Bella POV
Als das Gespräch mit Mrs. Meyer – dieser Hexe von Direktorin – endlich ein Ende
nahm, lief ich etwas erleichtert mit Nessie und Jake in Richtung des Parkplatzes.
Sie verurteilte mich, dass ich schon so früh Mutter geworden war, das sah ich in ihren Augen.
Komischerweise verurteilte sie Mr. Cullen nicht. Nein, wieso denn auch?
Dieser Mann hatte Geld und wer wusste schon, wie viel er der Schule immer spendete?!
Alle Eltern spendeten Geld für diese Schule, nur ich nicht.
Ich hatte schon genug damit zu tun, das Geld für ein Semester aufzutreiben und für Nessies College musste ich auch sparen.
Wer wusste schon, ob sie ein Stipendium bekommen würde oder nicht? Ich wollte es jedenfalls nicht darauf ankommen lassen.
Mr. Cullen war so schnell mit seiner Tochter und „Miss-schlecht-blondiert“ aus den Türen des Büros gerast, dass Emily nur sehr kurz die Möglichkeit hatte, sich von uns zu verabschieden, ehe er auch schon wieder nach ihr rief.
Brüllte traf es wohl eher. Wie lange seine Stimmbänder das wohl noch mitmachen würden?
Ich hoffte nur sehr, dass Emily zu Hause nicht noch mehr Ärger erwartete.
Denn so wie Mr. Cullen aussah, war er kurz vor dem Explodieren gewesen als Mrs. Meyers verkündet hatte, dass Emily für eine Woche vom Unterricht suspendiert werden würde, da ihre Schulakte wohl schon sehr dick war und andere Strafen bei ihr wohl nicht halfen.
Als ob solche Strafen einen Teenager daran hindern würden, ein weiteres Mal zu schwänzen…
Ganz im Gegenteil, sie würden vorsichtiger werden und sich nicht mehr beim schwänzen erwischen lassen.
Vielleicht war ich etwas sadistisch, aber ich fand es irgendwie lustig mit anzusehen, wie die Adern in seinem Gesicht immer mehr zum Vorschein kamen, je mehr er sich aufzuregen schien.
Es verschaffte mir ein wenig Genugtuung.
Auch wenn es mir um Emily leid tat, aber sie konnte ihrem Dad ganz schön Kontra geben und so hoffte ich, dass sie sich durch diese Situation durchschlagen würde.
Im äußersten Notfall hätte sie ja noch Nessie, die ihr jederzeit zur Seite stehen würde.
Zwar hatte Nessie mir schon von ihrer Freundschaft zu Emily erzählt, doch erst heute konnte ich sehen, wie tief diese ging.
Und eine Freundschaft wie diese gab es wirklich äußerst selten.
Draußen in der Freiheit, direkt auf dem Parkplatz vor dem riesigen Schulgelände, erblickte ich sofort Jakes Auto, welches er neben meiner alten Schrottkiste geparkt hatte.
Als wir unsere Autos erreicht hatten, was bei dem Herumalbern meiner Tochter mit ihrem Vater nur sehr stockend voranging, wollte ich Jake schon zum Abschied auf die Wange küssen, so wie wir es jedes Mal taten, doch er wich plötzlich einen Schritt zurück und musterte mich mit seinen großen, fast schwarzen Augen.
Bei dem Verhalten der beiden hätte man nie darauf kommen können, dass wir gerade bei der Direktorin einer Privatschule gewesen waren, die meiner Tochter zwei Wochen Nachsitzen erteilt hatte, nur weil sie geschwänzt hatte.
Zwei verdammte Wochen dafür, dass sie erwischt wurde und den geschwänzten Tag noch nicht einmal genießen konnte!
„Was?“, fragte ich ihn sofort und stemmte die Hände in meine Hüften.
Dies war in den letzten Jahren zu einer kleinen Angewohnheit geworden.
Ich nannte sie die ‚Mom Haltung’, die ich mittlerweile nicht nur bei meiner Tochter einsetzte, sondern wie man sah, auch bei ihrem Vater.
„Willst du mich etwa schon loswerden?“, fragte mich Jake mit seinen Kulleraugen und schob als Bonus auch noch seine Unterlippe hervor.
Oh, dieser Blick!
Nessie hatte genau diesen von ihm geerbt und ließ mich damit immer öfter weich werden, wenn sie etwas von mir wollte.
Auch in meiner Beziehung mit Jake hatte er diesen Blick oft eingesetzt.
„Gute Idee!“ Spielend grüblerisch sah ich zu ihm hoch und versuchte diesem Blick zu widerstehen.
Plötzlich runzelte er die Stirn und in Kombination mit seinem Jake-Dackelblick sah das wirklich zu köstlich aus.
Das Einzige was ich noch sah war, wie Jake seinen Zeigefinger hob und ihn mir direkt vor der Nase hielt.
Oh nein!
Nicht schon wieder!
„Siehst du den Finger?“, fragte er mich und wedelte vor meinem Gesicht damit herum.
Nessies Gelächter im Hintergrund war kaum zu überhören.
„Wenn du weiterhin so frech zu mir bist, muss eben der Finger zum Einsatz kommen“, fuhr mein Ex-Ehemann fort.
Argwöhnisch betrachtete ich den Finger, umgriff ihn so schnell mit meiner rechten Hand, dass Jake gar nicht rechtzeitig darauf reagieren konnte und knickte ihn leicht zur Seite.
Jake machte das allerdings nicht gerade viel aus, aber immerhin konnte er mir so nicht mehr damit vor der Nase herumwedeln.
Diese Geschichte mit seinem Finger kam zum ersten Mal vor ungefähr 14 Jahren zum Einsatz.
Nessie war damals erst zwei und Jake und ich waren frisch verheiratet.
Damals wollte Nessie ihre kleinen Händchen an den Backofen legen, aber Jake konnte - Gott sei Dank - gerade noch diese Katastrophe verhindern.
Ich konnte mich noch so gut an den Tag erinnern…
Er hob sie auf seinen Arm, schimpfte mit ihr und sein Zeigefinger zeigte in ihre Richtung, woraufhin sie in den nächsten Jahren immer Angst vor dem Finger hatte.
Doch mit der Zeit, empfand Nessie es einfach nur noch für lächerlich, was man besonders jetzt noch an ihrem Gelächter erkennen konnte.
Jake konnte es aber auch einfach nicht lassen, es war beinahe schon normal für uns, dass der Finger ab und zu noch zum Vorschein kam.
So wie jetzt.
Denn Jake hatte sich angewöhnt, den Finger auch bei mir einzusetzen.
Plötzlich erschien Jakes andere Hand vor meinem Blickfeld und wedelte mit dessen Zeigefinger herum.
Frustriert seufzte ich auf, denn er konnte es einfach nicht sein lassen.
Nichtsdestotrotz, war es doch immer wieder auf eine eigene Art und Weise lustig.
Ich versuchte mit meiner freien Hand auch nach diesem Finger zu greifen, aber diesmal war Jake vorbereitet und wich meiner Hand gekonnt aus.
Wieder versuchte ich danach zu greifen, doch plötzlich fiel mir meine eigene Tochter, mein eigenes Fleisch und Blut, in den Rücken und griff nach meiner Hand.
Empört darüber, lies ich Jakes Finger los und wollte mich zu meiner Tochter wenden, um ihr meinen ‚Mom-Blick‘ zuzuwerfen, als Jake diese Chance ergriff und anfing mich durch zu kitzeln.
Oh dieser miese… Meine Tochter machte da natürlich auch noch mit.
„Wirst du jetzt brav sein?“, fragte mich Jacob doch allen Ernstes und hörte einfach nicht auf mich zu kitzeln.
„Niemals!“, schrie ich nur lachend hervor und versuchte mich irgendwie aus dieser Kitzelattacke zu befreien.
Ich hatte keine Ahnung, wie lange wir auf diesem Parkplatz gestanden hatten und ich mich - von meiner Tochter und ihrem Vater - hatte durchkitzeln lassen, aber irgendwann saß ich nach Luft ringend auf dem Boden und versuchte Jacob von meinem Sitzplatz aus einen bösen Blick zuzuwerfen.
Allerdings klappte das nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte, denn als Jake wieder seinen Zeigefinger hob, konnte ich mir mein Lachen einfach nicht verkneifen.
Auch Nessie musste so heftig lachen, dass sie sich schon hingehockt hatte, ihre Hände an ihren Bauch haltend und nach Luft rang.
„Meine zwei Lieblingsfrauen liegen mir zu Füßen, so sehe ich das doch gerne“, kam es
von einem grinsenden Jake, der auf uns zuging und uns anschließend auf half.
Nachdem wir es endlich geschafft hatten, unseren Lachanfall in den Griff zu bekommen, fuhren wir zu uns nach Hause.
Nessie fuhr bei ihrem Vater mit, da es schon etwas länger her war, dass die beiden sich gesehen hatten und sie wollte die Zeit mit ihm nutzen, was ich natürlich verstehen konnte.
Auch wenn Jake und ich uns noch so gut verstanden, war es für Nessie einfach nicht möglich, ihn so oft zu sehen, wie sie es wollte.
Vor einem Jahr hatte Jake eine Stelle hier in Chicago angenommen und für uns war es selbstverständlich, dass wir mit ihm mitzogen.
Es fiel mir zwar sehr schwer meine Eltern zurückzulassen, aber ich wollte, dass Nessie beide Elternteile in ihrer Nähe hatte.
Und ich wusste, dass Jake es nicht übers Herz bringen würde, ohne uns so weit weg zu ziehen, aber ich konnte ihm diese einmalige Chance einfach nicht kaputt machen.
Das Apartment, welches Nessie und ich bewohnten, lag mitten in der Innenstadt von Chicago.
Es war nicht besonders groß, aber für meine Tochter und mich reichte es allemal.
Wenn Jake allerdings so wie heute mit zu uns nach Hause kam, kam mir die Wohnung sehr viel kleiner vor als sonst. Mit seinen zwei Metern war das ja auch kein Wunder.
„Also, Dad“, richtete Nessie ihre Aufmerksamkeit an Jacob, sobald wir uns alle an den Küchentisch setzten.
„Wie geht es…ähm… Cindy?“ Die Frage klang eher so, als ob sie wissen wollte, ob der Name der richtige war.
„Keine Ahnung… ich denke gut… habe sie schon lange nicht mehr gesehen! Wieso fragst du, Kleines?“, fragte er wieder seine Tochter, die ihn nur aus großen Augen anstarren konnte.
„Du weißt es nicht? Aber ihr seid doch verheiratet!“, wollte sich Nessie weiter bei ihrem Vater erkundigen.
Noch bevor Jacob zu einer Antwort ansetzen konnte, knallte Nessie ihre Handfläche gegen ihre Stirn.
„Ach stimmt ja. Wann war noch mal die Scheidung? Vor drei Jahren? Vier Jahren? Oder waren es doch nur zwei? Sorry, Dad“, entschuldigte sie sich bei ihrem Vater und ließ ihm wieder nicht die Zeit, ihr zu antworten, als er erneut zum Reden ansetzen wollte.
Diese Eigenschaft hatte sie nicht von mir. Das waren eindeutig die Gene meiner Mutter.
„Ich meinte natürlich Susan. Wie geht es ihr?“, verbesserte sich meine Tochter selber und wartete ungeduldig, aber ehrlich interessiert, auf eine Antwort.
Dieser jedoch schaute sie zunächst mit einem amüsierten Lächeln an, bevor er letzten Endes doch noch antworten konnte.
„Geschieden“, erwiderte er nur knapp.
„Oh Jake!“, mischte ich mich jetzt auch in das Gespräch der Beiden ein.
Ich kam schon gar nicht mehr mit, so oft wie er verheiratet und wieder geschieden worden war.
Und das Schlimme daran war, dass ich mich in diese Reihe lauter Ehefrauen mit eingliedern konnte.
Ob ich mich wohl damit trösten konnte, dass unsere Ehe bis jetzt seine längste war?
„Aber wisst ihr was?“, fragte er in die Runde und strahlte über das ganze Gesicht.
Noch bevor er weiter erzählen konnte, stand ich von meinem Platz auf und ging zur Küchentheke, um uns dreien einen leckeren Kaffee zu machen.
„Ich hab wieder geheiratet!“, rief er enthusiastisch.
So etwas hatte ich schon befürchtet!
Kaum war seine letzte Ehe geschieden, stand die nächste wieder vor der Tür.
Das war einfach…Jacob!
Ich hoffte nur sehr, dass Nessie nicht auch noch diese Eigenschaft von ihm geerbt hatte.
„In Vegas?“, fragte meine Tochter ihn keck und konnte sich ihr Grinsen nicht verkneifen.
„Wie lang hält die Ehe denn diesmal? Länger als ein halbes Jahr? Oh Mom, wetten wir wieder?“, wandte sich meine Tochter am Ende wieder an mich, ehe ihr breites Grinsen sich in ein Lachen verwandelte.
Auch ich musste lachen, Jake jedoch lehnte sich in seinen Stuhl zurück und verkreuzte die Arme vor seiner muskulösen Brust.
Immer wenn ich ihn so sah, musste ich an Nessie denken, als sie noch klein war und sie genau dieselbe Haltung einnahm, wenn sie beleidigt war.
Es stecke so unglaublich viel von uns in ihr, dass mich diese ganzen Ähnlichkeiten schon manchmal gruselten.
„Nein, nicht in Vegas“, protestierte Jake wieder lautstark und sah jedem Einzelnen von uns in die Augen, ehe er etwas nuschelte, was ich nicht so recht verstand, weshalb Nessie und ich zur selben Zeit nachfragten, was er denn gesagt hatte.
„Es war auf einer Kreuzfahrt, okay? Und bevor ihr noch fragt, ja, wir haben uns dort kennen gelernt!“
Nessie sah mit einem schelmischen Grinsen zu mir herüber, ehe sie mir ihre zarte Hand entgegen streckte, mit der Handfläche nach oben.
Mit gespielt bösem Blick sah auch ich sie an.
„Du schuldest mir zwanzig Mäuse!“
Da meine Tasche in unmittelbarer Nähe lag, griff ich danach und suchte in dem ganzen Durcheinander meine Brieftasche, damit ich meine Schulden direkt begleichen konnte.
Jake hatte uns davon erzählt, dass er auf eine Kreuzfahrt gehen würde und natürlich hatten wir nicht vergessen, dass er wieder geschieden und somit ein freier Mann war.
Ich wusste nicht mehr, wie wir auf diese Wette gekommen waren, aber in dem Moment fanden wir diese Idee mehr als nur gut.
Und wie sich im Endeffekt herausgestellt hatte, schien Nessie ihren Vater doch besser zu kennen, als ich immer dachte.
Meine Vermutung war die gewesen, dass er auf diesem Schiff zwar eine Frau kennenlernen würde, sie aber erst heiratet, sobald sie wieder an Land waren.
Vanessas Vermutung war, dass er sich gleich auf dem Schiff von dem Kapitän trauen lassen würde und wie man sah, behielt sie am Ende damit Recht.
In Jacobs Gesicht konnte man den puren Unglauben sehen, dass wir über seine ganzen Ehen gewettet hatten.
„Wie oft warst du jetzt eigentlich verheiratet? Ich verliere langsam wirklich den Überblick“, zog ich ihn auf, aber um ehrlich zu sein, wusste ich selbst es wirklich nicht mehr.
Jacob schien doch tatsächlich eine Weile zu überlegen, ehe er zu einer Antwort ansetzte.
„Fünf… nein sechs…“ Er schien sich dieser Tatsache nicht mehr so sicher.
„Es waren fünf! Dich mit inbegriffen! Es wären sechs gewesen, wenn Patricia nicht vorher kalte Füße bekommen hätte“, schloss er letztendlich seine Überlegungen ab und nickte.
So, als wollte er sich das eben gesagte noch einmal bestätigen.
Als der Kaffee endlich fertig war und ich ihn in unsere Tassen eingegossen und jedem vor die Nase gestellt hatte, setzte ich mich wieder an den Küchentisch, als Jake auch schon damit begann, von seiner neuesten Ehefrau zu erzählen.
„Ihr Name ist Charlotte! Sie ist wirklich toll, ihr werdet sie lieben. Versprochen! Diesmal ist es wirklich etwas dauerhaftes, das spüre ich.“ Jake griff sich mit seiner rechten Hand ans Herz und seufze nahezu theatralisch.
Diesmal versuchte ich mir mein Lachen zu verkneifen, doch bei Nessies nächster Bemerkung konnte ich mein Gelächter einfach nicht mehr zurückhalten.
„Etwas Dauerhaftes? Also, was schätzt du, ein oder zwei Jahre?“, fragte sie ihn und zeitgleich fing unser Gelächter an.
Als Jacob uns die Zunge rausstreckte, war es mit unserer Selbstbeherrschung endgültig vorbei und ich krallte mich schon an den Rand des Tisches in der vergeblichen Hoffnung, so mein Lachen irgendwie unter Kontrolle zu bekommen.
Aus tränennassen Augen konnte ich noch soeben erkennen, wie Jake zu seiner Kaffeetasse ansetzte, sie zu seinem Mund führte, aber dann inne hielt, kurz bevor er einen Schluck davon nahm.
Grinsend sah er zu seiner Tochter, nickte Richtung Kaffeebecher und fragte, ob er das richtig machte, was uns beide sofort stutzen ließ.
„Wieso solltest du was falsch machen? Was kann man da überhaupt falsch machen?“, fragte Nessie ihren Vater und sah ihn an, als ob er gerade seine letzte Gehirnzelle verloren hätte.
Jakes Grinsen wurde wieder breiter, als er seine Goofy Kaffeetasse auf den Tisch abstellte und seine Hände auf dem Tisch miteinander verschränkte.
„Das frage ich dich, meine Kleine“, zwinkerte er ihr zu und beugte seinen Oberkörper in ihre Richtung.
„Hast du heute irgendwelche Medikamente geschluckt, die dir nicht gut tun?“, fragte sie ihn und zog dabei eine Grimasse, die ich am liebsten fotografiert und in ihr Album geklebt hätte.
Als ich erfuhr, dass ich schwanger war, hatte ich das erste Album für mein Kind angelegt, auch wenn ich anfangs nicht von der Schwangerschaft begeistert war.
Das erste war voll mit Ultraschallbildern oder auch mit Fotos, die meine Schwangerschaft sozusagen dokumentierten.
Über die Jahre hinweg sind dabei sehr viele Alben entstanden, die voll mit Bildern von Nessie in ihren verschiedenen Lebensabschnitten waren.
„Ach komm, du weißt doch ganz genau wovon ich rede“, zwinkerte Jacob ihr zu und ein schelmisches Grinsen zeigte sich auf seinen Lippen.
„Wovon zum Teufel redest du, alter Mann?“, verlangte sie von ihm zu wissen und wusste ganz genau, wie sehr ihr Vater die Bezeichnung als einen ‚alten Mann’ verabscheute.
Jake sah sie mit zusammengekniffenen Augen an.
„Du erinnerst dich nicht?“, fragte er sie wieder und zog einen leichten Schmollmund. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich bei seinen Stimmungsschwankungen denken, er sei schwanger.
„Als du klein warst, hast du immer diese Teepartys veranstaltet. Erinnerst du dich? Aber mich hast du immer angemeckert, dass ich die Tasse falsch halte, dass ich falsch sitze und das ich nicht die passenden Klamotten trage“, erlöste er uns endlich von unserer Verwirrung und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen, als er diese kleine, aber dennoch sehr süße Erinnerung wieder zum Vorschein brachte.
An einen ganz bestimmten Tag konnte ich mich noch ganz genau erinnern.
Damals waren Jacob und ich noch verheiratet und Nessie musste da ungefähr vier Jahre alt gewesen sein, als Jacob sich tatsächlich Kleidung für Frauen in Übergröße gekauft hatte und sie dann anzog, damit er mit seiner Tochter endlich spielen konnte, ohne dass sie etwas daran auszusetzen hatte.
Die kleine Maus hatte trotzdem immer noch etwas zu meckern gehabt, weswegen wir uns dann einfach einen Spaß machten und anfingen ihren Dad zu schminken, was einfach nur zu komisch war.
Irgendwo müsste ich sogar noch ein Foto herumliegen haben, wo ich Jake heimlich fotografiert hatte, nachdem wir ihn zu einer ‚Frau’ gemacht hatten.
Er wusste bis heute wahrscheinlich noch nicht einmal von dessen Existenz.
Jetzt war es Nessie, die ihn mit zusammengekniffenen Augen ansah und vor sich hin schmollte.
Ja, sie war ihren Eltern ähnlicher, als ihr selbst wohl bewusst war.
„Ganz schön gutes Gedächtnis für so einen alten Mann wie dich!“, grinste nun auch sie ihn an und streckte dabei ihre Zunge raus, woraufhin Jacob wieder seinen verdammten Zeigefinger auf sie richtete und sie gespielt drohend damit tadelte.
Jake ließ aber auch keine Gelegenheit aus um den Finger einzusetzen und als ob meine Tochter und ich denselben Gedanken gehabt hätten, rollten wir zeitgleich mit den Augen.
Jacob wollte gerade wieder zum Reden ansetzen, als das schrille Klingeln unseres Telefons ihn dabei unterbrach.
Nessie stand abrupt von ihrem Stuhl auf, schmiss fast ihre Kaffeetasse um und nahm das Telefon ab.
Mit einem „Hey“ ging sie aus der Küche heraus und verschwand, wie ich vermutete, in ihr Zimmer, damit sie in Ruhe telefonieren konnte.
Seufzend nahm ich wieder die Tasse in meine Hand, trank einen Schluck Kaffee und nachdem ich diese wieder auf den Küchentisch abgesetzt hatte, beobachtete ich nachdenklich die braune Flüssigkeit.
„Was ist los?“, riss mich die Stimme meines Ex-Mannes aus meinen Gedanken.
„Sie wird uns immer ähnlicher“, murmelte ich und hob meinen Blick, damit ich Jacob dabei in die Augen sehen konnte.
Auch Jacob musste nun seufzen und wandte seinen Blick von meinem ab, nur damit er die Muster auf der Tischdecke nachdenklich begutachten konnte.
„Sie hat doch heute das erste Mal geschwänzt. Deswegen heißt es doch noch lange nicht, dass sie so wie wir wird“, versuchte er mich irgendwie aufzubauen.
Ich wusste es ja. Wirklich!
Aber sie war uns schon vom Aussehen so ähnlich.
Sie hatte dasselbe mahagonifarbene Haar wie meine es waren, dieselben schokoladenfarbenen Augen und meine Nase.
Von Jake hatte sie eindeutig die natürliche braune Haut und die selben vollen Lippen.
Aber auch viel von unserem Verhalten war zu erkennen.
Sie war genauso tollpatschig wie ich es schon immer war, errötete genauso schnell wie ich und sie war genauso albern, wie ihr Vater es war.
Was wäre, wenn sich die Geschichte wiederholen würde?
„Das erste Mal von dem wir wussten“, warf ich ein, was Jacob dazu brachte wieder zu mir aufzuschauen und nachdenklich seine Stirn zu runzeln.
Über den Tisch hinweg griff er nach meiner Hand, die einfach nur neben meiner Tasse lag und drückte sie leicht.
„Nessie ist ein gutes Mädchen. Sie weiß, dass wir es damals nicht leicht hatten und sie wird bestimmt aus unseren Fehlern lernen“, versuchte er mich irgendwie zu beruhigen.
Meine andere freie Hand griff nach seiner, die meine noch festhielt und spielte mit seinen Fingern.
„Ja, vielleicht hast du recht“, antwortete ich ihm ganz leise.
„Aber ich bin Mutter und darf mir Sorgen machen“, warf ich noch ein
„Und das ist auch gut so. Bella du bist eine gute Mutter, die Beste sogar, wie ich finde. Es wäre schlimm, wenn du dich nicht sorgen würdest.“
Ich antwortete nicht darauf, sondern ließ mir alles noch einmal durch den Kopf gehen.
Doch schon im nächsten Moment hörte ich Schritte, die nur meiner Tochter gehören konnten.
Nessie stand kurze Zeit später im Türrahmen und räusperte sich, woraufhin auch Jacob den Blick zu ihr wandte.
„Wer war denn am Telefon?“, wollte ich wissen, da sich Nessies Laune von der von vor wenigen Minuten deutlich unterschied.
„Das war Emily“, antwortete sie bedrückt und irgendetwas sagte mir, dass etwas nicht stimmte.
Was war nur passiert?
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