Kurzbeschreibung

Edward Cullen ist alleinerziehender Vater einer 16 jährigen Tochter. Sein Leben scheint perfekt, doch hinter der Fassade verbirgt sich eine Wahrheit, die er schon viel zu lange verheimlicht hat.
Und es gibt nur eine Frau, die ihn wieder auf den Boden der Tatsachen bringen kann.
All Human, Pairing ExB

Freitag, 30. Juli 2010

Kapitel 07 - Mehr als nur Mutter und Tochter


Bella POV

Der heutige Tag in Chicago war überraschend warm.
Allerdings war es eine angenehme, für mich jedoch eher ungewohnte Wärme, die mich hier traf.
Ich war froh, als ich den Buchladen betrat und ich sofort die klimatisierte Luft um mich herum spüren konnte, die sich hier ausgebreitet hatte.
Das Windspiel an der Tür empfing mich wie immer mit einem hellen Läuten und mein Blick schweifte durch den Laden umher, auf der Suche nach meiner Chefin.

Nur Jacob hatte ich es zu verdanken, dass ich einen Job in diesem Buchladen bekommen hatte.
Bevor wir nach Chicago gezogen waren, hatte er ohne mein Wissen nach einem Job für mich gesucht und herumtelefoniert.
Bei ‚Brandon Books‘ hatte er letztendlich Erfolg gehabt und schickte ihr meine Bewerbungsunterlagen.
Jacob kannte mich gut genug und wusste alles von mir, also war es für ihn kein Problem gewesen, an meine Bewerbungsunterlagen zu kommen und sie in meinem Namen zu schreiben und selbst zu verschicken.
Alice Brandon schien die ganze Sache locker zu sehen, dass ich nichts davon wusste, dass Jacob sich in meinem Namen für mich beworben hatte.
Natürlich war ich sauer auf ihn gewesen, aber er erklärte mir sein Verhalten damit, dass er ja schließlich Schuld war, dass wir umziehen würden und ich dafür meine Stelle aufgeben müsste und wollte sich somit revanchieren.
Außerdem hatte er mich wieder mit seinem Dackelblick angesehen und so blieb mir keine Chance, als ihm zu verzeihen.
Sobald ich mich etwas beruhigt hatte, bat ich Jacob um die Telefonnummer meiner zukünftigen Arbeitgeberin und führte quasi ein Vorstellungsgespräch am Telefon.
Das richtige Vorstellungsgespräch führten wir, sobald wir nach Chicago umgezogen waren und schon am nächsten Tag konnte ich mit dem Arbeiten anfangen.

Alice Brandon war die beste Chefin, die man nur haben konnte.
Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich zwischen uns eine wunderbare Freundschaft, die ich nie in meinem Leben verlieren wollte.
Sie wusste sehr viel über mich, wenn nicht sogar fast alles, was ich bisher in meinem Leben erlebt hatte und was ich dabei empfunden hatte.

Ich entdeckte Alice, wie sie gerade auf eine der Leitern an einem Bücherregal stand und die Bücher dort sortierte.
„Guten Morgen“, rief ich ihr zu und sofort wandte sie ihre Aufmerksamkeit von den Büchern ab und lenkte sie auf mich.
„Den wünsche ich dir auch“, trällerte sie vor sich hin und stieg die Stufen auf der Leiter wieder hinab.
Tänzelnd kam sie auf mich zu und schenkte mir eine besonders starke Umarmung.
Als sie wieder von mir abließ, sah sie mit ihren strahlenden himmelsblauen Augen zu mir herauf.
Noch nie hatte ich gesehen, dass ihre Augen so sehr gefunkelt hatten, wie sie es an diesem Morgen taten.
„Ich nehme an, dass dein Date mit dem Doktor gut gelaufen ist“, sprach ich sie auf ihre Ausstrahlung an und lief hinter den Tresen.
Das Grinsen, welches sie auf den Lippen trug, als ich mich wieder zu ihr herumgedreht hatte, war kaum zu übersehen und war schon Antwort genug auf meine Aussage.
„Er ist so toll“, schwärme sie vor sich hin, als sie eine verirrte Strähne ihrer kurzen schwarzen Haarpracht hinter ihr Ohr klemmte.
Alice setzte sich ohne besonderen Kraftaufwand auf den Tresen, während ich meinen Arbeitsplatz soweit wieder auf Vordermann brachte, dass ich im Laufe des Tages alles griffbereit hatte.

Die nächsten paar Minuten, bevor wir den Laden öffnen würden verbrachten wir damit, dass ich Alice‘ Erzählungen über dem Doktor gespannt lauschte, während sie ihr Strahlen nicht eine einzige Sekunde lang ablegte und vor sich hin schwärmte.
Der Doktor, so wie wir ihn immer nannten, war Alice‘ neuester Schwarm.
Soweit Alice mir erzählt hatte, war ihr Date ein Psychologe und hatte sogar eine eigene Praxis, was natürlich seinen Spitznamen sofort erklärte.
Schließlich konnte man ja nie wissen, wer unsere Gespräche belauschte und so fanden wir es sicherer, ihm einen passenden Namen zu geben.
„Er ist auf jeden Fall der Richtige“, platzte Alice damit heraus und schaukelte mit ihren Beinen in der Luft hin und her.
Skeptisch musterte ich sie.
„Denkst du nicht, dass es dafür etwas zu früh ist? Ihr wart doch erst ein paar Mal miteinander aus“, gab ich zu bedenken und ging herüber zu der Kaffeemaschine.
„Glaub mir Bella, wir sind füreinander geschaffen!“
So überzeugend, wie sie jetzt klang, hatte ich sie noch nie gehört.
Sie schien wirklich davon überzeugt zu sein, dass dieser Psychologe für sie der Richtige war.
Ich allerdings würde an ihrer Stelle lieber vorsichtig mit solchen Aussagen sein.
Auch ich dachte damals, dass Jacob der Richtige für mich war, unsere Ehe war in den letzten paar Monaten ihrer Existenz allerdings nur katastrophal gewesen.
Wir stritten uns immer um Kleinigkeiten und Nessie war immer diejenige gewesen, die unter unseren Streitereien leiden musste.

Wenn Alice sich allerdings Etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte man sie nur schwer davon abbringen und ich würde die letzte sein, die es versuchen würde.
Ich hoffte nur sehr, dass Alice später einmal nicht damit auf den Kopf fallen würde, sonst müsste der Doktor darunter leiden.
Mir fiel gerade in diesem Moment die beste Folter für ihn ein.
„Wenn er dir jemals weh tun sollte“, fing ich an und sah Alice intensiv in ihre großen Augen
„Dann hätte ich genau den richtigen Patienten für ihn, den ich zu ihm hinschicken würde. Glaub mir, dass wäre die reinste Folter für ihn.“
Ich musste schelmisch grinsen, wenn ich mir vorstellte, wie ich Mr. Cullen zu diesem Doktor schicken würde.
Jedenfalls würde ich es schon fast als Folter bezeichnen, wenn man Mr. Cullens Verhalten ergründen und sich noch zudem mit ihm auseinandersetzen musste.
Aber wenn man es recht betrachtete, war ich gerade auf langsamen Wege dabei, die Arbeit von Alice‘ Doktor zu übernehmen.
Ich war einfach viel zu gutmütig und konnte es nicht lassen.

„Ach ja genau, dein neuester sozialer Fall! Wie läuft es mit ihm?“, fragte sie mich und legte ihren Kopf schief.
Schwer seufzend griff ich nach meinem Kaffee, der gerade fertig geworden war und versuchte Alice irgendwie eine Antwort zu geben.
„Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich ihm helfen kann“, fing ich an ihr von Edward Cullen zu erzählen, was mir schwerer fiel als ich dachte.
„Er ist so stur und kann manchmal auch so… ich weiß ehrlich nicht, wie ich das beschreiben soll. Er hat sich eine Mauer aufgebaut und ab und zu kommt etwas von seinem Schmerz zum Vorschein“, fuhr ich fort und hoffte nur, dass Alice mir soweit folgen konnte.
Alice sah mich mit einem komischen Blick an, sagte aber nichts dazu, was mich doch sehr wunderte.
Sie hatte sonst immer etwas zu sagen, egal um was oder wen es sich handelte, doch ausgerechnet hier blieb sie still.
Also versuchte ich ihr die Situation weiter zu erläutern.
„Mr. Cullen ist so…“, wollte ich wieder anfangen, doch dieses Mal unterbrach mich Alice.
War ja klar, dass sie ausgerechnet dann etwas sagen musste, wenn ich zu sprechen begann.
„Mr. Cullen? Du nennst ihn immer noch so?“, fragte sie mich und sah mich komisch an.
„Natürlich“, erwiderte ich nur darauf und runzelte bei ihrer Frage die Stirn.
Was sollte das denn schon wieder bedeuten?
„Warum?“, fragte sie mich auch schon und stieg wieder vom Tresen herab.
„Weil das sonst viel zu persönlich ist“, erklärte ich ihr auch schon und machte den Computer an, da wir gleich aufschließen würden.
„Aber du behandelst mit ihm doch ein persönliches Thema, wieso redest du ihn dann nicht mit dem Vornamen an?“
Sie hatte Recht, ohne Zweifel, aber trotzdem wollte ich es dabei belassen, ihn Mr. Cullen zu nennen.
Schließlich waren wir keine Freunde oder etwas in der Art.
Unsere Töchter waren zwar die besten Freundinnen, aber das hieß noch lange nicht, dass ich mich nun auch mit Mr. Cullen anfreunden würde.

„Wie sieht er aus?“, fragte sie mich augenblicklich und ihre Augen funkelten voller Neugierde.
„Wie er aussieht?“ Ich starrte sie mit gerunzelter Stirn an und schüttelte den Kopf.
Alice schaffte es immer wieder, von einem Thema zum nächsten zu wechseln.
„Tut das irgendetwas zur Sache?“
„Und wie! Na los, sag schon! Er sieht doch bestimmt gut aus, oder? Was macht er denn beruflich?“
Das war eine relativ gute Frage.
Als was arbeitete Mr. Cullen überhaupt?
Jedenfalls war er ein viel beschäftigter Mann, aber ich selbst hatte ihn noch nie nach seinem Beruf gefragt, also zuckte ich als Antwort nur mit der Schulter.
“Ist er groß?“, fragte Alice weiter und wandte meinen Blick von dem Monitor ab, um zu ihr herüber zu sehen.
Ich seufzte leise und überlegte, was ich jetzt am Besten tun könnte.
Natürlich hätte ich Alice auch einfach ignorieren können, was jedoch zur Folge hätte, dass sie mich den ganzen Tag lang ausfragen würde.
Gefolgt von einigen Telefongesprächen am Abend.
„Er sieht gut aus, okay?“ Das müsste doch eigentlich an Informationen reichen, oder?
Zumindest hatte ich nicht große Lust über Mr. Cullens Aussehen zu reden.
Ich war immer noch sauer auf ihn und das würde sich auch nicht so schnell ändern.
„Oh, ich kann ihn mir gerade schon bildlich vorstellen“, murmelte Alice ironisch und sah mich mit zusammengekniffenen Augen an.
„Er ist ein eingebildeter, arroganter Snob. Das reicht an Informationen“, blaffte ich und Alice zog eine Augenbraue hoch.
„Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“, wollte sie von mir wissen und musterte mich aufmerksam.

Einen Moment lang tat ich so, als würde ich mir etwas an meinem Monitor durchlesen und versuchte damit Alice’ Frage einfach zu übergehen, aber es war zwecklos also gab ich nach einigen Minuten leise seufzend auf.
„Ich war ja froh, dass er überhaupt auf der Kunstausstellung aufgetaucht ist… Ich habe dir ja schon davon erzählt… Er hat sogar bei den Aufbauarbeiten geholfen“, erklärte ich ihr und Alice nickte anerkennend, doch ich zeigte ihr mit meinem Blick, dass sie mich jetzt ja nicht unterbrechen sollte.
„Ich versuche ihm wirklich zu helfen und zum Dank brüllt er mich am Ende des Abends an, als wäre das alles meine Schuld gewesen!“
Irgendjemand hatte ihm ja auch einmal sagen müssen, dass er so mit seinem Verhalten nicht weiter kam und schon gar nicht mir gegenüber.
Entweder er wollte meine Hilfe oder nicht. So einfach war das.
Und ich würde ihm nicht mehr helfen, wenn ich die Befürchtung hatte, dass er mich jedes Mal so sehr anbrüllte, dass ich davon noch eines Tages taub werden würde.
Außerdem hatte er sich nicht einmal dafür entschuldigt.
„Die Tastatur kann nichts dafür“, bemerkte Alice leise kichernd, während ich auf den Tasten herum hämmerte.
„Ach Bella… Bella…“, sagte sie kopfschüttelnd und ich richtete fragend meinen Blick auf.


„Du hast eindeutig deinen Beruf verfehlt“, meinte Alice dann plötzlich zu mir und ging Richtung Tür, damit sie das Schild „Geöffnet“ an der Tür befestigen konnte.
„Wie meinst du das?“, fragte ich meine Freundin und beobachtete sie aufmerksam.
„Du hast doch immer das Bedürfnis helfen zu wollen. Egal ob du jemanden magst oder nicht, das liegt dir einfach im Blut. Und dieser Mr. Cullen scheint einer deiner schwierigsten Fälle zu sein nach dem, was du mir bisher von ihm erzählt hast!“
„Mag sein“, war das Einzige, was ich von mir gab und gab Alice auch so indirekt Recht mit ihrer Aussage.
„So wie ich dich kenne, würdest du ihm sogar noch helfen, wenn er weiterhin so ein arroganter und eingebildeter Snob ist, wie du es so schön ausgedrückt hast. Wenn er wirklich deine Hilfe braucht, dann wirst du für ihn da sein.“
Sie zwinkerte mir zu und ich schnaubte, während ich wütend vor mich hin murmelte.
Natürlich hatte Alice Recht. So war ich nun einmal.

Schon damals in der High School hatte ich mir überlegt, etwas in dieser Richtung zu studieren.
Als ich dann allerdings mit Nessie schwanger wurde, musste ich diesen Traum ablegen.
Wenn ich noch nicht einmal einen High School Abschluss besaß, wie hätte ich dann studieren können?
Aber immerhin hatte ich meine Träume für Nessie aufgegeben, dem wichtigsten Menschen in meinem Leben.
Dafür hatte sich alles gelohnt.
Alles, was ich je hatte durchmachen müssen und auch alles, was ich vielleicht je durchmachen würde.
Es würde sich lohnen, alleine schon wenn es um Nessie ging.
Ich hatte mir sogar mal überlegt, auf eine Abendschule zu gehen und so meinen High School Abschluss nachzuholen.
Allerdings wusste ich nicht, woher ich die Zeit nehmen sollte.
Bis zum späten Nachmittag musste ich arbeiten und Geld verdienen.
Abends war die einzige Zeit, die ich mit Nessie verbringen konnte und auf diese gemeinsame Zeit wollte ich nicht verzichten.
Aber nun, wo Nessie langsam erwachsen wurde und abends auch mal was ohne ihre Mom unternahm, könnte ich die Chance nutzen und so wenigstens meinen Abschluss nachholen.
Vielleicht wäre das der richtige Zeitpunkt dafür, mich darüber zu informieren.

Doch schon als die erste Kundin des Tages reinkam, musste ich diesen Gedanken wieder beiseiteschieben.

~*~*~

Es war zwei Uhr am Nachmittag, als ich das Windspiel an der Tür nach etwas längerer Zeit wieder vernahm.
Mein Blick, der vorher noch auf den Bildschirm gerichtet war, wandte ich zur Tür, wo ich meine Tochter erkennen konnte, die gerade den Buchladen betrat.
Entweder, sie wollte mich mal wieder besuchen kommen oder sie wollte ihr
Taschengeld mal wieder aufstocken.
Da das Meiste, was ich hier verdiente für die Miete, Lebensmittel und für die Kosten für die Schule draufging, konnte ich Nessie nicht gerade viel Taschengeld geben.
Alice wusste natürlich was Sache war und bot Nessie an, dass sie ab und zu hier als Aushilfe arbeiten und sich so etwas mehr Geld verdienen konnte.
Es tat mir schon fast weh, dass ich es nicht war, die es Nessie ermöglichte, dass sie etwas mehr Geld zum Ausgeben hatte, aber andererseits war es gut, dass sie jetzt schon lernte, selbst ihr Geld zu verdienen.
Leider hatte ich in der Vergangenheit nicht oft die Möglichkeit gehabt, Nessie auf eine materielle Art und Weise zu verwöhnen.

„Hey Mom“, hörte ich auch schon meine Tochter sagen und beobachtete sie, während sie zu mir hinter den Tresen kam und mir dann einen Kuss auf die Wange drückte.
„Hey Kleines! Wie war die Schule?“, fragte ich sie, wie eigentlich an jeden Tag, wenn sie Schule aus hatte.
„Langweilig, wenn Emily nicht da ist“, seufzte sie schwer, ließ sich auf einen Hocker neben mir fallen und ließ ihren Rucksack auf den Boden plumpsen.
„Hey, musst du nicht nachsitzen?“, fiel mir wieder ein, als Emily zur Sprache kam.
Schließlich hatte sie ja noch ihre ‚Strafe‘ abzuarbeiten.
„Die letzten Stunden sind ausgefallen, also habe ich da nachsitzen müssen. Glaub mir, sonst wäre ich schon viel früher hier gewesen“, grinste sie mich an und sah ihrem Vater in diesem Moment wieder so ähnlich.

Alice kam gerade aus den hinteren Räumlichkeiten ihres Ladens und fing freudig an zu quieken, als sie Nessie erblickte.
Die beiden hatten sich schon von Anfang an super miteinander verstanden und sie war für Nessie, trotz des hohen Altersunterschiedes, wie eine Schwester.
Sie rannten aufeinander zu und umarmten sich heftig, wobei ich bei diesem Anblick sofort anfangen musste zu lachen.
Die beiden benahmen sich gerade so, als ob sie sich schon ewig nicht mehr gesehen hätten, dabei war Alice gerade einmal vor ein paar Tagen bei uns zum Abendessen vorbeigekommen.
„Bist du hier zum Arbeiten oder willst du uns nur besuchen kommen?“, fragte die kleine Elfe meine Tochter und sah zu ihr hinauf.
Nessie war ungefähr einen Kopf größer als Alice, ja sogar ein Stück größer als ich, was eindeutig an den Genen ihres Vaters lag.
„Ich dachte mir, dass ich beides miteinander verbinde“, grinste sie uns beide an und kam wieder zu mir hinter den Tresen.
So wie ich es heute Morgen getan hatte, bereitete Nessie ihren kleinen Bereich neben meinem so auf, dass sie alles griffbereit hatte, was sie brauchen könnte.
Meine Tochter bot sich an, die nächste Runde Kaffee für uns zu machen und wollte sich gerade auf dem Weg zu unserer kleinen Küche machen, die praktisch schon am Tresen grenzte.
Kaum hatte sie sich vom Fleck bewegt und stand am Durchgang zur Küche, hörte man wieder das Windspiel der Tür, so wie immer, wenn jemand den Buchladen betrat oder wieder verließ.
Es war ein junger Mann, ungefähr im selben Alter wie meine Tochter, er hatte kurze, hellbraune Haare.
Sein Blick wanderte durch die einzelnen Regale, bis er mit seinen Augen den Tresen fand, an dem wir Mädels alle standen.
Diese Augen, die im Licht grün schimmerten, blieben direkt neben mir haften.
Ich folgte seinem Blick und was ich da sah, ließ mich stutzen.
Nessie, die sich keinen einzigen Millimeter mehr bewegt und das Atmen anscheinend vollkommen aufgegeben hatte.
Was war mit ihr los?

Mein Blick wanderte zu Alice, die sich gerade auch meine Tochter genauer besah.
Der verwirrte Ausdruck auf ihrem Gesicht, wurde innerhalb kürzester Zeit von einem breiten Grinsen abgelöst.
Anscheinend verstand sie in diesem Moment mehr als ich es tat.
„Hey Ness“, sagte der Junge, als er sich dem Tresen näherte und gegenüber von Nessie, oder wie er sie nannte ‚Ness‘, zum Stehen kam.
Argwöhnisch betrachtete ich diese ganze Situation und sah zwischen den beiden hin und her.
Nessie schien aus ihrer Starre wieder befreit worden zu sein, denn sie fing an mit ihren Fingern nervös am Saumen ihres Shirts herum zu zupfen.
„Jackson… Hey“, flüsterte sie schon beinahe und wirkte auf mich irgendwie… geschockt.
Besorgt, aber auch irgendwie belustigt, beobachtete ich dieses Szenario, ehe mir ein Licht aufging… Sie war verknallt!
Meine kleine Tochter schien sich tatsächlich verliebt zu haben.
„Kaffee!“, rief sie plötzlich aus und erschrak uns alle, als sie diese kurze Stille durchbrach.
Von Alice‘ Seite konnte ich hören, wie sie sich ein Lachen zu verkneifen schien, es aber noch rechtzeitig als ein Husten tarnte.
„Ich wollte gerade Kaffe machen“, sagte Nessie noch mehr oder weniger klar und deutlich und wollte sich schon zum Gehen abwenden.
Nur verschwommen nahm ich war, wie Alice’ schwarzer Haarschopf an mir vorbeihuschte und meine Tochter daran hinderte, nach hinten in die Küche zu gehen.

„Das kann ich doch machen. Bleib du bei deinem Freund und kümmere dich um ihn“, flötete Alice Nessie zu und ich konnte noch sehen, dass sie ihr zuzwinkerte.
Es war irgendwie komisch mit anzusehen, wie anders meine Tochter sich in der Gegenwart dieses Jungen verhielt.
So kannte ich sie nicht und ich konnte mich noch gut daran erinnern, dass ich mich damals bei Jacob auch immer so verhalten hatte.
Dieser Junge könnte Nessies erste große Liebe sein und ich wusste ehrlich nicht, wie ich damit umgehen sollte.
Meine Gefühle waren vermischt, denn schließlich handelte es sich dabei um meine kleine Tochter… aber jetzt war sie nicht mehr klein.
Sie wurde Erwachsen, das wurde mir nun immer mehr bewusst und irgendwie machte mir diese Tatsache angst.

„Was können wir für dich tun?“, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf den Jungen und legte dabei meinen Kopf schief.
Die ganze Zeit über hatte er nicht einmal seinen Blick von Vanessa genommen und auch jetzt, als er mir antwortete, verließen seine Augen nicht ein einziges Mal ihre… er musste sie wohl auch sehr gern haben.
Irgendwie erleichterte mich die Tatsache, dass er Nessie genauso zu mögen schien, wie sie ihn, aber andererseits machte es mir wieder Sorgen.
„Ich brauche ein Buch über die… äh… spanische Inquisition“, teilte er mir mit.
Etwas skeptisch zog ich meine Augenbrauen in die Höhe.
Ich wusste noch, dass Nessie das Thema am Anfang der High School durchgenommen hatte und dieser Junge schien mir nicht so, dass er gerade erst in die High School kam.
Ganz im Gegenteil. Ich schätzte ihn auf etwa 17 oder 18 Jahre ein, aber vielleicht war er auch genauso alt wie Nessie.
Auf keinen Fall konnte er jünger als sie sein.
Das Buch würde er also schon einmal nicht für die Schule brauchen.
Aber privat konnte ich es mir auch nicht vorstellen.
Welcher Jugendliche würde sich für einen privaten Zweck ein Buch über die spanische
Inquisition kaufen wollen?

„Hast du an ein bestimmtes Buch gedacht?“, fragte ich ihn.
Er sah noch immer nicht von Nessie weg und seine Augen hatten ein komisches Glitzern, welches ein mulmiges Gefühl in mir hervorrief.
Ein Blick auf meine Tochter verriet mir, dass sie genauso aussah und zusätzlich noch hinter dem Tresen, versteckt von den Blicken des Jungen, nervös mit ihren Fingern spielte.
Das komische war, dass es mich an etwas erinnerte… an mich.
Vor 18 Jahren, als ich Jacob kennen lernte, verhielt ich mich genauso.
Das Ergebnis des Ganzen war, dass wir uns verliebten, zusammenkamen und er mich schwängerte.
Natürlich war mir bewusst, dass es bei Nessie nicht genauso laufen musste, wie es bei mir der Fall gewesen war, aber Himmel, Vanessa war uns auch so schon in vielen Dingen ähnlich.

„Irgendeins“, riss mich die Stimme des Jungen aus meinen Gedanken und blickte zum ersten Mal wieder von meiner Tochter weg.
Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen sah er mich an und fuhr fort etwas zu sagen.
„In dem die meisten Informationen stehen.“
Mit seiner Hand fuhr er sich durch sein kurzes Haar, woraufhin ich Nessie kichern hörte.
Es war nicht irgendein Kichern… nicht das selbe Kichern, welches ich sonst von ihr kannte.
Eindeutig war es die Art, wenn man in jemanden verliebt war, wenn man, egal was der andere sagte oder wie er es sagte, wenn er etwas tat oder wie er etwas tat… man fand alles auf eine verliebte Art und Weise lustig.

Wieso hatte ich diese seltsamen Empfindungen, wenn ich Nessie so sah?
Mir hätte doch klar sein sollen, dass sie sich irgendwann einmal verlieben wird!
Allerdings hatte ich gehofft, dass es nicht so schnell passieren würde.
Sie hatte noch zwei Jahre in der High School vor sich, bevor sie auf ein College gehen würde.
Nessie hatte sich vorgenommen, an einer Elite Universität zu studieren… Harvard, Princeton, Yale…
Würde sie ihre Träume und Wünsche für einen Jungen aufs Spiel setzen?

„Dann werde ich mich mal auf die Suche machen“, gab ich mit einem leichten Lächeln von mir und versuchte mir nichts von meinen wahren Gefühlen anmerken zu lassen.
Es war für mich nur so… überraschend.
Wieso hatte mir Nessie nichts von ihm gesagt?
Wir erzählten uns doch sonst auch immer alles.
Plötzlich kam mir Mr. Cullen in den Sinn.
Hatten er und seine Tochter vorher nicht auch eine gute Beziehung zueinander gehabt?
War ich auch dabei, Vanessa zu verlieren?
Entglitt sie mir?
War ich zu wenig für sie da?
Vielleicht reagierte ich über, denn schließlich war meine Situation mit der von Mr. Cullen nicht zu vergleichen.
Andererseits gefiel mir die Tatsache ganz und gar nicht, dass Nessie mir etwas aus ihrem Leben verheimlicht hatte.
Schließlich waren wir auch Freundinnen und nicht nur Mutter und Tochter.

Nachdem ich eine Weile in den hinteren Regalen nach einem passenden Buch für den Jungen suchte, konnte ich meine Tochter trotz der Entfernung lachen hören.
Mit dem Buch in der Hand kehrte ich zurück, blieb aber noch etwas versteckt hinter einem Regal stehen und beobachtete die beiden.
Nessie wirkte irgendwie glücklich und strahlte über das ganze Gesicht.
Und genau das war es, was mich selbst auch glücklich machte.
Solange meine Tochter glücklich war und solange sie ihr Leben leben würde, wie sie es wollte, wie sie es sich vorstellte, würde ich diesen Jungen in ihrem Leben akzeptieren.
Und ich hoffte sehr, dass sie dieses Glück mit mir teilen würde.
Als ihre Mutter und als ihre Freundin!

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