, was die beiden angeht“, versicherte ich ihm noch einmal und hob beschwörend meine Hand in die Luft.
„Da fällt mir ein…“, sagte ich nur wenige Sekunden später und erhob mich von dem Sofa.
Es war neu, keine Frage und es gefiel mir ziemlich gut.
Irgendetwas sagte mir, dass ich lieber nicht nachfragen sollte, warum sich mein Vater ein neues Sofa gekauft hatte, also ließ ich es gleich bleiben.
„Ich muss noch eben Nessie anrufen..“ Ich schnappte mir mein Handy und sah, wie mein Dad mir einen leicht unsicheren Blick zuwarf.
Was hatte er denn jetzt schon wieder?
„Gehst du nachher noch zu ihr? Ich meine.. Ich könnte dich gerne hinfahren, wenn du das möchtest und morgen würde ich dich dann auch wieder abholen“, erklärte er mir auf meinen fragenden Blick hin und ich lächelte.
„Das ist wirklich nett von dir, aber ich bleibe heute hier.“
Ich meinte zu sehen, wie seine Augen strahlten und ehrlich gesagt, war ich es gar nicht mehr gewohnt, dass er sich so sehr freute, dass ich diesen Abend Zuhause blieb.
In letzter Zeit war ich oft unterwegs gewesen, hatte mich entweder mit Nessie oder auch mit Daniel getroffen und es war immer so, als hätte es ihn gar nicht interessiert, was ich in Wirklichkeit machte.
Jetzt schien es jedoch anders zu sein.
Er sorgte sich um mich, wollte wissen, ob ich heute Abend Zuhause blieb, auch wenn er die Frage nicht direkt stellte.
Mein Vater war wirklich auf dem besten Weg auch wieder mein Vater zu werden.
„Oh.. Okay…Also…“ Er erhob sich ebenfalls von der Couch und stand ein wenig unbeholfen vor mir.
Ich erkannte ihn fast wirklich nicht mehr wieder, aber es war schön, dass er jetzt anscheinend auch einmal nachdachte, bevor er etwas sagte und versuchte, seine angestaute Wut irgendwie in den Griff zu bekommen.
Bella tat ihm gut, dass merkte man sofort.
Seit sie in seinem Leben aufgetaucht war, verhielt er sich anders.
Sie war irgendwie die einzige Frau, von der er sich irgendetwas sagen ließ und er auch einmal einen Rat von ihr annahm.
Ich war mir ziemlich sicher, dass sie ihm dazu geraten hatte, mich erst einmal weitgehend in Ruhe zu lassen und diese kleine Pause hatte uns beiden wirklich gut getan.
Egal, was er auch in der Vergangenheit getan hatte, er würde immer mein Dad bleiben, daran konnte nichts und niemand etwas ändern.
„Ich.. Ich könnte etwas zu Essen bestellen und wir könnten uns einen Film ansehen, wenn du willst. Aber wenn du nicht willst, dann ist das auch okay, denn du hast sicherlich keine Lust mit mir einen Film zu schauen, oder?“
Belustigt beobachtete ich, wie er von einem Fleck zum anderen lief, den riesigen Schrank öffnete und nach irgendeinem Film Ausschau hielt.
Filme hatten wir eindeutig genug, daran konnte es nicht liegen, aber er schien sich wohl nur irgendwie ablenken zu wollen.
Wahrscheinlich hatte er Angst davor, dass ich jeden Moment wieder meine Tasche nehmen und diesmal endgültig und für immer verschwinden würde.
„Na klar! Gerne“, sagte ich lächelnd und Edward hielt in seiner Bewegung inne.
Seine Hand lag noch an einer DVD Hülle, während er sich mit einem verblüfften Blick zu mir umdrehte.
So wie es aussah, hatte er wirklich nicht damit gerechnet.
„Was schaust du denn jetzt so verwirrt? Ich gehe nur noch eben telefonieren und in der Zeit kannst du ja schon mal das Essen bestellen. Aber bitte nicht wieder diesen ekligen Fraß, ja?“
Ich würde diesen Abend niemals vergessen, obwohl er schon einige Zeit zurück lag, aber mein Dad und ich hatten uns voller Vorfreude etwas von dem neuen Chinesen bestellt, mussten dann aber schnell feststellen, dass man dieses Essen noch nicht einmal seinem Hund geben würde, also hatten wir es so schnell es ging entsorgt.
Stattdessen hatten wir beschlossen, uns unser Essen selbst zu kochen, was letztendlich in einer Katastrophe endete, weil wir die ganze Zeit nur herumgealbert hatten, anstatt auf das Essen zu achten.
Das war einer dieser wenigen Momente in den letzten Jahren, die ich wirklich vermisst hatte.
Mein Dad war zu dieser Zeit recht normal gewesen, er war mit keiner Frau zusammen und die Arbeit lief recht gut, wobei er ein wenig mehr Freizeit hatte als sonst.
Aber dann hatte sich das alles schlagartig geändert.
Innerlich hoffte ich, dass zumindest unsere Beziehung wieder so werden würde, wie es früher einmal gewesen war.
„Für meine Tochter nur das Beste“, erwiderte er lächelnd, wandte sich wieder von dem Schrank ab und schnappte sich das Telefon und einen Flyer, den er irgendwo in einer der zahlreichen Schubladen fand.
„Perfekt!“, bestätigte ich ihm lachend, als er fragend und mit hochgezogener Augenbraue den Flyer in meine Richtung hielt.
Das Essen dort war einfach nur großartig, auch wenn es nicht viel kostete, aber in der Zeit, als wir nicht so viel Geld hatten, hatten wir dort öfters etwas bestellt und genau deswegen mochte ich es, dass er sich ausgerechnet für den Laden entschieden hatte.
„Bin gleich wieder da“, versicherte ich ihm und lief die Treppe zu meinem Zimmer hinauf.
Noch bevor ich die Tür zu meinem Zimmer geschlossen hatte, wählte ich bereits Nessies Nummer und es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich ihre Stimme am anderen Ende meldete.
„Hey Em“, sagte sie fröhlich und ich ließ mich zufrieden seufzend auf mein Bett fallen.
„Hey Nessie.“
„Wie ist es mit deinem Dad gelaufen? Du hast ihn ja ziemlich damit überfallen“, fragte sie mich und ich hörte Stimmen bei ihr im Hintergrund, die sich aber schnell wieder entfernten.
Anscheinend hatte sie sich jetzt in ihr Zimmer verzogen und wir konnten ungestört quatschen.
„Er hat es überlebt, ja. Er hat sich sogar gefreut, dass ich wieder da bin. Hätte ich irgendwie nicht so mit gerechnet, aber das ist schön“, erklärte ich meiner besten Freundin mit einem Lächeln auf den Lippen.
„Ich konnte es mir aber nicht nehmen lassen, ihn ein wenig im Bezug auf deine Mom zu ärgern“, fügte ich leise lachend hinzu und Nessie am anderen Ende schnaubte leise.
„Du kannst es echt nicht lassen oder? Schlimm genug, dass die beiden in letzter Zeit so abgedreht sind.“ Sie seufzte und ich musste wieder lachen bei der Erinnerung daran, was sie mir erzählt hatte.
Nessie überlegte es sich jetzt immer zehn Mal, bevor sie unangekündigt eine Stunde früher zu Hause auftauchte, denn das wollte sie beim besten Willen nicht noch einmal erleben.
„Hör auf zu lachen, dass war alles andere als witzig“, maulte Vanessa mir ins Ohr und anscheinend schmollte sie wirklich, weil ich mich darüber lustig machte.
„Ich mache mich nicht über dich lustig Süße, sondern über die Situation. Das ist ein großer Unterschied“, erwiderte ich immer noch kichernd.
Nessie hatte das Shirt von Jake irgendwo im Wohnzimmer gefunden und sie hatte absolut keine Ahnung gehabt, was es dort zu suchen hatte, doch als sie Stimmen aus dem Schlafzimmer hörte, gefolgt von lauten Gejammer ihres Vaters, weil er sich anscheinend irgendwie verletzt hatte, wurde ihr so einiges klar.
„Hätten sie nicht irgendwie in ein Hotel gehen können oder so etwas?“, jammerte meine beste Freundin am anderen Ende und ich schluckte einen erneuten Lachanfall herunter.
„Sie haben das sicherlich nicht vorher geplant“, versuchte ich sie ein wenig zu beruhigen und lächelte, weil sie noch immer irgendetwas leise vor sich her murmelte.
„Ich will nun einmal nicht, dass jetzt alles plötzlich anders wird, weißt du? Sie haben sich ja immer so gut verstanden und das soll jetzt bloß nicht deswegen kaputt gehen“, erklärte Nessie mir mit ernster Stimme und ich seufzte leise.
„Hey, deine Mom und dein Dad sind nun einmal die besseren Freunde, dass wissen wir beide genauso gut wie sie es wissen. Die werden das schon wieder hinbekommen. Zerbrich dir nicht dein hübsches Köpfchen darüber.“
Nessie am anderen Ende atmete einmal tief ein und stimmte mir zu.
Auch sie verstand, dass die beiden vielleicht einfach nur ein wenig Zeit brauchten, um wieder normal in den Alltag zurück zu finden und ich war mir sicher, dass die beiden das schaffen würden.
Es war ja schließlich kein Weltuntergang.
„Du hast verdammt gute Laune“, bemerkte Nessie, nachdem wir uns einige Zeit lang einfach nur angeschwiegen hatten.
„Na klar, wundert es dich denn?“
„Nein, das nicht. Nur hätte ich nicht gedacht, dass du wirklich so gute Laune hast“, erklärte Nessie mir mit ernster Stimme doch ich konnte hören, dass sie lächelte.
„Sie tut ihm gut, weißt du…“
Ich brauchte meiner besten Freundin nicht zu sagen, von wem ich da gerade sprach.
Seit dem mein Vater Bella kennen gelernt hatte, hatte er sich wirklich verändert, das sah man jeden Tag.
In letzter Zeit hatte ich ihn nicht oft beobachten können, aber er schien wirklich oft in Gedanken versunken zu sein und vielleicht drehten sich diese Gedanken oft um sie, denn ich sah ihn immer öfters Lächeln und das war in den vergangenen Jahren ja schon fast zur Seltenheit geworden.
Es war schön zu sehen, wie er wieder Freude am Leben hatte.
Man sah ihm an, dass er sich noch immer um vieles sorgte, aber immerhin war dieser griesgrämige Blick verschwunden und man konnte sogar normal mit ihm reden, ohne das man befürchten musste, er würde einen im nächsten Moment für irgendeine Kleinigkeit anbrüllen.
Diese Auszeit hatte uns wirklich gut getan und ich war weitaus mehr als nur froh, wieder Zuhause zu sein, auch wenn ich vielleicht nicht zugegeben hatte, dass ich ihn jeden Tag doch irgendwie vermisst hatte.
„Ja, du hast Recht. Er ist wirklich anders…“, hörte ich meine beste Freundin sagen, die mich damit aus meinen Gedanken riss.
„Und trotzdem hast du noch immer Angst vor ihm.“ Ich kicherte, als Nessie schnaubte, da sie anscheinend nicht derselben Meinung war wie ich.
„Ich habe keine Angst vor ihm.“
„Ach nein? Was ist es denn dann?“, wollte ich grinsend von ihr wissen.
„Ich nenne das gesunden Respekt und einen sehr ausgeprägten Lebenserhaltungstrieb!“
Für einige Sekunden herrschte eine Stille zwischen uns, bis wir schließlich beide lauthals zu lachen begannen.
Wie immer brauchten wir einige Minuten, bis wir uns wieder gefangen hatten, doch es stellte sich als ziemlich schwierig heraus wieder einigermaßen ernst zu werden, wenn Nessie am anderen Ende der Leitung noch immer kichernd nach Luft schnappte.
„Emily…?“ Das war die Stimme meines Vaters, er musste unten im Flur stehen geblieben sein und für seine Verhältnisse rief er mich wirklich vorsichtig und leise.
Wahrscheinlich vermutete er ich würde wieder ausflippen, wenn er brüllte, aber so grausam war ich nun auch wieder nicht.
„Dein schlimmster Albtraum hat mich gerade gerufen, also muss ich auflegen“, erklärte ich Nessie.
„Du bist blöd“, erwiderte sie schlicht und es schien, als würde sie schmollen.
„Ist ja nicht so, dass ich ihn nicht leiden kann nur.. Wir werden schon noch eines Tages normal miteinander reden können.“
„Ja, das denke ich auch. Wenn das alles so weiter läuft wie bisher, dann werden wir uns wohl bald wieder richtig gut verstehen. So wie damals…“ Ich lächelte bei dem Gedanken daran, dass mein Dad und ich wohl bald wieder eine richtige Familie sein könnten und ehrlich gesagt hatte ich absolut nichts dagegen, wenn Bella und Nessie auch irgendwann dazu gehören würden.
„Ich freue mich wirklich für dich, Süße. Also dann sehen wir uns morgen früh in der Schule, ja?“, fragte Nessie mich und ich verabschiedete mich noch von ihr, bevor ich mein Handy wieder weg steckte und mich von meinem Bett erhob.
Ich freute mich darauf, den Abend mit meinem Dad zu verbringen und verließ mit einem zufriedenen Lächeln mein Zimmer.
Die Gespräche zwischen meinem Dad und mir waren immer noch ein wenig verkrampft, aber mit jeder weiteren Minute, die wir zusammen verbrachten wurde es besser.
Immer mehr erkannte ich wirklich meinen Dad wieder und ich hätte an diesem Abend nicht glücklicher sein können.
Als Kind hatte ich ihn vergöttert und zu ihm aufgesehen und jetzt wo ich ein Teenager war, war es an der Zeit, meinen Vater erst wieder richtig kennenzulernen.
Sicherlich war ich auch bereit ihm zu verzeihen.
Er musste nur noch den ersten Schritt machen und mir die Wahrheit sagen, auch wenn ich sie bereits kannte.
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