Kurzbeschreibung

Edward Cullen ist alleinerziehender Vater einer 16 jährigen Tochter. Sein Leben scheint perfekt, doch hinter der Fassade verbirgt sich eine Wahrheit, die er schon viel zu lange verheimlicht hat.
Und es gibt nur eine Frau, die ihn wieder auf den Boden der Tatsachen bringen kann.
All Human, Pairing ExB

Freitag, 17. September 2010

Kapitel 14 - Schatten der Vergangenheit


Edward POV

Ich atmete die frische Abendluft ein, als ich das Universitätsgebäude verließ und zu meinem alten Wagen herüber lief.
Diese alte Schrottkarre war das Einzige, was ich mir derzeit leisten konnte, doch ich war froh, dass ich überhaupt das Geld für ein Auto hatte.
„Hey Edward, kommst du noch mit? Wir wollten noch in die Bar gehen!“, hörte ich die Stimme von Mike aus der Ferne und sah, wie er mit schnellen Schritten zu mir herüber lief.
Ein breites Grinsen lag auf seinen Lippen, denn anscheinend hatten die Jungs wieder einmal einen regelrechten Saufmarathon geplant.
Ich konnte mich noch ganz genau an die Abende erinnern, wir hatten alle zusammen unheimlich viel Spaß gehabt, doch jetzt war das etwas anderes.
„Hey… Nein, ich kann nicht. Ich möchte gerne nach Hause“, gab ich ehrlicherweise zu und musste bei dem Gedanken an meine kleine, noch recht frische Familie lächeln.
„Ach ja.. Deine Kleine.“ Mike nickte und lächelte etwas bedauerlich.
Natürlich wussten alle meine Freunde, dass ich vor einem knappen Monat Vater geworden war.
Jetzt hatte ich keine Zeit mehr für nächtelange Ausflüge durch alle möglichen Bars.
Ich war jetzt Vater einer kleinen, wunderschönen Tochter und hatte jetzt eine gewisse Verantwortung zu tragen, welcher ich auch unbedingt gerecht werden wollte.
Außerdem wollte ich Emily noch unbedingt sehen.
Vielleicht hatte ich ja auch Glück und sie war noch wach, oder sie war wieder aufgewacht, denn sie war schon ein kleiner Schreihals und hielt Tanya und mich regelmäßig auf Trab.
Natürlich war ich gestresst und hatte in der letzten Zeit relativ wenig geschlafen, aber sie war meine Tochter und das entschädigte so einiges.
Und sie war wunderschön, ich konnte es einfach nicht oft genug sagen.
Am liebsten wäre ich jeden Tag mit einem Foto in der Hand durch die Uni gerannt und hätte jedem der mir entgegen kam - ob ich ihn nun kannte oder nicht, stolz das Bild meiner Tochter gezeigt.
Tanya und ich hatten nicht damit gerechnet, es war nun einmal passiert, wie man es immer so schön zu sagen pflegte und es ließ sich nicht rückgängig machen, aber ich bereute es nicht einen Moment lang.
Ich war sogar bereit Tanya sofort zu heiraten, damit wir unserer Kleinen eine schöne und intakte Familie bieten konnten.
Zweifellos liebte ich Tanya und eigentlich hatte ich nicht so schnell und vor allem nicht so früh vorgehabt, sie zu heiraten, aber die Umstände waren jetzt nun einmal anders.
Und wenn ich sie doch liebte, wieso sollten wir es dann nicht tun?
Wir hatten zwar nicht viel Geld und es wäre auch sicherlich keine große Hochzeit, aber darum ging es doch nicht oder?
Geld war schließlich nicht alles.
Ich hatte sogar schon einen Ring besorgt. Er war nicht sehr groß und auch nicht unheimlich teuer gewesen, aber in ein paar Jahren konnte ich ihr sicherlich auch etwas Besseres bieten.
Wenn sie mich liebte, dann würde es ihr nichts ausmachen.
„Na dann.. Wünsche ich dir mal viel Spaß… Oder auch gute Nerven, keine Ahnung was man da einem so wünscht. Und grüß Tanya von mir“, sagte er noch, bevor er mir freundschaftlich auf die Schulter klopfte und schließlich zu den anderen Jungs herüber lief.
Ich sah ihnen noch einen kurzen Moment hinterher, wie sie sich lachend und voller Vorfreude auf den Weg in die nächste Bar machten.

Der Weg von der Uni zu unserer winzig kleinen Wohnung war Gott sei Dank nicht so weit und obwohl der Verkehr grauenvoll war, schaffte ich es immerhin noch in einer halben Stunde zu Hause anzukommen.
Wenn ich erst einmal das Studium beendet und einen Job gefunden hatte, dann könnte ich uns auch etwas Besseres bieten als das hier, aber für jetzt musste es nun einmal reichen und solange ich Tanya und Emily bei mir hatte, war es mir auch erst einmal egal.
Ich war glücklich und das war doch das Einzige, was zählte.

Als ich die Haustür öffnete, war es relativ still in unserer Wohnung, aber vielleicht schlief Emily ja auch bereits.
Aus der Küche hörte ich das Klirren von Geschirr und nachdem ich meine Jacke ausgezogen und sie auf einer Stuhllehne abgelegt hatte, lief ich direkt in die Küche.

Tanya stand mit dem Rücken zu mir an der Spüle und war gerade damit beschäftigt, den Abwasch zu erledigen.
Schon ein bisschen zu aggressiv versuchte sie den Schmutz von den Tellern abzuschrubben und ich war verwundert darüber, dass die Teller noch ganz waren…
Ich wusste nicht, ob sie mich bereits gehört hatte oder nicht, also lief ich mit langsam Schritten zu ihr und legte meine Hände an ihre Oberarme.
Sie zuckte augenblicklich zusammen und ließ einen Teller fallen, der mit einem lauten Scheppern in der Küchenspüle landete.
„Tut mir leid“, murmelte ich entschuldigend und strich ihre Haare zur Seite, damit ich ihre Wange küssen konnte.
Sie ging einen Schritt zur Seite und wich mir aus, als ich auch schon Emilys Schreien aus dem Kinderzimmer hörte.
„Klasse“, hörte ich Tanyas Stimme und sah, wie sich ihre Hand zu einer Faust bildete.
„Sie ist vorhin erst eingeschlafen“, fügte sie hinzu und klang alles andere als erfreut.
„Keine Sorge… Ich gehe schon“, antwortete ich mit leiser Stimme und beobachtete meine Freundin einen kurzen Moment lang, bevor ich mich schließlich umdrehte und mich auf den Weg in Emilys Zimmer machte.
Ich meinte, Tanya noch etwas sagen zu hören, aber ich fragte nicht weiter nach.
Sie schien wohl einfach einen schlechten Tag gehabt zu haben.

Als ich die Tür zu Emilys Zimmer öffnete, war ihr Schreien noch lauter zu hören und ich lief mit schnellen Schritten zu meiner Tochter herüber.
Sie schrie sich beinahe ihre Seele aus dem Hals und es tat mir weh, sie so aufgelöst zu sehen, obwohl sie sich ja einfach nur erschreckt hatte.
„Hey meine Kleine… Ich weiß, tut mir leid. Der Krach war meine Schuld…“, erklärte ich ihr mit sanfter Stimme und hob sie aus ihrem Bettchen hoch.
Sie war wirklich winzig und doch hatte sie eine unglaubliche Ausdauer was das Schreien anging und zugegeben auch ein ziemlich lautes Organ.
„Ich wollte dich nicht erschrecken“, fügte ich mit leiser Stimme hinzu und nahm sie auf den Arm.
Es dauerte einige Minuten, bis sie sich langsam wieder beruhigte und ich atmete erleichtert aus.
Ich hatte noch nicht wirklich viel Ahnung von Babys, woher denn auch?
Aber immerhin waren da auch noch meine Eltern, die uns wirklich so gut unterstützten wie sie nur konnten, was man von Tanyas Eltern nicht gerade behaupten konnte.

Zusammen mit Emily auf dem Arm, lief ich in unser Wohnzimmer und setzte mich auf das Sofa, bevor ich die Kleine behutsam in meine Armbeuge legte.
Sie schien noch immer ein wenig unruhig zu sein, aber sie schrie nicht mehr, dass war doch schon ein gutes Zeichen.
Ihre smaragdgrünen Augen huschten durch den Raum und sie gab ein leises glucksendes Geräusch von sich, als sie meinem Blick begegnete, was mich direkt zum Lachen brachte.
Sie war wirklich wundervoll und ich würde sie gegen nichts in der Welt eintauschen wollen.
Tanya war noch immer in der Küche und anscheinend dachte sie nicht daran, den Abwasch etwas leiser zu erledigen, denn schon wenige Sekunden später ging ein Teller zu Bruch und es war nicht verwunderlich, dass Emily erneut zu schreien begann.

„Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte ich mit gerunzelter Stirn, nachdem ich aufgestanden war und in Richtung Küche lief, während ich erneut versuchte Emily zu beruhigen.
„Du willst mir helfen? Dann mach das sie aufhört zu schreien!“, hörte ich Tanyas Stimme und starrte verwundert ihren Rücken an, den sie mir noch immer zugewandt hatte.
Ihre Stimme klang scharf und schneidend, wobei ich keine Ahnung hatte, was sie so wütend machte.
„Ich kann nichts dafür und ich versuche doch schon mein Bestes. Du hast sie nur erschreckt. Sie ist doch noch ein Baby…“, bemerkte ich leise und küsste vorsichtig Emilys Stirn, als ihr lautes Schreien in ein klägliches Weinen überging.
Ich schnappte mir Emilys Schnuller und gab ihn ihr, was sie Gott sei Dank nach einigen Minuten wirklich zu beruhigen schien.
„Ja, natürlich ist alles nur meine Schuld.!“ Tanya hatte eindeutig nicht die beste Laune und ich wusste nicht, was ihr Problem war.
„Was ist los?“, fragte ich ein wenig besorgt und zugleich auch misstrauisch.
Tanya hatte sich in den letzten Wochen schon so komisch verhalten.
Ich hatte gedacht, dass würde sich schon wieder legen, aber so wie es aussah, war eher das Gegenteil der Fall.
Es schien nur noch schlimmer zu werden.

„Du willst wissen, was los ist?“ Ihre rotblonden Locken wirbelten umher, als sie sich hastig zu mir umdrehte und mich wütend anfunkelte.
„Wieso bist du wütend auf mich?“, fragte ich vorsichtig und legte fragend den Kopf schief.
Ich wusste nicht, was ich falsch gemacht hatte.
Natürlich war ich öfters nicht da, weil ich zu einer Vorlesung musste, aber ich opferte meine gesamte Freizeit und wenn es sein musste auch noch die ganze Nacht, wenn Emily wieder einmal nicht einschlafen wollte.
Tanya stand eher selten auf um nach ihr zu sehen, also blieb das Ganze an mir hängen.
Doch ich beschwerte mich nicht.
Ich hatte mich nie auch nur einen Moment lang über diese Situation beschwert.
„Das alles hier ist doch verdammt noch mal Scheiße! Ich bin den ganzen Tag lang zu Hause! Das Baby schreit und sie schreit verdammt noch mal den ganzen Tag lang und sie hört einfach nicht auf damit!“ Tanya klang verzweifelt, aber ich konnte auch deutlich die Wut aus ihrer Stimme heraus hören.
„Kein Wunder, dass sie schreit wenn du hier so herum brüllst“, murmelte ich leise und brachte Emily zurück in ihr Zimmer, bevor sie wieder erneut zu schreien begann.

„Du gibst mir also die Schuld dafür, dass unser Kind soviel schreit?“, hörte ich Tanyas Stimme direkt hinter mir, als ich die Tür zu Emilys Zimmer wieder schloss, nachdem ich sie in ihr Bettchen gelegt hatte.
„Pst. Sei leise“, flüsterte ich und legte schnell meine Hände an Tanyas Arme um sie ins Wohnzimmer zu führen.
„Was ist dein Problem?“, fragte ich sie und musterte aufmerksam ihr Gesicht.
Natürlich war sie überfordert, denn auch für sie war das alles hier noch Neuland, aber mich ließ das Gefühl nicht los, dass sie das eigentlich gar nicht wollte.
Dass sie Emily nicht wollte, was für mich vollkommen unverständlich war.
Sie war unsere Tochter.
Unser eigenes Fleisch und Blut, wie konnte man dieses wundervolle Geschöpf denn nicht lieben?!
Ihre meeresblauen Augen musterten mich wütend und ich hatte die Befürchtung, dass sie jeden Moment ausrasten könnte.
„Ich will nicht mein ganzes Leben lang in diesem winzigen Loch hier verbringen! Ich komme zu gar nichts mehr, immer nur heißt es: Emily hier, Emily da!“ Tanya wirbelte mit ihren Händen durch die Luft und eine gewisse Traurigkeit zeichnete sich auf meinem Gesicht ab.
„Tanya… Wir werden nicht ewig hier bleiben… Das haben wir doch schon besprochen oder? Wenn ich erst einmal mit dem Studium fertig bin, dann…“
„Ja, genau! Wenn du erst einmal damit fertig bist, Edward! Du hast gerade erst mit dem Studium angefangen, bis du fertig bist dauert es noch ein paar Jahre! Und was habe ich? Gar nichts, verdammt! Ich hatte auch Träume!!“
„Aber wir haben uns doch darüber unterhalten und du warst einverstanden, dass ich erst das Studium mache und dann arbeite…“, entgegnete ich und starrte immer noch auf Tanyas wutverzerrtes Gesicht.
Ein wenig konnte ich sie ja auch verstehen, aber trotzdem…
Wenn wir beide es wirklich wollten, dann konnten wir es auch schaffen und davon war ich überzeugt.
Anstatt mich mit ihr zu streiten, legte ich einfach meine Arme um sie und zog sie an meine Brust.
„Ich verspreche dir, dass alles gut werden wird… Ich meine.. Emily wird nicht ewig ein Baby bleiben. Ein Kind ist nun einmal viel Arbeit, aber wir könnten doch auch noch meine Eltern fragen, ob sie nicht noch ein wenig helfen können“, flüsterte ich ihr ins Ohr und strich beruhigend über ihren Rücken.
Ich hörte Tanyas leises Schluchzen und versuchte sie irgendwie wieder zu beruhigen.
Vor allem meine Mutter wäre sicherlich bereit, die Kleine für einen Nachmittag zu nehmen, damit Tanya auch mal etwas Zeit für sich haben könnte.
Oder wir Zeit für unsere Beziehung…
„Ja… Ich weiß…“, hörte ich sie nur leise sagen und meine Hand legte sich an ihr Kinn, damit ich es hochheben konnte und sie mich ansah.
Behutsam wischte ich eine Träne aus ihrem Gesicht und lächelte sie beruhigend an.

„Wir schaffen das schon, Tanya. Glaub mir…“ Vorsichtig beugte ich mich zu ihr herunter und legte meine Lippen auf ihre.
Sie erwiderte den Kuss nur halbherzig, doch ich vermutete, dass sie sich einfach noch zu viele Gedanken machte und hakte nicht weiter nach.
„Ich liebe dich…“, sagte ich mit soviel Aufrichtigkeit in der Stimme, wie es mir nur möglich war.
Es dauerte einen Moment, bis Tanya ihren Blick aufrichtete, ihn dann aber schnell wieder von meinem Gesicht abwandte.
„Wir sollten jetzt schlafen gehen… Es ist schon spät und du musst morgen wieder früh raus“, murmelte sie und vermied es mich anzusehen.
Ich seufzte leise und spielte mit einer Haarsträhne, die ihr ins Gesicht gefallen war.
Wieso fiel es ihr so schwer mich anzusehen?
Aber es wäre sinnlos, sie jetzt danach zu fragen, denn ich wusste, dass ich keine Antwort darauf erhalten würde.
„Den Abwasch mache ich morgen früh, okay?“
Tanya nickte und löste sich von mir, bevor sie schließlich als erste in unser Schlafzimmer ging und mich im Wohnzimmer alleine ließ.
Irgendwie hatte ich eine schlechte Vorahnung, doch ich hatte keine Ahnung, worauf sich diese hätte beziehen können.

Ich wusste nicht, wie spät es war, als ich in dieser Nacht durch Emilys Geschrei geweckt wurde.
Verschlafen öffnete ich meine Augen und brummte leise, bis ich einige Sekunden später bemerkte, dass der Platz neben mir leer war.
Vielleicht war Tanya ja bereits aufgestanden, um nach ihr zu sehen?
Doch Emilys Geschrei ließ nicht nach, eher gesagt wurde es nur noch lauter und ich stolperte hastig aus meinem Bett, damit ich nach ihr sehen konnte.
Auf dem Weg in ihr Zimmer erhaschte ich einen Blick auf die Uhr.
Es war halb vier und weit und breit nichts von Tanya zu sehen.
Wie ich schnell feststellen musste, war sie auch nicht bei Emily, aber jetzt musste ich mich erst einmal um meine Tochter kümmern.
„Hey Kleines…“, sagte ich mit sanfter Stimme, als ich mich über ihr Bettchen beugte und sie vorsichtig auf meinen Arm nahm.
„Du hast sicherlich Hunger…“, murmelte ich und ging mit ihr zusammen in die Küche.
Immerhin hatte ich ihr Fläschchen schon vorbereitet, also musste sie nicht all zu lange darauf warten und vor allem weinen.
Aufmerksam und mit einem Lächeln im Gesicht beobachtete ich Emily dabei, wie sie an der Flasche nuckelte und von Sekunde zu Sekunde gleich ein wenig ruhiger wurde.
Ich seufzte erleichtert und lehnte mich vorsichtig mit ihr an die Wand.
So gesehen konnte ich jetzt auch gleich wach bleiben, wenn ich bereits in 1 ½ Stunden wieder aufstehen musste.
„Wo ist deine Mama nur hin?“, fragte ich und sah mich suchend nach Tanya um.
Vielleicht konnte sie ja genauso wenig schlafen und schließlich war es nicht verwunderlich, dass sie nicht gleich nach Emily gesehen hatte.
Leider war es so.
Manchmal kam es mir so vor, als liebte sie unser Kind gar nicht.
Als wäre es für sie nur ein Klotz am Bein, was ich überhaupt nicht verstehen konnte.
Schließlich war sie doch die Mutter!
Ich bemerkte, dass Emilys Augen schon bald wieder zufielen und lachte leise.
Sie war schon ein kleiner Dickkopf, aber jetzt war sie einfach nur unbeschreiblich süß und ich war unheimlich stolz auf meine kleine Tochter.
Unterwegs schnappte ich mir ihren Schnuller, bevor ich sie wieder möglichst leise in ihr Bettchen brachte.
Etwas Gutes hatte es ja. Wenn sie zufrieden war, dann schlief Emily auch wieder ziemlich schnell ein.
Einen Moment lang beobachtete ich noch ihren gleichmäßigen Atem, bevor ich sie zudeckte und möglichst leise das Zimmer wieder verließ.

Erst jetzt fiel mir wieder auf, wie müde ich noch war, doch wenn ich jetzt wieder ins Bett gehen würde, dann wäre ich den ganzen Tag vollkommen fertig.
Also machte ich mich stattdessen auf den Weg in die Küche und suchte in einem der Schränke nach Kaffee.
Ich wusste ganz genau, dass wir noch irgendwo welchen haben mussten, aber etwas um diese Uhrzeit zu finden war für mich nicht gerade leicht.
Immerhin wurde ich nach fünf Minuten fertig und ich gähnte beinahe ununterbrochen, während ich darauf wartete, dass der Kaffee endlich fertig wurde.

Einige Minuten später lief ich mit dem frischen Kaffee in meiner Hand durch unser Wohnzimmer, um mich wieder auf den Weg ins Schlafzimmer zu machen.
Vielleicht konnte ich ja noch ein wenig lernen, dann würde ich diese Zeit immerhin sinnvoll nutzen.
Als ich durch den Flur lief, wurde meine Aufmerksamkeit jedoch von etwas angezogen, was ich vorher nicht bemerkt hatte.
Da hatte ich schließlich auch nur Augen für Emily gehabt und nicht für irgendwelche anderen Dinge.
Auf der kleinen Kommode, nicht weit entfernt von der Haustür, lag ein weißer, zusammengefalteter Zettel.
Anscheinend hatte es die Person – ich vermutete, dass es Tanya gewesen war,  sehr eilig gehabt, denn ein ordentlich gefalteter Zettel sah anders aus.
Er war beinahe schon zerknüllt und stirnrunzelnd nahm ich ihn in meine noch freie Hand.
Vielleicht war Tanya ja unterwegs, obwohl ich mir nicht erklären konnte, was sie um diese Uhrzeit draußen wollte und vor allem wohin sie wollte.
Vorsichtig stellte ich die Kaffeetasse auf der Kommode ab und faltete den Zettel auseinander.
Es war eindeutig Tanyas Handschrift, was ich gleich auf den ersten Blick erkannte, obwohl sie es ziemlich hektisch hingeschrieben hatte, denn normalerweise hatte sie eine recht ordentliche Schrift.
Stirnrunzelnd wanderten meine Augen wieder zu dem Anfang des Textes.

Edward…

Ich kann das einfach nicht.
Ich habe noch mein ganzes Leben vor mir, ich will und kann mich nicht um ein Kind kümmern.
Du wirst es verstehen.

Tanya.


Okay. Das musste wirklich ein schlechter Scherz sein.
Wieder und wieder las ich mir diese paar Zeilen durch, die Tanya auf dieses kleine Stück Papier gekritzelt hatte.
Darüber machte man keine Witze!
So etwas wusste doch jeder!
Und falls es doch ein Witz sein sollte, dann fand ich das alles andere als lustig!
Ich zerknüllte den Zettel in meinen Händen und lief ins Wohnzimmer, um mein Handy zu holen.
Schnell tippte ich ihre Nummer ein und hielt das Handy an mein Ohr.
Ganze vier Mal musste ich wählen, bis sich schließlich jemand am anderen Ende meldete.

„Ja?“
Das konnte doch wohl nicht wahr sein…
Es war nicht Tanya, die sich da am anderen Ende meldete sondern ihre Mutter Sasha, die mich nebenbei gesagt auch noch zutiefst verabscheute, denn schließlich war es ganz alleine meine Schuld, dass ich ihre Tochter geschwängert und ihr das Leben ruiniert hatte, wie sie es immer so schön ausdrückte.
Natürlich trug auch ich die Verantwortung, aber zu so etwas gehörten immer noch zwei.
Tanya konnte sich doch jetzt nicht einfach so drücken und ihre Mutter vorschicken.
„Sasha…“ Meine Stimmung war so oder so am Tiefpunkt und sie war einer der letzten Menschen auf der Erde, mit denen ich mich jetzt unterhalten wollte.
„Edward, was für eine Überraschung…“ Der Sarkasmus in ihrer Stimme war nicht zu überhören, aber dass sie alleine schon so etwas sagte, machte mich nur noch wütender.
„Überraschung also, ja? Wo ist Tanya?“, fragte ich sofort.
Ich hatte keine Lust auf irgendeinen Smalltalk und schon gar nicht mit dieser Frau.
„Das geht dich nichts an.“
Ich hätte liebend gerne auf irgendetwas eingeschlagen, aber ich wollte Emily nicht wecken, also versuchte ich mich so gut es ging zusammen zu reißen.
„Hast du denn Tanyas Brief nicht bekommen?“ Diese geheuchelte Besorgnis in Sashas Stimme trieb mich beinahe in den Wahnsinn.
Es war nicht so gewesen, dass wir schon immer gut miteinander auskamen, denn Sasha konnte mich noch nie leiden.
Sie hatte mich immer als schlechten Umgang für ihre Tochter betitelt, denn schließlich würde Tanya ja noch eines Tages groß heraus kommen und da passte ich nun einmal nicht in ihren Plan.
Ich hätte es gleich wissen müssen, dass sie sich irgendwann einmischte und alles zerstörte.
„Du meinst diesen beschissenen Zettel, den sie mir hingelegt hat?“, blaffte ich in den Hörer.
„Hör auf in meiner Gegenwart zu fluchen, Edward Anthony Cullen“, warnte sie mich und ich schüttelte ironisch lachend den Kopf.
Wollte sie mir jetzt auch etwa noch Befehle erteilen?!
Das wurde ja immer besser…!
„Wo zum Teufel ist Tanya und was soll dieser Zettel?“, fragte ich, nachdem ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte.
„Auf dem Zettel stand doch alles drauf, was du wissen musst. Aber ich werde es dir noch einmal erklären, falls du es nicht verstehst oder es jetzt noch nicht verstehen willst. Tanya ist einfach noch nicht bereit für ein Kind. Sie hat noch ihr ganzes Leben vor sich und sie ist auch nicht bereit, für diesen Fehler ihr Leben umzukrempeln.“
„Nenn meine Tochter noch einmal einen FEHLER und du wirst es bereuen…“ Meine Stimme glich nur noch einem Knurren und am anderen Ende der Leitung wurde es für einen kurzen Moment still.
„Jedenfalls…“, fuhr Sasha fort, als wäre nichts gewesen.
„Will Tanya jetzt ihr eigenes Leben leben, in dem du sicherlich nichts zu suchen hast. Und dieses Kind auch nicht.“
Wie konnte sie nur so von Emily reden?
Schließlich war meine Kleine doch auch ihre Enkelin!
Es wollte einfach nicht in meinen Kopf hinein. Das alles musste doch nur ein schrecklicher Traum sein.
Mit jeder weiteren Sekunde der Stille, die verstrich wurde mir erst bewusst, was das bedeutete.
Tanya hatte mich verlassen.
Sie war einfach abgehauen und hatte mich hier alleine mit unserem Baby zurückgelassen.
Ihr Baby, welches sie anscheinend noch nicht einmal liebte.
Emily war ihr vollkommen egal. Ich war ihr egal.
Hatten ihr denn die letzten Jahre überhaupt nichts bedeutet und vor allem, liebte sie mich denn überhaupt nicht mehr?
Dabei hatte ich doch alles für unsere kleine Familie getan, wollte, dass es uns gut ging und wir eine wunderschöne Zukunft hatten.
Doch ich hatte die Rechnung nicht mit Tanya gemacht.
Sie schmiss das alles einfach so weg, als wäre es nur ein wertloses Stück Papier.
Wie sollte ich denn Emily alleine groß ziehen?
Wie sollte ich das überhaupt alles schaffen?
Verzweifelt fuhr ich mir durch meine Haare und die Wut verwandelte sich in Verzweiflung.

„Das kann sie doch nicht tun…“, murmelte ich leise und starrte die Tapete in unserem Wohnzimmer an.
Oder jetzt auch nur noch meinem Wohnzimmer…
„Find dich einfach damit ab, Edward. Und ich sage dir noch eins.. Versuche nicht sie wieder zurück zu bekommen. Sie wird nicht zu dir zurückkehren. Merk dir das.“
Ich lauschte den Worten von Tanyas Mutter nur noch mit einem halben Ohr.
Welche Tatsache mich mehr schockte, wusste ich in diesem Moment nicht.
Die, dass Tanya mich verlassen hatte oder dass sie Emily und mich einfach nur zurück ließ.
Ich fühlte mich leer und wusste nicht, was ich tun sollte.
Wie ich überhaupt reagieren sollte, aber das war vermutlich der Schock.
Die Wut war nur da gewesen, weil ich gedacht hatte, es wäre ein schlechter Scherz, aber dieses Gefühl würde sicherlich auch bald wieder auftauchen.
Aber wohl erst dann, wenn ich das Ganze erst einmal wirklich begriffen hatte.
„Leb Wohl, Edward“, hörte ich noch Sashas Stimme, bevor sie auflegte.


Vier Jahre lang hatte ich darauf gewartet.

Hatte gewartet, dass sie nicht vielleicht doch noch zurückkommen würde, sich doch noch umentschieden hatte.
Dass ihr in diesen vier Jahren klar geworden war, dass sie einen Fehler gemacht hatte.
Und was war passiert?
Gar nichts.
Nicht einmal ein einziger Anruf oder zumindest eine Karte zu Emilys Geburtstag.
Einfach nur gar nichts.
Und so langsam hatte ich einfach keine Kraft mehr auf sie zu warten und zu hoffen.
Ich brauchte diese Kraft für Emily und das war das Wichtigste.
Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, dann hatte ich nicht einmal mehr damit gerechnet, dass Tanya wieder kommen würde.
Schließlich hatte ich meine kleine Tochter angelogen, was ihre Mutter anging.
Jeden einzelnen Tag fragte ich mich, ob diese Lüge überhaupt richtig war.
Doch war es nicht leichter für meine Kleine zu verstehen, dass ihre Mutter nicht mehr bei uns war, anstatt ihr zu sagen, dass sie uns verlassen hatte und uns beide nicht liebte?
Meine Eltern hatten mir immer davon abgeraten, aber ich hatte diesen Weg gewählt und da Tanya wohl niemals in unserem Leben wieder auftauchen würde, fand ich diese Lüge irgendwie angebracht.
Denn jetzt hatte ich die Hoffnung vollkommen aufgegeben und ich schwor mir, dass ich nie wieder auf sie warten würde.
Ich musste neu anfangen, ein neues Leben beginnen.
Ohne sie.
Ich musste versuchen sie so gut es ging aus meinem Gedächtnis zu streichen.

„Daddy…?“
Ich zuckte erschrocken zusammen, als ich Emilys Stimme an der Tür hörte und drehte mich ruckartig zu ihr um.
„Du hast mich erschreckt, Schatz…“, murmelte ich und fuhr mir mit einer Hand durch meine Haare.
„Tut mir leid…“, erwiderte sie leise und kuschelte sich an ihren Teddy, den ich am Tag ihrer Geburt für sie gekauft hatte.
Automatisch warf ich einen Blick auf die Uhr.
„Emily, wieso bist du  wach? Es ist vier Uhr morgens…“ Ich seufzte und warf ihr einen prüfenden Blick zu.
„Ich konnte nicht schlafen“, gestand sie leise und sah mich mit ihren Kulleraugen an.
Eigentlich musste ich noch lernen und meine Abschlussarbeit endlich zu Ende bringen, aber meine Gedanken hatten mich eh abgelenkt.
„Na dann komm schon her…“, gab ich mich letztendlich geschlagen und breitete die Arme aus.
Sofort rannte Emily los und fiel mir in die Arme.
Vorsichtig hob ich sie hoch und sie kuschelte sich gleich an mich.
Das schlechte Gewissen schien sich augenblicklich bei mir zu melden, denn in letzter Zeit nahm mich die Uni immer mehr und mehr in Anspruch.
„Du weißt, dass es sehr wichtig ist, dass du vernünftig schläfst, oder?“, murmelte ich leise und sah, wie sie nickte.
Aber in letzter Zeit war sie auch ziemlich nervös, denn bald stand ihr fünfter Geburtstag an und sie würde auch schon demnächst in die Vorschule kommen.
„Ich bringe dich wieder ins Bett Kleines, okay?“
Sie nickte, auch wenn sie nicht wirklich begeistert von dieser Idee war, denn ich kannte sie nur zu gut.
Emily wollte nicht wieder einschlafen, denn dann konnte sie ja keine Zeit mit mir verbringen…

„Wie hat es dir denn heute bei Grandma und Grandpa gefallen?“, fragte ich sie, nachdem ich Emily wieder ins Bett gebracht und sie zugedeckt hatte.
Ich setzte mich auf den Rand des Bettes und warf ihr einen prüfenden Blick zu.
Emily zuckte nur mit den Schultern und sah ihren Teddy an.
„Hat es dir etwa keinen Spaß gemacht?“, fragte ich besorgt.
„Doch…“, entgegnete sie leise und richtete ihren Blick auf.
Ihre smaragdgrünen Augen musterten mich eine Spur traurig und mir zerbrach es fast das Herz, sie so zu sehen.
„Aber ich möchte gerne mal wieder mit dir in den Zoo gehen“, fügte sie leise hinzu.
„Schatz.. Du weißt, dass ich viel zu tun habe. Ich muss lernen, damit ich später einen tollen Beruf haben kann. Aber du weißt ja, was am Ende dieses Monats ist oder?“
Ich lächelte, als sie mir ein strahlendes Lächeln schenkte und leise kicherte.
„Jaaa, dann hast du wieder etwas mehr Zeit.“
„Ganz genau. Dann machen wir jeden Tag nur das, was du möchtest, was hältst du davon?“
Anstatt mir eine Antwort zu geben, fiel sie mir einfach um den Hals und klammerte sich an mich.
Ich fühlte mich wie ein miserabler Vater, dass ich nicht so oft bei ihr sein konnte, aber ich tat das, was ich konnte.
Immerhin hatte ich noch meine Eltern, die mich so gut sie konnten unterstützten, denn schließlich war ich erst 24 Jahre alt.

“Daddy?“, hörte ich ihre Stimme und sie richtete den Blick auf.
Ihre Arme blieben aber trotzdem noch um mich gelegt.
„Ja, Schatz?“
„Kann ich dich etwas fragen?“ Ihre grünen Augen musterten mich vorsichtig.
Anscheinend wusste sie nicht, ob ich böse wurde, wenn sie mir diese Frage stellte, aber wie konnte ich überhaupt jemals auf sie böse sein?
Sie war mein Ein und Alles.
Ich hatte doch nur noch sie.

„Du kannst mich alles fragen, Emily“, erwiderte ich lächelnd und wartete geduldig darauf, dass sie mir ihre Frage stellte.
„Du siehst manchmal sehr traurig aus, Daddy.. Bist du sehr traurig, dass Mami nicht bei uns sein kann?“, fragte sie mich und sah mich dabei unentwegt an.
Und noch immer fragte ich mich, ob diese Lüge wirklich die richtige war.
Aber welches Kind konnte schon mit der Gewissheit leben, dass ein Elternteil es gar nicht liebte?
Dass sie ihrer Mutter egal war?
Das wollte ich meiner Kleinen nicht antun.
„Manchmal ja…“, gestand ich und versuchte zu lächeln, scheiterte jedoch kläglich.
Natürlich war ich traurig und auch wütend.
Ich hatte Emily eine schönere Welt gewünscht als die, in der wir jetzt lebten, aber daran konnte ich nun einmal nichts ändern.
Tanya hatte sich für ein anderes Leben entschieden.
Gegen uns und mit dem, was sie getan hatte war sie für mich gestorben.
Auch wenn die Realität eine andere war, aber so war es besser.
Emily kannte es nun einmal nicht anders. Die einzige weibliche Bezugsperson in ihrem Leben war derzeit nun einmal meine Mutter.
„Du musst nicht traurig sein, du hast ja noch mich“, sagte Emily und kuschelte sich wieder an mich.
In Momenten wie diesen, schien sie mir viel älter zu sein, als sie es eigentlich war und ich legte seufzend meine Arme um meine Tochter.
„Ja und du bist auch das Wichtigste in meinem Leben. Das wirst du auch immer sein“, versicherte ich ihr lächelnd und tippte mit meinem Zeigefinger gegen ihre Nase, als sie sich wieder von mir gelöst hatte.

„Jetzt aber ab ins Bett, sonst bist du morgen viel zu müde“, sagte ich zu ihr und ließ meine Stimme ein klein wenig ernster klingen, obwohl mir das immer ziemlich schwer fiel.
„Schlaf schön. Ich hab dich lieb“, murmelte ich, nachdem ich ihre Stirn geküsst und sie zugedeckt hatte.
„Ich hab dich auch lieb“, antworte Emily und kuschelte sich wieder an ihren Teddy.
„Bis Morgen früh, ich mache dir ein tolles Frühstück okay?“ Ich lief zur Tür herüber, legte meine Hand an den Lichtschalter und sah zu ihr herüber.
Emily nickte strahlend, gähnte dann aber im nächsten Augenblick schon, also schaltete ich das Licht aus, wünschte ihr noch einmal eine gute Nacht und verließ dann ihr Zimmer.

Ich konnte nicht ewig der Vergangenheit hinterher trauern, auch wenn diese mich
irgendwie mein ganzes Leben lang begleiten würde.
Tanya würde immer ein großer Teil meines Lebens bleiben, sie war meine erste große Liebe und wir hatten zusammen ein Kind.
Doch sie hatte mir gezeigt, dass sie dafür nicht bereit war und ich musste neu anfangen, zusammen mit meiner Tochter.
Wir würden das schon irgendwie schaffen, da war ich mir sicher.

Hätte ich mich damals nur früher an meine eigenen Worte und Gedanken erinnert.
Vielleicht wäre ja jetzt alles anders gewesen.
Vielleicht würde Emily mich jetzt nicht so sehr hassen.
Doch das konnte ich nicht genau sagen und ich würde es niemals wieder herausfinden.

Und jetzt, wo mein Leben endlich so langsam wieder bergauf zu gehen schien, tauchte sie wieder auf.
Als wäre überhaupt nichts gewesen.
Und ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich damit fertig werden sollte.


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