Kurzbeschreibung

Edward Cullen ist alleinerziehender Vater einer 16 jährigen Tochter. Sein Leben scheint perfekt, doch hinter der Fassade verbirgt sich eine Wahrheit, die er schon viel zu lange verheimlicht hat.
Und es gibt nur eine Frau, die ihn wieder auf den Boden der Tatsachen bringen kann.
All Human, Pairing ExB

Freitag, 1. April 2011

Kapitel 42 - Trost


Emily POV
 
Angestrengt suchten meine Augen die Straße nach dem richtigen Wegweiser ab, doch Chicago war groß und ich hatte den Weg, den ich mir noch zu Hause angesehen hatte, bereits wieder vergessen.

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Daniel mir einen Blick zuwarf, anscheinend überlegte er, ob er mich ansprechen sollte, oder nicht.

„Ähm… Emily?“, hörte ich seine Stimme zehn Minuten später und ich antwortete ihm mit einem Brummen.

Er deutete mit seinem Zeigefinger in die Richtung einer Seitenstraße, an der wir gerade vorbeifuhren, aber ich ignorierte ihn für den Moment.

„Süße, du bist geradewegs an Tylers Haus vorbeigefahren“, erklärte er mir und ich seufzte leise.

Natürlich war ich das, denn das war ja auch der Plan gewesen.

Eigentlich hatten Daniel und ich vorgehabt, auf die Party eines Freundes zu gehen, ich hatte auch zugesagt, aber das, was ich an diesem Abend tun wollte, hatte rein gar nichts mit einer Party zu tun.

Immerhin war Daniel nicht misstrauisch geworden.

Erst als ich darauf bestanden hatte zu fahren, hatte er mir einen verwunderten Blick zugeworfen, aber nichts weiter dazu gesagt.

„Ich weiß“, gab ich nur kurz angebunden zu verstehen und Daniel runzelte die Stirn.

„Und wo fahren wir hin?“

„Das wirst du gleich sehen“, erwiderte ich schlicht.

Nun, wenn ich den Weg finden würde, aber ich würde das schon irgendwie hinbekommen.
Ich musste es einfach schaffen und eigentlich lag dieses Hotel auch gar nicht weit entfernt, aber ein Navigationsgerät wäre sicherlich zu auffällig gewesen, schließlich war mein Freund ja nicht blöd.

Tanya hatte mir in dem vergangenen Monat fast den letzten Nerv geraubt.

Ich hasste sie und das abgrundtief.

Da konnten die Leute noch so oft sagen ‚Aber sie ist doch deine Mutter’ – mich störte das nicht im Geringsten.
Für mich war sie nur der Störenfried der versuchte, meine Familie auseinander zu bringen und das würde ich nicht so auf mir sitzen lassen.

„Sagst du mir jetzt, wo wir hinfahren? Vielleicht kann ich dir ja helfen…“, murmelte Daniel neben mir und ich sah, wie er mich aufmerksam beobachtete.

Er kannte mich so gut, dass er wusste, dass ich insgeheim auch nervös war und auch die Wut steigerte sich mit jedem weiteren Meter, dem wir ihr näher kamen.

Natürlich war ich auch wütend auf meinen Dad gewesen, hatte tagelang nicht mit ihm geredet und mich dann mit ihm gestritten, aber nachdem wir uns ausgesprochen hatten und er mir versucht hatte zu erklären, warum er das getan hatte, konnte ich ihn sogar ein wenig verstehen, auch wenn das natürlich nicht so einfach zu verzeihen war.

Tanya hatte diese Situation einfach nur schamlos ausgenutzt und ich wusste nur zu gut, wie anfällig mein Vater auf so etwas reagierte.

Ich verstand, warum er in den letzten Jahren nicht einfach so über sie hinweggekommen war und ich wusste, dass er Bella über alles liebte, aber Tanya wusste, welchen Schalter sie umlegen musste, um ihn aus dem Konzept zu bringen.

„HA!“, rief ich so laut aus, dass Daniel neben mir erschrocken zusammenzuckte und mir einen verwunderten Blick zuwarf.

Als ich in die nächste kleine Seitenstraße einbog, erblickte ich das Hotel und parkte mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck, weil ich es alleine geschafft hatte den Weg zu finden, auf einem freien Parkplatz ein.

„Oh Emily... Nein.“

Daniel neben mir seufzte leise und warf mir einen Blick zu, als zweifelte er an meiner Zurechnungsfähigkeit.

Jetzt, wo ich das Hotel gefunden hatte wusste er ganz genau, was ich vorhatte und anscheinend schien er von meiner Idee nicht so begeistert zu sein.

„Du kannst ja auch im Auto sitzen bleiben, wenn du nicht mitgehen willst“, entgegnete ich leicht schnippisch und wollte schon die Tür des Wagens öffnen, als sich seine Hand an meinen Arm legte.

„Hey… Ich lasse dich sicherlich nicht alleine, du weißt, dass du auf mich zählen kannst, aber hältst du das wirklich für eine gute Idee?“, wollte er mit einem besorgten Blick von mir wissen und seine Finger strichen behutsam an meinem Arm auf und ab.

Nessie und Daniel waren die Einzigen, die wussten, wie ich mich in letzter Zeit wirklich gefühlt hatte.

Nach außen hin gab ich mich immer stark und ließ mir nichts anmerken, aber innerlich ging es mir richtig mies.

Es war kein schönes Gefühl, wenn eine Mutter einen niemals gewollt hatte, wenn die eigene Mutter einen nicht liebte.

Da konnte ich noch so wütend sein und sie noch so wenig kennen, aber dennoch war sie doch die Frau, die mich geboren hatte und es wollte einfach nicht in meinen Kopf hinein, warum sie mich nicht einmal mochte, oder sich nicht einmal für mich interessierte.

Es tat weh…

Doch etwas Gutes hatte diese Sache, so schrecklich sie auch sein mochte.

Jetzt realisierte ich erst richtig, was für einen tollen Vater ich wirklich hatte.

Natürlich hatte er Fehler gemacht, so einige sogar und eine Zeit lang hatten wir uns nur in den Haaren gehabt, aber er hatte sein gesamtes Leben für mich umgekrempelt.

Jahrelang hatte er geschuftet, nur um mir eine gute Zukunft bieten zu können und er liebte mich mit all meinen Macken und Fehlern, die auch ich hatte.

Ich konnte wirklich sagen, dass ich stolz auf ihn war, denn ich wüsste nicht, wie mein Leben ausgesehen hätte, wenn er nicht an meiner Seite gewesen wäre.

In den letzten Wochen hatte ich angestrengt versucht, eine Lösung für das zu finden, was er sich eingebrockt hatte.

Bella ging es schlecht, sie weinte zwar nicht mehr, wie mir Nessie berichtet hatte, aber sie lebte auch nicht mehr wirklich.
Es war beinahe so, als wäre sie ein Roboter, nur noch ein Schatten ihrer selbst und das machte mir Angst.

Mein Vater hingegen stürzte sich in die Arbeit, sodass er gar nicht erst dazu kam nachzudenken, aber ich wusste, dass er es dennoch tat.

Wenn ich ihn früh morgens sah, war nicht zu übersehen, dass er kaum noch schlief und dass ihn diese Situation quälte.
Auch er schien nur noch alles automatisch zu erledigen und ich hätte mir sogar lieber gewünscht, dass er herumbrüllen würde, anstatt einfach nur so vor sich hin zu leben.
Wenn er herumschrie, war wenigstens Leben in ihm…


„Ja…“, sagte ich und war selbst verwundert, wie leise meine Stimme doch klang.

So kannte ich mich selbst beinahe nicht und es war wirklich ein wenig beängstigend.

„Ich muss das einfach tun. Würdest du das nicht auch wollen, wenn du an meiner Stelle wärst?“, fragte ich meinen Freund und warf ihm einen vielsagenden Blick zu.

Er seufzte leise und schenkte mir dann sein Lächeln, welches mich immer wieder in den richtigen Situationen aufs Neue beruhigte.

„Ja, mir würde es sicherlich nicht anders ergehen“, bestätigte er mir meine Frage und öffnete die Tür.  

Ich tat es ihm gleich und verließ meinen Wagen.

Bevor ich jedoch auf das Hotel zuging, atmete ich noch einmal tief durch und griff nach der Hand, die mir mein Freund reichte.

Das Hotel war kein besonders teures, aber es sollte mich nicht wundern, denn schließlich hatte Tanya ja nicht gerade viel Geld.
Sie klammerte sich nur gerne an irgendwelche Männer, die viel Geld besaßen, das schien wohl das Einzige zu sein, was sie konnte.

Hand in Hand gingen wir direkt auf den Empfang zu, denn ich hatte absolut keine Ahnung, in welchem Zimmer sie wohnte.

Ich hatte ja schlecht meinen Dad fragen können, denn er hätte mir sicherlich zu viele Fragen gestellt, auf die ich noch keine Antwort gehabt hätte.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte uns sogleich eine junge Frau mit einem herzlichen Lächeln, als wir an der Rezeption stehen blieben.

„Ich wüsste gerne, welches Zimmer Tanya Denali gebucht hat“, erklärte ich ihr und die Frau warf einen Blick auf ihren PC.

Ungeduldig wartete ich auf eine Antwort, während sie mit ihrer Maus ein paar Mal klickte und uns dann wenige Sekunden später die Zimmernummer mitteilte.
In einigen Hotels würde das sicherlich nicht so einfach gehen, aber dieses hier schien das Ganze nicht so eng zu sehen, worüber ich sogar ziemlich froh war.

Im Aufzug zappelte ich unruhig von einem Fuß auf den anderen und in diesem Moment wusste ich nicht, was mehr überwiegte: die Nervosität oder die Wut.

Daniel drückte einmal meine Hand und gab mir so zu verstehen, dass er für mich da war und ich war ihm so unheimlich dankbar, dass ich seine Wange küsste, bevor wir zusammen den Aufzug verließen.

Mit langsamen Schritten kamen wir der Zimmernummer 311 immer näher und als wir vor der robusten weißen Tür anhielten, holte ich tief Luft, bevor ich meine freie Hand ausstreckte und dreimal fest an die Tür klopfte.
Es dauerte ziemlich lange, bis sich diese schließlich öffnete und ich direkt in ein paar meeresblaue Augen sah.

„Emily…“ Tanya schien sichtlich nicht mit meinem Besuch gerechnet zu haben und warf zuerst mir und dann Daniel einen verwunderten Blick zu.

„Was machst du denn hier?“, wollte sie nach einigen Sekunden der Stille von mir wissen und legte ihre Hand an den Türrahmen.

Ich erinnerte mich daran, dass Dad etwas von einem Baby gesagt hatte, aber ein Blick an Tanya vorbei in das Hotelzimmer ließ nicht darauf schließen, dass sie hier mit einem Baby lebte.
Sie war durch und durch eine Rabenmutter und mein kleiner Bruder, den ich nicht einmal kannte, tat mir schon richtig leid, denn schließlich konnte er ja nichts dafür, dass seine Mutter so eine Hexe war.

„Ich muss mit dir reden“, erklärte ich schlicht und deutete auf ihr Zimmer.

„Können wir reinkommen oder lässt du uns hier draußen versauern?“

Ich wollte nicht höflich sein, wieso denn auch?
Sie nahm ja auch keine Rücksicht auf die Gefühle der Anderen, also hatte sie auch nichts anderes verdient!

„Ist das dein Freund?“, wollte sie von mir wissen und deutete auf Daniel, der die ganze Zeit über noch nicht ein Wort gesagt hatte.

Erst als ich zu ihm herübersah, erkannte ich auch den Grund dafür.

Dan war wirklich ziemlich wütend und er versuchte sich wahrscheinlich gerade zurückzuhalten.

Natürlich hatte mir diese Frau sehr viel Kummer und Wut bereitet, also war es doch nicht verwunderlich, dass er sie verabscheute, aber trotzdem machte es mich irgendwie ein wenig froh, dass er sich wirklich so sehr um mein Wohl sorgte.

So etwas noch einmal zu bestätigt zu bekommen, war schön.

„Ja, das ist mein Freund, aber wir sind nicht hier, um über Daniel zu reden und außerdem kann er auch gut selbst reden, also hättest du ihn auch selbst fragen können.“

Tanya sah mich einfach nur an, ihr Gesicht war eine eiskalte Maske, die nicht ein einziges Gefühl preisgab und ohne ein weiteres Wort öffnete sie uns die Tür und ließ uns eintreten.

„Es ist schön, dass du dich doch nach dazu entschlossen hast, mit mir zu reden. Ich freue mich wirklich darüber“, hörte ich meine ‚Mutter’ sagen und ich blieb stehen, bevor ich mich umdrehte und sie ansah.

Ihr Lächeln und ihre ganze Art waren so verdammt falsch, dass mir schon schlecht wurde.
Ich hatte in den letzten Jahren eine wirklich gute Menschenkenntnis entwickelt und gerade bei ihr wusste ich, dass sie ein unberechenbares Biest war.

„Ach ja? Du freust dich darüber, dass ich hier bin? Das ich nicht lache…“, entgegnete ich sarkastisch und wandte kopfschüttelnd meinen Blick von ihr ab.

„Natürlich freue ich mich. Was dachtest du denn?“ Ihr Lächeln wurde herzlich, zumindest würde das vielleicht für Außenstehende, die diese Frau nicht kannten, so wirken, aber ich wusste wie sie wirklich war.

„Hör verdammt noch mal auf mit dieser Heuchelei!“, sagte ich sogleich und ließ Daniels Hand los, damit ich ihm nicht noch weh tat, während sich meine Hände so langsam aber sicher zu Fäusten bildeten.

Tanyas Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht und ihre Mimik hatte jetzt etwas Hinterhältiges und Arrogantes.
Ich wollte, dass sie diese bescheuerte Maske ablegte und endlich mal Klartext redete, weil sie mir diesen Unfug nicht vorzuspielen brauchte!

Das, was ich wissen wollte, war die ganze, ungelogene Wahrheit.

„Ich denke, du weißt ganz genau worum es hier eigentlich geht, oder?“ Tanya kam einen Schritt auf mich zu, wieder gab ihr Gesicht nicht eine Emotion preis, doch ich ließ mich sicherlich nicht von ihr einschüchtern.

„Lass einfach meinen Dad in Ruhe, kapiert? Du hast deine Chancen verspielt, er liebt dich nicht mehr und du kannst so oft wie du willst versuchen, ihn noch einmal zu manipulieren, aber das kannst du jetzt endlich vergessen, weil er es verstanden hat! Er liebt dich nicht, er hat dich irgendwann mal geliebt, aber das waren weiß Gott andere Zeiten! Zeiten, in denen du nicht so habgierig, alt und verbittert warst!“

Wie immer sagte ich ganz genau das, was ich dachte, aber jeder musste zugeben, dass es auch die Wahrheit war.

Mein Vater hatte mir die ganze Geschichte über sie erzählt.

An diesem einen Abend war sie Hals über Kopf abgehauen, weil sie eine großartige und riesige Modelkarriere anstrebte und die konnte sie sicherlich nicht mit einem Kind an ihrer Seite meistern.

Diese Frau war einfach nur ruhmsüchtig und geldgeil, etwas anders fiel mir dazu auch nicht mehr ein.

Meine Augen verfolgten aufmerksam jeden Schritt, den Tanya machte und nur wenige Zentimeter blieb sie vor mir stehen und funkelte mich mit einem wutentbrannten Blick an.

„Jetzt hör mir mal zu, Fräulein. DU hast mir rein gar nichts zu sagen. ICH bin deine Mutter und du hast gefälligst auf das zu hören was ich dir sage“, presste sie mit zusammengebissenen Zähnen hervor und ich schnaubte verächtlich.

„Einen Scheiß bist du und komm mir ja nicht auf diese Tour!“

Sie sollte meinen Dad einfach in Ruhe und uns unser Leben ohne sie leben lassen!

Was war denn daran so schwer zu verstehen?

Aber anscheinend hatte sie nicht vorgehabt so schnell auszugeben, denn leider Gottes war sie ja noch immer hier.

„Mit deinem Vater kannst du so vielleicht reden, ABER NICHT MIT MIR!!“

Ihre Stimme wurde mit jedem weiteren Wort immer lauter und mir wurde bewusst, dass sie mir jetzt wirklich ihr wahres Gesicht zeigte.

„WAS ZUM TEUFEL WILLST DU VON UNS? WIESO KANNST DU UNS NICHT EINFACH IN RUHE LASSEN?“, wollte ich wütend von ihr wissen.

„Gott, du willst es einfach nicht verstehen, oder? Ich dachte eigentlich, du wärst nicht blöd, aber dessen bin ich mir gerade nicht mehr so sicher. Was glaubst du denn wohl, was ich wirklich will? Wenn ich mich recht entsinne, lagst du mit deinen Vermutungen doch gar nicht so falsch. Ja, ich will deinen Vater wieder für mich gewinnen. Ist doch verständlich, er sieht gut aus und er hat verdammt viel Geld. Außerdem gehst du bald auf die Universität und dann bist du uns endlich nicht mehr im Weg.“

Das hatte gesessen.

Ungläubig blinzelte ich und ließ ihre Worte noch einmal auf mich wirken.
Es war eine Sache, über solche Dinge nachzudenken, als diese wirklich gesagt zu bekommen.

Sie wartete nur noch darauf, dass ich zur Uni ging, damit sie endlich freie Bahn hatte?
Natürlich hatte ich so etwas vermutet, aber sie schien wirklich noch berechnender und kälter zu sein, als ich gedacht hatte.

„Ach Kindchen. Ich weiß, es ist sicherlich nicht leicht für dich, das zu hören, aber so ist es nun einmal. Die Welt da draußen ist hart und das hier ist die Realität. Das mit dir… Das war einfach nur ein Unfall, ein kleines Missgeschick, welches deinem Vater und mir auf einer Party passiert ist, wo wir wieder einmal viel zu viel getrunken hatten. Du warst einfach nur ein kleiner, nerviger und schreiender Klotz an meinem Bein, ich konnte dich wirklich nicht gebrauchen. Niemand wollte dich, denn ich hatte Besseres vor! Ich wollte eine Karriere starten und berühmt werden, aber du musstest mir ja einen Strich durch die Rechnung machen.“

Ich schluckte.

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich wirklich sprachlos.
Ich wusste nicht mehr, was ich sagen, geschweige denn was ich jetzt tun sollte, also blieb ich einfach nur stehen und starrte die Frau an, die mich zur Welt gebracht hatte.

Mein Herz schmerzte aus irgendeinem kuriosen Grund und ich fühlte mich wertlos, klein und unbedeutend.

Lag es allein an ihren Worten?

„Glaub mir, dein Vater war auch nicht gerade begeistert, als ich ihm davon erzählt habe, er hatte schließlich auch vollkommen andere Dinge vor, als Vater zu werden und sich um ein kleines Kind zu kümmern aber na ja… Er war schon immer irgendwie so gutmütig, vielleicht hatte er einfach…“

„ES REICHT, VERDAMMT NOCH MAL!“

Erschrocken zuckte ich zusammen, als ich die Stimme meines Freundes neben mir hörte.

Tanyas Blick schnellte zu ihm und sie zog eine Augenbraue in die Höhe.

„Verbietest du mir gerade etwa den Mund?“, wollte sie von ihm wissen und unter anderen Umständen hätte ich sicherlich etwas dazu gesagt, aber jetzt konnte ich es einfach nicht.

„Nur noch ein weiteres Wort und ICH VERGESSE MICH GLEICH!“

Daniels Stimme klang bedrohlich.

Erst einmal hatte ich ihn so erlebt, denn normalerweise war er eher der Typ, der sich aus Streitigkeiten heraushielt und versuchte, diese auf die friedliche Art zu klären, aber jetzt schien es so, als hätte er sich fast selbst nicht mehr im Griff.

„Du willst mir also drohen?“

Tanya wandte sich jetzt ihm zu und ich spürte, wie sich Daniels Arm um mich legte und er mich zu sich heranzog.

Erst jetzt spürte ich, dass ich am ganzen Körper zitterte und ich konnte einfach nicht damit aufhören, egal wie sehr ich es auch wollte.

„Wie kann man nur so herzlos sein? Das will einfach nicht in meinen Kopf! Dieses Mädchen ist Ihre Tochter und Sie scheren sich einen Dreck darum, wie es ihr geht und was sie in diesem Moment wohl gerade fühlt! Es wäre wirklich besser für Sie, wenn Sie einfach von hier verschwinden! Emily... komm wir gehen“, hörte ich Daniels Stimme sagen und spürte, wie er mich sanft wegzog.

Ich sah noch Tanyas verächtlichen Blick, bevor Daniel mich behutsam umdrehte und mit mir das Hotelzimmer verließ.

Das war wohl das Beste, was mir in diesem Moment passieren konnte, denn so oder so hätte ich wirklich nichts mehr sagen und tun können, ich war wirklich wie gelähmt.
Ich bekam nicht einmal mehr mit, was Daniel zu mir sagte, denn noch immer schwirrten Tanyas Worte durch meinen Kopf.


Ein Unfall…

Ein Missgeschick…

Niemand wollte dich…


„Ich fahre dich nach Hause, Kleines…“ Daniel setzte mich vorsichtig auf dem Beifahrersitz ab und küsste kurz meine Wange, bevor er die Tür zuschlug und dann wenige Sekunden später auf der Fahrerseite einstieg.

Er nahm meine Hand während der Fahrt über in seine und nur er war es, der mir ab und zu ein paar beruhigende Worte sagte, während ich stillschweigend auf meinem Platz saß und aus dem Fenster sah.

Den ganzen Weg über versuchte ich ruhig zu bleiben, ich wollte jetzt nicht weinen, ich wollte stark sein, wie ich es immer war, aber ich merkte, wie meine Fassade mehr und mehr bröckelte.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis alles hervorbrechen würde…

Ihre Worte hatten sich in meinem Kopf festgesetzt, sie verschwanden nicht und es tat weh, sie immer und immer wieder geistlich zu wiederholen, aber ich konnte einfach nicht anders.

Erst als wir in meiner Einfahrt hielten, richtete ich meinen Blick auf.
Im Haus brannte noch Licht, obwohl es recht spät war, aber mein Dad ging nie früh ins Bett.
Ich wusste nicht, ob ich das jetzt gut oder schlecht finden sollte, denn wenn er mich fragen würde, was mit mir los war, dann konnte ich für nichts garantieren.

Daniel ergriff meine Hand und er war es auch, der die Haustür aufschloss und mich wieder sanft zu sich heranzog, als wir den riesigen Flur betraten.
Meine Augen kniff ich ein wenig zusammen, da das Licht mich ein wenig blendete und ich außerdem versuchte mich noch immer zu beherrschen.

Als wir am Wohnzimmer ankamen, richtete ich meinen Blick langsam vom Boden auf und sah, wie mein Vater auf dem Sofa saß und langsam zu uns herüber sah.

Im ersten Moment wirkte er noch immer wie dieser verdammte Roboter, welcher er in den letzten Wochen ständig gewesen war, doch als er mich wirklich ansah, veränderte sich sein Gesichtsausdruck schlagartig.

Er wirkte besorgt, erhob sich sofort von der Couch und kam auf mich zu.

„Emily... Kleines, was ist passiert?“

Warum genau es diese Worte waren, die mir schließlich den Rest gaben wusste ich nicht, aber schon im nächsten Moment kullerten die ersten Tränen an meinen Wangen hinab und ich begann unkontrolliert zu schluchzen.

Mein Dad überlegte nicht einmal, was er als nächstes tun sollte, sondern er streckte seine Arme nach mir aus und zog mich in eine Umarmung.

Er fragte mich, was passiert sei, warum ich so aufgelöst war, doch ich konnte ihm nicht antworten und das machte mich so wütend und nur noch verzweifelter, dass ich noch lauter schluchzte.

Die Tränen konnte ich einfach nicht mehr aufhalten.

Nur halb bekam ich mit, wie Daniel meinem Vater berichtete, was soeben vorgefallen war. Dann streichelte er noch kurz meine Schulter und sagte mir, dass er sich am nächsten Tag bei mir melden würde. Ich klammerte mich einfach nur noch haltsuchend an meinen Vater.
In diesem Moment brauchte ich ihn wirklich so wie noch nie zuvor und ich war froh, dass ich zumindest ihn hatte, auch wenn Tanya behauptet hatte, dass er es nicht gerade toll gefunden hatte, als er damals von der Schwangerschaft erfahren hatte.  

„Hey Emily… Sieh mich mal an…“

Seine Hände legten sich an meine Schultern und ich richtete langsam meinen Blick auf, um ihn anzusehen.

„Bitte hör nicht auf das, was Tanya dir gesagt hat. Ich weiß, es muss wirklich schlimm für dich gewesen sein, solche Worte zu hören, aber du weißt doch hoffentlich, dass es so viele Menschen gibt, die dich lieben. Ich liebe dich, dein Freund, deine Großeltern, Nessie und auch Bella... Wir alle lieben dich so wie du bist und wir könnten uns ein Leben ohne dich beim besten Willen nicht vorstellen… Vor allem ich nicht. Du bist und bleibst einfach das Wichtigste in meinem Leben, bitte vergiss das niemals, ja? Ich weiß, ich habe in der Vergangenheit viele Fehler gemacht, aber du bist und bleibst meine Tochter und ich habe es nie… wirklich niemals bereut, dass du hier bei mir bist.“

Solche Worte hatte ich von meinem Dad wirklich noch nie gehört und nach dieser Aktion von Tanya, tat es wirklich gut, das zu hören, aber auch so hätte es mir gut getan, denn er hatte Recht.

Er nahm mich noch einmal in den Arm und drückte mich, während ich seine Umarmung erwiderte.

„Wie wir alle wissen, verdreht Tanya gerne einmal die Wahrheit“, hörte ich ihn noch sagen und er gab mir einen kurzen Kuss auf die Stirn.

Ich war froh, dass er bei mir war, aber es fehlte noch jemand, der unter anderen Umständen sicher hier gewesen wäre.

„Dad…?“, fragte ich leise, nachdem ich mich wieder zumindest ein wenig beruhigt hatte und sah vorsichtig zu ihm auf.

Ob ich ihn das jetzt wirklich fragen sollte wusste ich nicht, aber vielleicht hatte das ja auch etwas Gutes. 

„Ja, Schatz?“

Er lächelte mich beruhigend und liebevoll an.

So hatte ich ihn schon lange nicht mehr gesehen und das zauberte auch mir ein kleines Lächeln ins Gesicht.

„Kannst du... Ich meine… Könnte Bella vielleicht herkommen…?“, fragte ich vorsichtig und ich sah, wie sich das Gesicht meines Vaters schmerzvoll verzog, aber man konnte auch erkennen, dass er versuchte sich zusammenzureißen.

Bella hatte mir in vielen Lebenslagen geholfen und so sehr ich es auch gerade zu schätzen wusste, dass mein Vater bei mir war, so sehr brauchte ich aber auch Bella.
Sie war mir wichtig und für mich war sie wirklich schon wie eine Mutter.

„Ich… Klar… Ich rufe sie an…“, murmelte er leise und wandte sich von mir ab, während ich mich auf dem Sofa niederließ und mich an ein Kissen kuschelte.

Mein Dad entfernte sich einige Schritte von mir, weil er wahrscheinlich nicht wollte, dass ich das jetzt auch noch mitbekam, aber ich konnte ihn trotzdem noch hören.

„Bella… Hey… Hier ist…“

 Er kam nicht einmal dazu, den anderen Satz zu Ende zu sprechen.

Was genau Bella ihm antwortete, konnte ich nicht verstehen, aber es schienen nicht gerade nette Worte zu sein.
Nur wenige Sekunden später hörte ich ihn leise fluchen und das Klicken der Tasten an seinem Handy.

Anscheinend hatte sie einfach aufgelegt.

„Bella, ich weiß du willst nicht mit mir reden, aber es geht um Emily“, sagte er sofort, als sie anscheinend das Gespräch ein weiteres Mal angenommen hatte und dieses Mal schien sie nicht gleich wieder aufzulegen.

Als mein Dad begann, die Geschichte erneut zu erzählen, hielt ich mir meine Ohren zu, egal wie kindisch das auch aussehen mochte, aber ich wollte diese Worte nicht noch einmal hören.

Als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte, zuckte ich erschrocken zusammen, entspannte mich aber sofort wieder, als ich erkannte, dass es sich um meinen Vater handelte.
Er ließ sich neben mir auf der Couch nieder, legte seinen Arm um mich und zog mich ein stück näher zu sich heran.

„Bella wird gleich hier sein“, versprach er mir und streichelte beruhigend meinen Arm auf und ab.

„Danke Dad… Ich weiß, es ist bestimmt nicht gerade leicht für dich aber…“

„Sprechen wir nicht davon. Es geht hier jetzt um dich und nicht um irgendetwas anderes, ja?“

„Okay… Danke…“, murmelte ich leise und legte meinen Kopf auf seine Schulter.

Wie lange wir letztendlich schweigend dort saßen wusste ich nicht, aber irgendwann hörte ich das Klimpern eines Schlüssels und die Haustür, die langsam geöffnet wurde.

Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass Bella noch den Zweitschlüssel besaß, aber da sie und mein Dad seit der Trennung nicht einmal wirklich miteinander gesprochen hatten und sie ihm wahrscheinlich aus dem Weg ging, sollte das auch keine Überraschung sein.

Es dauerte nicht lange, bis Bella schließlich im Wohnzimmer erschien und als ich ihren besorgten Gesichtsausdruck erblickte, richtete ich mich langsam auf.

„Hey meine Süße“, sagte sie mit solch einer Fürsorge in der Stimme, dass mir gleich schon wieder die Tränen kamen, auch wenn es dafür vielleicht jetzt keinen Grund mehr gab aber es rührte mich, dass sie sich so sehr um mich sorgte.

Außerdem war sie hier hergekommen, obwohl sie den Kontakt zu meinem Dad vermied.

Mir fiel gleich auf, dass sie Edward vollkommen ignorierte und mir tat es weh zu sehen, wie sehr ihn das verletzte, aber er hatte sich diese Situation auch selbst eingehandelt.

„Wie geht es dir?“, fragte sie mich als nächstes, nachdem sie mir einen Kuss auf die Wange gedrückt und mich umarmt hatte.

„Ich… bin dann mal so lange in der Küche“, hörte ich meinen Dad leise sagen und ich wollte schon protestieren, ließ es dann aber doch bleiben, da sich Bella vielleicht so nur unwohl fühlen würde.

„Keine Ahnung“, antwortete ich Bella auf ihre vorherige Frage und zuckte mit den Schultern.

„Ich habe dich schon so lange nicht mehr gesehen und außerdem wollte ich, dass du gerne hier bist und na ja…“, murmelte ich und nahm Bella noch einmal in den Arm.

Es tat gut, dass sie jetzt bei mir war.

„Oh, tut mir leid, Süße... Ist es wirklich schon so lange her, dass wir uns gesehen haben?“
Ich nickte langsam und dachte an die Zeit zurück, in der wir uns wirklich jeden Tag gesehen hatten.

Die Zeit, in der noch alles gut war und in der Bella und Edward noch glücklich waren.

Während sich Bella mit mir unterhielt und mich sanft nach oben in mein Zimmer führte, erzählte ich ihr von den Dingen, die Tanya mir an den Kopf geworfen hatte. Als wir nebeneinander auf meinem Bett saßen, fiel mir auf, dass sie irgendwie anders aussah. Ich konnte mir nicht erklären, was es war, aber irgendetwas war anders.


Bella war ganze zweieinhalb Stunden bei mir und ich genoss diese gemeinsame Zeit mit ihr.

Natürlich konnte ich auch mit meinem Dad reden und ich hatte Daniel und Nessie, aber dennoch war es mit Bella etwas anderes.

Sie war eine Frau und hatte durchaus schon ihre Erfahrungen gesammelt und außerdem gab es Dinge, die ich nicht gerade mit meinem Vater besprechen wollte, also war ich froh, dass Bella sich die Zeit für mich nahm.

Für meinen Geschmack jedoch gingen diese zweieinhalb Stunden viel zu schnell um und ich ärgerte mich darüber, dass Bella nicht wie früher immer einfach bei uns blieb und hier übernachtete.

Sie fehlte mir und auch mein Dad wusste das, deswegen hatte er Bella und mich auch alleine gelassen.

Er saß wahrscheinlich unten im Wohnzimmer auf der Couch und grübelte alleine vor sich hin, während Bella und ich uns in meinem Zimmer unterhielten.

„Versprich mir, dass du bald wieder kommst, ja? Oder na ja… wenn du nicht magst, können wir ja auch mal zusammen weggehen oder ich komme zu dir. Ist das okay?“, fragte ich sie und wartete ungeduldig auf eine Antwort.

„Süße, du weißt doch hoffentlich, dass du nicht zu fragen brauchst wenn du uns besuchen willst. Meine Tür steht immer für dich offen, egal wann und wo du mal jemanden zum reden brauchst. Versprochen“, versicherte mir Bella mit einem Lächeln, bevor sie ihre Arme ausbreitete und mich in eine Umarmung schloss.

„Ich vermisse dich... wirklich“, murmelte ich leise und klammerte mich an sie in der Hoffnung, dass sie vielleicht noch etwas bleiben würde, aber ich wusste, dass zu Hause ihre Tochter auf sie wartete und schließlich war ich nicht ihr Kind…

„Mir geht es da nicht anders…“, hörte ich Bella sagen und sie drückte mich noch einmal, bevor sie mich wieder freigab und sich dann mit einem Lächeln von mir abwandte.

Leise seufzend wollte ich mich auf mein Bett fallen lassen, aber als ich die Stimme meines Vaters wenige Sekunden später aus dem Wohnzimmer hörte, hielt ich in der Bewegung inne.

Bella hatte die Tür wohl nicht ganz verschlossen und ich hörte die Stimmen der Beiden.

„Bella, warte…!“

„Nein, Edward. Lass mich bitte in Ruhe, ich kann das jetzt nicht“, hörte ich Bella antworten und sie klang wirklich eher verzweifelt als wütend, was mir sogleich ein schlechtes Gewissen bereitete.

„Ich weiß, dass es nicht leicht für dich ist, aber bitte lass uns darüber reden. Es ist jetzt soviel Zeit vergangen und….“

Meinem Dad schien es da nicht anders zu ergehen, denn auch er wirkte verzweifelt.

Angestrengt lauschte ich an der Tür und folgte dem Gespräch der Beiden.

„Denkst du etwa, ich würde das mit der Zeit einfach vergessen? ‚Die Zeit heilt alle Wunden?’ Nein, so einfach ist das nicht… Wirklich nicht. Vielleicht können wir uns noch einmal unterhalten, aber nicht jetzt und auch nicht hier.“

Eine kurze Zeit lang blieb es still und ich war schon versucht, mein Zimmer zu verlassen und an der Treppe nachzuschauen, was mit den Beiden los war, bis ich schließlich wieder die Stimme meines Dads hörte.

„Du... Du gibst mir die Schlüssel wieder?“

Er klang zutiefst traurig und bedrückt, aber irgendwie konnte ich Bella verstehen.

„Ja, ich habe vergessen, sie dir wieder zugeben und da ich jetzt schon einmal hier war…“

Ich hörte das Klimpern des Schlüsselbundes, gefolgt von einem lang gezogenen Seufzen.

„Gute Nacht, Edward“, hörte ich Bella noch sagen, bevor die Tür aufging und sie wenige Sekunden später wieder geschlossen wurde.

Doch ich hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es nicht doch noch ein Happy End für uns alle gab und ich würde auch sicherlich daran festhalten. 

2 Kommentare:

  1. nein nicht das...büddeee...lass die 4 nicht so lange leiden....
    ansonsten schönes kap

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  2. sau schönes kapitel lass die 4 wirklich nicht zu lange leiden und schreib schnell weiter ich kann es nicht erwarten bitte

    danke das ich es lesen durfte

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